top of page

 

das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

Ätherische Öle


Die Gruppe der Ätherischen Öle ist meist geschmacklich stark prägend, weshalb diese oft eine wichtige kulinarische Bedeutung haben. Ätherische Öle werden jedoch auch als Wirkstoffe in der Pflanzenheilkunde verwendet.


Bunte Blüten von Oregano-Pflanzen in vollem Grün in einem üppigen Garten. Lebendige rosa und violette Farbtöne dominieren die Szene.
Echter Dost / Oregano

Ätherische Öle sind in der Pflanzenwelt weit verbreitet. Ein hoher Gehalt an Ätherischen Ölen kommt vor allem bei den Lippenblütlern vor. Es ist also kein Zufall, dass zahlreiche Vertreter von ihnen (z.B. Salbei, Oregano, etc.) als Würzpflanzen gelten. Hohe Gehalte findet man auch bei den Kieferngewächsen (Kiefern, Fichten, etc.), Doldenblütlern (z.B. Kümmel) oder einigen Gattungen der Korbblütler (z.B. Kamillen). Gebildet werden Ätherische Öle in speziellen «Öldrüsen».


Chemische Strukturformeln diverser Ätherischer Öle von α-Pinen, Limonen, Fenchon, Camphen, 1,8-Cineol, Thymol. Text mit Pflanzenarten darunter.

Ein «Ätherisches Öl» besteht in der Regel aus einer Mischung von zahlreichen (bis zu mehreren Hundert) verschiedenen Einzelsubstanzen. Die Hauptbestandteile stellen meist Monoterpene oder Phenole dar. Die Einzelsubstanzen haben gemeinsam, dass sie fettlöslich und sehr flüchtig sind, d.h. sie verdunsten rasch und rückstandslos, bzw. verbreiten sich so schnell in der Umgebungsluft. Dadurch erreichen sie über die Luft auch rasch die Nase. Es sind damit also typische Geruchsstoffe. Sie haben deshalb in der Kulinarik eine zentrale Bedeutung beim angenehmen Geschmack von Gewürzen, Gemüsen, Tees, usw. Der Geschmack beim Essen / Trinken wird dabei aber nicht auf der Zunge, sondern über das Duftempfinden in der Nase erzeugt. Je nach konkretem Stoff können auch noch die Wärme- und Kälterezeptoren oder Bitterrezeptoren im Mund am Geschmackserlebnis beteiligt sind. Bei Hitze verflüchtigen sich die Ätherischen Öle rasch, weshalb ein entsprechender Teeauszug immer möglichst mit einem Deckel zugedeckt erfolgen sollte.


Brauner Zucker in Schale, Zimtstangen, getrocknete Orangen, Anis, Vanille und Nüsse auf dunklem Hintergrund arrangiert. Warme, gemütliche Stimmung.
©mizina - stock.adobe.com

Trotz des ähnlichen Namens dürfen Ätherische Öle nicht mit Speiseölen aus der Küche (wie z.B. Olivenöl) verwechselt werden, denn sie können im Gegensatz zu Letzteren nicht zur Energiegewinnung genutzt werden. Die angenehmen Düfte von ätherischen Ölen werden auch bei Parfums, Waschmittel, Duftkerzen, etc. sehr geschätzt und eingesetzt. Sie werden entweder durch Destillation oder Extraktion aus angebauten Pflanzen gewonnen oder (in vereinfachter Form) synthetisch hergestellt.


Ätherische Öle können für die Pflanzen viele verschiedenen Funktionen ausüben, wie z.B.


  • Giftstoffe zur Abwehr von Fressfeinden / Mikroorganismen: Ätherische Öle sind hochpotente Giftstoffe. Sie sind in isolierter Form meist bereits in Dosen von einem niedrigen ml-Bereich tödlich, auch jene aus sonst ungiftigen Arten (wie z.B. das Fichtennadelöl oder Thymianöl). Aus diesem Grund werden reine Ätherische Öle nur sehr niedrig, d.h. in 0.05-ml Tropfen dosiert (von einer inneren Einnahme von reinen Ätherischen Ölen wird generell abgeraten!), bzw. die Flaschen aus dem Handel sind jeweils mit Giftwarnungen versehen. Zum Glück sind die Ätherischen Ölen in ungiftig geltenden Pflanzenarten nur in sehr geringen Konzentrationen vorhanden, so dass wir von denen über einen Tee, Salat oder Gewürz nur sehr geringe, unbedenklich Mengen (vermutlich im 0.00x bis 0.0x-ml Bereich) davon konsumieren. Und diese sehr geringen Mengen reichen sogar meist bereits, um in der Nase einen intensiven Duftreiz auszulösen. Für viele kleinere Tiere, wie Insekten sind aber auch Mini-Mengen bereits tödlich. Auch viele grössere Pflanzenfresser, wie Rehe oder Kühe, meiden in der Kost zu hohe Dosen an Ätherischen Ölen, da dies zu Unwohlsein führen kann. Ätherische Öle wirken auch antimikrobiell gegen Bakterien, Pilze und teils auch Viren.


Drei Flaschen ätherisches Öl auf Holzuntergrund. Labels: "AROMIA", "Kümmel", "Fenchel BIO". Helle Umgebung. Text und Symbole sichtbar. Ätherische Öle snd Giftstoffe !
reine Ätherische Öle sind nicht ohne Grund mit Giftwarnungen verstehen !

  • Tiere anzulocken: Um bei den Blüten potentielle Bestäuber anzulocken, nutzen viele Pflanzen Ätherische Öle als Lockstoffe. Je nach Insektenart dominieren dabei andere Geruchs-Charakteristika. Bei Wildbienen sind es eher süssliche Düfte, während bei Aasfresser v.a. Verwesungsnoten dominieren. Ätherische Öle können auch wesentlich zum angenehmen Geschmack von «Beeren» beitragen und so dafür sorgen, dass diese bei den Tieren für den Verzehr beliebt sind (was wiederum die Samenverbreitung fördert). Es können mit Ätherischen Ölen aber auch die Feinde von pflanzenfressenden Tieren («Pflanzenpolizei») angelockt werden, wie z.B. bei der Vogelkirsche. Diese lockt via Drüsen, die sich am Grund der Blätter binden, Ameisen an, die wiederum die Larven diverser Pflanzenfeinde fressen.


Fliege sitzt auf weißer Blüte vor unscharfem, grünem Hintergrund. Nahaufnahme, Fokus auf Details der Flügel und Blume.
©Schlegelfotos - stock.adobe.com

  • Kühlmittel: Diese Funktion ist v.a. bei Pflanzenarten an heiss-trockenen Standorten (wie dies bei vielen mediterranen Heilkräutern der Fall ist) wichtig. Denn durch die Verdunstung der Ätherischen Öle auf der Pflanzenoberfläche, bzw. der umgebenden Luft wird dort die Verdunstungsenergie entzogen, was zu einer Abkühlung und somit Reduktion von Überhitzung, bzw. geringerem Wasserverlust führt.


wilde Rosmarinbüsche mit blasslila Blüten in einer natürlichen Umgebung. Im Hintergrund sind grüne Bäume zu sehen. Friedliche Atmosphäre.
wilder Rosmarin (©flafabri - stock.adobe.com)

Ätherische Öle haben nebst einem guten Geschmack oft auch eine heiltechnische Bedeutung. Je nach konkretem Stoff können sie nicht nur antimikrobiell, sondern auch entzündungshemmend, krampflösend, schleimlösend, blähmindernd, durchblutungsfördernd, subjektiv kühlend oder lokal betäubend wirken. Ätherische Öle werden dabei auch vom Körper aufgenommen und zwar auf verschiedenen Wegen: Über die Verdauung, über die Haut oder über den Atem. Allerdings sind die typischen im Blut gemessenen Konzentrationen sehr gering. So werden in Studien bei oraler Gabe je nach Stoff und Dosis typischerweise Konzentrationen an Ätherischen Ölen von gar nichts bis zu 100 bis 200 ng/ml oder in seltenen Fällen bis 1 µg/ml gemessen (siehe Literatur unten).


  • schleimlösend: Schleimlösend bedeutet, dass bei produktivem Husten der Bronchialschleim wässeriger und damit flüssiger wird, wodurch dieser einfacher abgehustet werden kann, was zumindest das subjektive Empfinden verbessert (das Gefühl von festsitzendem Schleim bei Husten ist sehr unangenehm). Schleimlösende Ätherische Öle sind z.B. 1.8-Cineol, Alpha-Pinen oder Limonen. Typische Heilpflanzen bei produktivem Husten sind damit z.B. Thymian, Fenchel, Anis oder Fichtennadeln. Die Evidenz daraus bezieht sich jedoch nicht aus klinischen Studien an Menschen, sondern häufig nur aus Laboruntersuchungen und Tierversuchen. Ob bei der Einnahme eines Tees aus den entsprechenden Pflanzen im Zielgewebe für eine relevante Wirkung genügend hohe Konzentrationen an Ätherischen Ölen erreicht werden, ist daher in den meisten Fällen unklar. Nebst dem Tee ist oft auch die Anwendung mit Dampfinhalationen gebräuchlich (was den Vorteil hat, dass damit die Ätherische Öle direkt zur Lunge gelangen)


  • krampflösend: Pflanzen mit krampflösenden Ätherischen Ölen, wie man sie z.B. bei Pfefferminze, Fenchel, Kamille, Schafgarbe, Wermut oder Echte Engelwurz vorfindet, werden z.B. innerlich in Form von Tee bei krampfartigen Verdauungsbeschwerden angewendet.


  • durchblutungsfördernd: Ätherische Öle bewirken auf der Haut aufgetragen (dosisabhängig) in den äusseren Schichten eine Erweiterung der Blutgefässe und damit eine Steigerung der Durchblutung, die mit einem angenehmen Wärmegefühl einhergeht. Nach dem Sport, bei Muskelverspannungen, usw. fühlt sich das Einreiben mit entsprechendem Pflegeöl / Salben (z.B. aus Fichte oder Kiefer) meist entspannend an und auch bei Arthrose / Arthritis kann dies die Symptomatik verbessern.


  • kühlend: Das Menthol, welches man z.B. in der Pfefferminze vorfindet, aktiviert auf der Haut, in der Nase oder im Mund die Kälterezeptoren. Dies erzeugt ein subjektives kühlendes Gefühl, bei dem keine reale Temperaturabkühlung erfolgt.


  • lokal bestäubend: das Eugenol in der Gewürznelke (wie auch den Wurzelfasern der Echten Nelkenwurz) ist äusserlich angewendet ein Schmerzmittel (was man sich z.B. bei Zahnschmerzen zu Nutze machen kann)


  • antimikrobiell: Die antimikrobiellen Eigenschaften nutzen nicht nur die entsprechenden Pflanzenarten zur Abwehr pathogener Keime, sondern diese können auch wir uns zu Nutze machen. Dies, indem man z.B. bei Infektionen im Mund-/Rachenraum Teeauszüge aus Thymian, Salbei (hat zusätzlich auch Gerbstoffe) oder Kamille gurgelt. Allerdings steht auch für diese Anwendung der klinische Beweis für die konkrete relevante Wirkung bisher aus. Die antibakterielle Wirkung erfolgt hauptsächlich über die Störung / Zerstörung der Zellmembran der Bakterien, indem sich diese Stoffe dort einnisten und die Mebranstruktur destabilisieren. Ätherische Öle können auch den schützenden Biofilm von in Gemeinschaft lebenden Bakterien angreifen. Diverse Ätherische Öle wirken im Reagenzglas auch gegen multiresistente Keime. Sind Ätherische Öle deshalb systemische Antibiotika, welche die natürliche Alternative zu klinisch genutzten Antibiotika darstellen? Nun der Teufel liegt im Detail, d.h. Befunde aus dem Labor in-vitro können nicht automatisch auf den komplexen lebenden menschlichen Organismus in-vivo übertragen werden. So liegen nämlich bei Laboruntersuchungen die benötigten Konzentrationen für eine antimikrobielle Wirkung allgemein in einem um mehrere 10er Potenten höheren Bereich (z.B. vom Thymol abhängig von der Bakterium-Art bei meist 150'000 bis 400'000 ng/ml, bzw. bei 1.8-cineol mit Klebsiella pneumoniae 28'830'000 ng/ml) als die Konzentrationen an Ätherischen Ölen, die typischerweise im Blutplasma gemessen werden. Damit machen die verfügbaren Daten einen klinisch relevanten systemischen antibakteriellen Effekt sehr unwahrscheinlich (bedeutet jedoch nicht, dass eines Tages evtl. ein Ätherisches Öl gefunden wird, das trotzdem so klinisch wirksam ist). Um entsprechend wirksame Konzentrationen im Körper zu erreichen, wären wohl Dosen nötig, die nicht nur das Bakterium, sondern auch uns als Wirt zur Strecke bringen.


Nahaufnahme von blühendem Feld-Thymian mit zarten, lila Blüten und grünen Blättern auf steinigem Boden im Freien. Ruhige, natürliche Atmosphäre.
Feld-Thymian

Gewisse Ätherische Öle können bei einigen Leute Allergien, bzw. beim Einatmen Hustenanfälle oder sogar Asthma auslösen. Deshalb ist z.B. bei der Inhalation von Fichtennadelöl Vorsicht geboten. Die EU hat eine Liste mit 54 ätherischen Ölen erstellt, bei denen eine solche Wirkung auf Menschen erwiesen ist. Daneben gibt weitere Stoffe, bei denen Allergien als wahrscheinlich gelten.


Hier noch ein paar interessante Studien zur Bioverfügbarkeit und Plasma-Konzentrationen von Ätherischen Ölen im Menschlichen Körper nach oraler Gabe:


🌱 C. Kohlert et al (2000) - Bioavailability an Pharmacokinetics of Natural Volatil Terpenes in Animals an Humas: Übersicht aus dem Jahr 2000. Unter anderem wird auf eine Studie verwiesen, wo z.B. durch die orale Gabe von Kapseln mit 300mg Myrtol (Gemisch aus 1.8-Cineol, alpha-Limonen und alpha-Pinen - 300mg ist eine sehr hohe Menge, die man niemals mit Kräutertees konsumiert!) eine maximale Plasmakonzentration von 168 ng/mL gemessen wurde. Weitere Studien, wo die Plasma-Konzentrationen nach Inhalation oder Auftragen auf die Haut gemessen wurden, findet man dort ebenfalls, sowie auch Tierstudien


🌱 Papada et al (2020) - An Absorption an Plasma Kinetics Study of Monoterpens in Mastiha Oil in Humans: Hat die Konzentrationen nach dem Konsum von 1mL (sehr hohe Dosis, die niemals mit Kräutertees erreicht wird und möglicherweise auch gefährlich ist) des Mastiha-Öls (Gemisch aus alpha-Pinen, Beta-Pinen, Beta-Myrcen,…) gemessen. die Maximalen Werte waren bei Mycen 966.6+/-87.6 ng/ml, bei alpha-Pinen 914.8 +/- 551.2 ng/ml und bei Beta-Pinen 18 +/- 10.7 ng/ml


🌱 Kohlert et al (2002) - Systemic availability an pharmakonetics of thymol in humas: Leider nur das abstract frei zugänglich. Dort wird erwähnt, dass nach der Gabe von eine Dosis des Medikamentes Bronchipet (ein Hustensaft, mit ca. 1.08 mg thymol), kein Thymol im Blutplasma gemessen wurde, sondern nur deren Abbauprodukte (Thymol sulfat und Thymol glucuronide) mit einer Höchstkonzentration von 93.1 +/-24.5 ng/ml nach ca. 2 Stunden.


und hier noch Studien zu den benötigten Konzentrationen für einen antimikrobiellen Effekt in Laborstudien:


🌱 Speranza et al (2023) - Minimal Inhibitory Concentrations of Thymol an Carvacrol: Toward a Unified Statistical Approach to Find Common Trends: Eine Literaturauswertung, die bei Thymol und Carvacrol je nach Bakterien-/Pilzart, meist eine MIC* von 150 bis 400 mg/L (150’000 bis 400’000 ng/ml) feststellt


*MIC = Minimal Inhibitory Concentrations = niedrigste Konzentration eines antimikrobiellen Stoffes, die das sichtbare Wachstum eines Mikroorganismus in-vitro vollständig hemmt


🌱 weiter wird in Moo et al. (2021) bei 1,8-Cineol als MIC gegen Klebsiellla pneumoniae von 28.83 mg/ml (28’830’000 ng/ml) gesprochen.


🌱 In Kovac et al (2015) wird bei alpha-Pinen beim Bakterium C. jejuni eine MIC von > 1000 mg/L (1’000’000 ng/ml) angegeben


🌱 Zouine et. al (2024) : review zu Stoffen mit niedriger MIC




das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

teile diesen wertvollen Content:   

folge erdflow auf Social-Media:

400PngdpiLogo.png

©2021 erdflow. Erstellt mit Wix.com

Outdoor.jpg
bottom of page