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das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

"Natürliche Antibiotika"


Wie wir Tiere auch, sind auch die Pflanzen ständig kleineren pathogenen Erregern ausgesetzt. Deshalb besitzen sie ein Arsenal an antibiotisch wirkenden Giftstoffen, die auch in Laboruntersuchen «-in-vitro» gut erforscht sind. Doch wirken diese Stoffe, ähnlich wie klinisch eingesetzte Antibiotika, auch systemisch in-vivo? Können wir so, wenn bei einer Erkrankung zur Therapie Antibiotika angezeigt sind, statt auf die «Chemiekeule» einfach auf die geniale Pflanzenwelt zurückgreifen, welche diese Stoffe schon lange als «natürliche Alternative» bereithält? Können Bärlauch und co mit ihren antibiotischen Inhaltstoffen auch bei einer Erkältung die Krankheitserreger zur Strecke bringen?


In Social Media, in Heilpflanzenbüchern oder auch irgendwelchen Supermarktketten-Webseiten werden oft Ätherische Öle, Senföle, Allicin oder Scharfstoffe in der Chili als «natürliche Antibiotika» erwähnt. Als natürlich antibiotisch wirkende Wildpflanzen werden dabei oft Bärlauch, Knoblauchsrauke, Oregano, Thymian, usw. erwähnt. Dass die eben erwähnten Stoffe antibiotisch wirken, steht ausser Frage, doch leider ist unser lebender komplexer menschlicher Organismus ist kein Reagenzglas und mit einer Wirkung im Labor "in-vitro" kann nicht automatisch auf eine Wirkung «in-vivo» geschlossen werden.


Genau aus diesem Grund braucht das ganze Thema der «natürlichen Antibiotika» eine nüchterne Einordnung: Ohne Marketing und ohne unrealistischen Heilsversprechen und genau um das geht es in diesem Beitrag hier.

 

Klinische Antibiotika

Wirkweise pflanzlicher Antibiotika

Pflanzliche Antibiotika in uns Menschen

Lokale Anwendungen

Beispiele mit systemischer Wirkung

 

Verschiedene Wurzeln und Gemüse auf Holztisch als Sinnbild für "natürliche Antibiotika": Ingwer, Kurkuma, Zwiebeln, Knoblauch, Chilischoten. Bunte, erdige Töne im Vordergrund.
©Andrea - stock.adobe.com

Klinische Antibiotika


Bevor wir zu den «pflanzlichen Antibiotika» kommen, müssen wir uns erst einmal anschauen, was denn klinisch eingesetzte Antibiotika genau sind und wie diese genau wirken.


Grundsätzlich sind Antibiotika chemische Stoffe, die das Wachstum von Bakterien hemmen oder sie abtöten. In der Medizin werden Antibiotika bei bakteriellen Infektionen eingesetzt oder wenn so eine mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist (z.B. vor Operationen). Bei viralen Infekten (also Erkältungen, Grippe oder Covid-19) sind solche Antibiotika hingegen wirkungslos. Bevor es klinische Antibiotika gab (vor ca. Mitte des 20. Jahrhunderts), war die Sterblichkeitsrate bei Lungenentzündungen und vielen weiteren bakteriellen Infektionen oder auch nach Operationen sehr hoch und konnte dank den Antibiotika drastisch reduziert werden.


Klinisch eingesetzte Antibiotika: Apotheker in weißem Kittel greift nach Medikamentenschachtel in einer Apothekenschublade. Regale mit Arzneien im Hintergrund.
©bnenin - stock.adobe.com

Auch ein Teil der klinisch eingesetzten Antibiotika sind «komplett natürlich» und stammen entweder von (meist Boden-)Bakterien oder aus Pilzen. Nicht nur die Pilze müssen sich also gegen bakterielle Erreger wehren, sondern auch Bakterien konkurrieren untereinander. Gerade der von Bakterien extrem dicht besiedelte Boden ist dabei eine hart umkämpfte Zone.


Sinnbild für die vielen Bodenbakterien im Boden aus denen viele der heute klinisch eingesetzten Antibiotika stammen
©vrx123 - stock.adobe.com

Doch auch die Mehrheit der klinischen Antibiotika sind letztlich einfach nur chemisch modifizierte Versionen von solch natürlichen Stoffen, haben also ebenfalls einen natürlichen Ursprung.  Diese chemische Modifikation hat das Ziel, Nebenwirkungen zu reduzieren, eine bessere Bioverfügbarkeit zu erzielen oder um Resistenzen zu umgehen, die sich beim natürlichen Ursprungsstoff entwickelt haben. Nebst den rein natürlichen und aus natürlichen Stoffen modifizierten Antibiotika, gibt es auch noch eine kleine Gruppe von komplett synthetisch entwickelten Antibiotika.


Das Idee bei klinisch eingesetzten Antibiotika ist immer eine selektive Toxizität. Das bedeutet, dass die Wirkstoffe Stoffwechselprozesse oder Strukturen in den Bakterien stören sollen, die nur Bakterien besitzen, wir Menschen aber nicht. Denn das Ziel ist es ja nur den Erreger zu killen und nicht auch noch uns als Menschen selbst. Um so eine selektive Toxizität zu erreichen, gibt es je nach Antibiotikum-Wirkstoff unterschiedliche Wirkprinzipien, wie z.B.

  • Die Bildung der Bakterien-Zellwand (der schützenden Aussenschicht von Bakterien) wird verhindert. Dadurch stirbt das Bakterium anschliessend unter hohem osmotischem Druck. Das Gute dabei: Tierische Zellen habe keine Zellwand, d.h. unsere eigenen Zellen werden so nicht zerstört. Dieser Typ von Antibiotika ist der am häufigsten eingesetzte Typ (b-Lactam-Antibiotika)

  • Hemmung der Proteinsynthese, und zwar an bestimmten Ribosomen-Typen (Ribosomen = die Proteinbildungsfabriken in den Zellen), die nur in Bakterien, nicht jedoch in menschlichen Zellen vorkommen

  • Weiter gibt es auch Antibiotika, welche die Kopierung der bakteriellen DNA oder auch die RNA-Ablesung hemmen oder sonst wie in den Bakterien-Stoffwechsel eingreifen.

Struktur einer Bakterienzelle
Struktur einer Bakterienzelle (©nmfotograf - stock.adobe.com)

Weiter unterscheidet man zwischen bakteriziden und bakteriostatischen Antibiotika:

  • bakterizid: Das Antibiotikum töten die Bakterien direkt ab.

  • bakteriostatisch: Das Antibiotikum stoppt nur das Wachstum und die Vermehrung der Bakterien, killt diese aber nicht direkt. Damit können die Bakterien von unserem Immunsystem aber rascher zur Strecke gebracht werden.


Es gibt über 200 klinisch eingesetzte Antibiotika und nicht jeder Stoff wirkt gegen jedes Bakterium, bzw. an jedem Ort im Körper. Das bedeutet, dass deren Wirkspektrum oft sehr selektiv ist. Die Wahl, welches Antibiotikum vom Arzt verschrieben wird, richtet sich nach dem genauen Erreger, Infektionsort, Patient, Resistenzlage, usw.


©bnenin - stock.adobe.com
©bnenin - stock.adobe.com

Das Problem sind jedoch Resistenzen! Der Kampf gegen die bakteriellen Erreger haben wir als Menschheit noch lange nicht gewonnen. Denn durch den Einsatz von Antibiotika entsteht ein gewisser Selektionsdruck, wodurch Bakterien-Individuen, die eine gewisse Resistenz gegen Antibiotika haben, sich rascher vermehren können. Damit entwickeln sich mit der Zeit Keime, gegen die Antibiotika wirkungslos sind. Die Zahl der Todesfälle, die direkt wegen solchen Resistenzen nicht durch Antibiotika verhindert werden können, wird auf eine Million pro Jahr geschätzt und das Problem wird in der Zukunft noch viel grösser werden. So zählen Antibiotika-Resistenzen zu den grössten Gefahren, bzw. Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung.


Das Problem der Resistenzen entsteht automatisch durch den Einsatz von Antibiotika und kann deshalb auch nicht gänzlich verhindert werden, wird jedoch durch einen übermässigen Einsatz stark gefördert. Dies indem beispielsweise Antibiotika verschrieben oder eingenommen werden, wo diese gar nicht notwendig wären oder wirkungslos sind (z.B. bei viralen Infekten). Eine weitere Quelle für Resistenzen entsteht in der Landwirtschaft, wenn dort einfach mal prophylaktisch ganze Tierherden (statt nur kranke Tiere) vorsorglich mit Antibiotika vollgepumpt werden oder Antibiotika zur Steigerung der Fleischproduktion eingesetzt werden.



Wirkweise pflanzlicher Antibiotika


©Manuel Stockenreiter - stock.adobe.com
©Manuel Stockenreiter - stock.adobe.com

Wie erwähnt, sind auch Pflanzen den bakteriellen Erregern ausgesetzt und um sich gegen diese zu behaupten, haben sich evolutionär diverse antibakterielle Giftstoffe entwickelt und durchgesetzt:

  • Die häufigste Wirkweise (wie z.B. den Ätherischen Ölen, Saponinen, Flavonoide, Senföle, gewisse Flavonoide) ist die Störung / Zerstörung der Zellmembran. Dies indem sich diese Stoffe dort einnisten, dann die Struktur der Membran destabilisieren und wenn die Membran danach nicht mehr richtig funktioniert, stirbt der Erreger.

  • Andere Stoffe, wie z.B. Allicin (im Knoblauch) oder Senföle (in vielen scharfen Kreuzblütlern drin) können zusätzlich auch in die Bakterien-Zelle eindringen und dort an Proteine (u.a. auch Enzyme) andocken, bzw. diese so deaktivieren, dass der Zellstoffwechsel zum Erliegen kommt.

  • Gerbstoffe wiederum wirken dadurch, indem sie Proteine miteinander verkleben. Verklebte Proteine an den Zellwänden der Erreger stören so deren Nahrungsaufnahme. Gerbstoffe können teils sogar Bakterien miteinander verkleben (die so aneinander «gefesselt» werden).

  • Es gibt auch Bakterien, die als Gemeinschaft in einem «schützenden Biofilm» leben und Ätherische Öle / bestimmte Flavonoide können diesen schützenden Biofilm angreifen.

  • Gewisse Flavonoide können auch Enzyme, die bei der DNA-Replikation benötigt werden, hemmen und gewisse Stoffe (diverse Alkaloide, gewisse Flavonoide oder auch «durch UV-Licht aktivierte Furocumarine») schädigen auch direkt die DNA.


Pflanzliche Antibiotika greifen also, im Gegensatz zu klinischen Antibiotika, nicht «chirurgisch präzise», sondern in der Regel unspezifisch auf breiter Front an, d.h. gegen Membrane generell, direkt auf Proteine / DNA und zwar egal, um welche Spezies es sich handelt. Dadurch wirken diese pflanzlichen Antibiotika nicht nur gegen Bakterien, sondern meist auch gegen Pilzerreger, teils sogar gegen Viren, weshalb man meist nicht einfach nur den Begriff «antibakteriell» nutzt, sondern allgemein von «antimikrobiell» gesprochen wird. Pflanzen sind einer breiten Front an Feinden ausgesetzt (Bakterien, Pilze, Viren, Insekten, grössere Pflanzenfresser) und ihre Abwehrstoffe müssen breit gegen diese viele verschiedenen Feinde wirken. Darum wird auch mit dieser Art «Flächenbombardement» unspezifisch «auf alles geschossen, was der Pflanze irgendwie schaden könnte».


Die Bodenbakterien (von denen viele klinische Antibiotika stammen, bzw. chemisch davon abgeleitet sind) haben hingegen in der Regel ein sehr spezifisches, bzw. «chirurgisch präzises» Giftstoff-Waffenarsenal, denn diese wollen ja nur ihre Bakterien-Konkurrenten und nicht sich selbst killen.


Die antibakteriellen Stoffe von Pflanzen schaden wegen derer breiten Wirkung sogar oft auch der Pflanze selbst und werden deshalb innerhalb der Pflanze in einer unschädlichen Form gelagert (z.B. an Zucker gebunden) und nur bei einem Angriff dann gezielt daraus freigesetzt.


die Senföle der Knoblauchsrauke werden in der Pflanze in eine an Zucker gebundene Form als "Senfölglykoside" aufbewahrt (da Senföle für die Pflanzen selbst auch giftig sind) und erst bei einem Angriff enzymatisch freigesetzt
die Senföle der Knoblauchsrauke werden in der Pflanze in eine an Zucker gebundene Form als "Senfölglykoside" aufbewahrt (da Senföle für die Pflanzen selbst auch giftig sind) und erst bei einem Angriff enzymatisch freigesetzt

Pflanzliche Antibiotika in uns Menschen


Wegen ihrer breiten, unspezifischen Wirkung als eine Art Flächenbombardement, greifen pflanzliche Antibiotika auch tierische (d.h. auch unsere menschlichen) Zellen an. Denn auch unsere Zellen haben Zellmembrane, die durch diese pflanzlichen Antibiotika zerstört werden. Auch unsere Zellen haben Enzyme, welche durch diese Stoffe blockiert werden und auch unsere Zellen haben eine DNA, welche durch diese Stoffe zerstört wird. Dies während klinisch eingesetzte b-Lactam-Antibiotika an die sogenannten Penicillin-bindenden Proteine (Enzyme für den Aufbau der Bakterien-Zellwand) binden, welche in menschlichen Zellen nicht existieren (bzw. menschliche Zellen haben nicht mal eine Zellwand).


Pflanzliche Antibiotika konsumieren wir z.B. wenn wir ein leckeres Gewürz mit Ätherischen Ölen einnehmen, wildes Blattgemüse mit viel Flavonoide drin essen, unser Menü mit Knoblauch aromatisieren oder den Cervelat vor dem Reinbeissen in den Senf eintauchen. Doch obwohl die entsprechenden Stoffe auch für unsere Zellen giftig sind, sterben wir dabei nicht, denn es gilt «Die Dosis macht das Gift». Die Mengen an diesen Stoffen, die mit normaler Nahrung aus ungiftigen Nahrungsmitteln in üblichen Dosen vom Körper aufgenommen werden, sind zu gering für relevante Zellschädigungen. Diese Giftstoffe werden entweder gar nicht oder nur in geringen Mengen vom Körper aufgenommen, bzw. wenn sie in den Körper gelangen, werden diese rasch in der Leber abgebaut. Und falls diese Stoffe an unseren Zellen Schäden verursachen, haben wir dazu Reparaturmechanismen.


Doch was für uns Menschen gilt, gilt genau auch für Bakterien: «Die Dosis macht das Gift»! Die antibakteriellen Wirkungen pflanzlicher Stoffe, werden durch Laborversuche in Reagenzgefässen («in-vitro») beschrieben, indem diese Stoffe in bestimmten Konzentrationen den entsprechenden Bakterienstämmen zugefügt werden und dann geschaut wird, was passiert. Die Wirkung hängt dabei von der Konzentration des Stoffes ab. Ist die Konzentration zu gering, passiert nichts oder nichts relevantes. Erst ab der sogenannten MIC, der «minimal inhibitory concentration» (minimale Hemmkonzentration), wird das Bakerienwachstum sichtbar gehemmt, bzw. ab der MBC («minimal bactericidal concentration») werden 99.9% der Bakterien abgetötet.


©Orathai - stock.adobe.com
©Orathai - stock.adobe.com

Und hier kommen wir zum eigentlichen Kern der Sache: Für eine relevante systemische antibakterielle Wirkung im lebenden menschlichen Organismus («in-vivo») muss die Konzentration des «pflanzlichen Antibiotikas» im entsprechenden Gewebe genügend hoch sein…und genauer hier steckt der entscheidende «Teufel im Detail»!

  • Viele der pflanzlichen Antibiotika werden gar nicht und nur in sehr geringem Masse vom Körper aufgenommen.

  • Und wenn aufgenommen, dann werden die meisten Stoffe im Körper sehr rasch verstoffwechselt und damit unwirksam gemacht.

  • So liegen z.B. bei Ätherischen Ölen die typischen Konzentrationen im Blutplasma (auch bei hohen Dosen, die weit über dem liegen, was man in einem Tee zu sich nimmt) typischerweise mehrere 10er-Potenzen unter den typischen MIC-Werten


Trotz der «in-vitro»-Wirkung dieser natürlichen pflanzlichen Antibiotika im Labor, kann also nicht automatisch auf eine systemisch relevante Wirkung im menschlichen Körper «in-vivo» geschlossen werden bzw. aufgrund der typischerweise viel zu geringen Konzentrationen im Körper ist dies in den allermeisten Fällen auch gar nicht zu erwarten.


Soll man davon also einfach mehr konsumieren, d.h. statt einer Tasse Thymiantee einfach das reine Ätherische Öl direkt einnehmen, um so auf genügend hohe Konzentrationen im Körper zu kommen? Nun, das ist keine gute, ja sogar eine tödlich-fatale Idee (macht das bitte nicht!): Da pflanzliche Antibiotika, wie z.B. Ätherische Öle eben breit und unspezifisch als Flächenbombardement wirken, wären in den allermeisten Einnahme-Dosen, wo dann im Körper für eine relevante Wirkung genügend hohe Konzentrationen erreicht werden würden, starke Nebenwirkungen bis sogar Todesfolgen ein Thema. So sind reine Ätherische Öle bereits in geringen ml-Dosen tödlich und deshalb muss man davon auf jedenfall die Finger davonlassen!


Arznei-Thymian (Thymus pulegioides)
Arznei-Thymian (Thymus pulegioides)

Ein analoges Beispiel aus dem Alltag: Desinfektionsmittel haben meist einen Alkohol-Gehalt von 70%, was effizient Viren und viele Bakterien abtötet. Eine Erkältung wird trotzdem nicht mit einem Vollsuff behandelt, denn auch richtig stockbesoffen hat man nur ca. 0.3% Ethanol im Blut, während man bereits bei 0.4 bis 0.6% stirbt, also längst bevor die benötigten 70% erreicht werden.


Das bedeutet jedoch nicht, dass es kein bestimmtes pflanzliches Antibiotika XY gäbe, bzw. eines geben könnte, welches gegen Erreger YZ im Körpergewebe XY systemisch eine klinisch relevante Wirkung entfaltet und dabei auch noch gut verträglich ist. Doch bevor man entsprechende sensationelle Heilsversprechen macht: Bitte dabei auch Evidenzen zur Plausibilität der klinischen Relevanz in-vivo vorweisen! Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass in Zukunft evtl. normale Antibiotika mit gewissen pflanzlichen Stoffen ergänzt werden, um damit synergistisch deren Wirkung zu verstärken bzw. die Gefahren von Resistenz-Entwicklungen zu vermindern.

 

Lokale Anwendungen


Bei lokalen therapeutischen Anwendungen, da können pflanzliche Antibiotika vermutlich ihre wahren Stärken ausspielen, wie z.B.

  • bei Infektionen auf der Haut mit einer Behandlung durch Salben / Umschläge

  • zur Desinfektion von Wunden

  • bei Infektionen im Mund-Rachenbereich direkt durch Gurgeln (z.B. eines Salbei-Teeauszuges)

  • das Trinken von Gerbstoffpflanzen-Zeeauszügen bei Durchfall

  • usw.



Für die meisten dieser Anwendungen gibt es zwar keine klinischen Studien, allerdings sind diese viel plausibler als Heilsversprechen mit innerlicher Anwendungen, die einer Aufnahme der antimikrobiuell wirkenden Wirkstoffe vom Körper bedürfen. Äusseres Gewebe ist selbst auch viel robuster gegen diese Stoffe als das innere Gewebe, so dass dort auch viel höhere Konzentrationen vertragen werden.

 

Beispiele mit systemischer Wirkung


Es gibt tatsächlich auch Beispiele, wo Krankheitserreger auch innerlich bekämpft werden können.


Kombination Meerrettich / Kapuzinerkresse: Bei Blasenentzündungen wird bei dieser Kombi eine mögliche antibakterielle Wirkung in der Blase diskutiert. So gibt es z.B. Hinweise, dass sich die unwirksamen Abbauprodukte der Senföle (die Mercaptursäuren) im Harn zu Senfölen (den eigentlich antibakteriell wirkenden Stoffen) in genügend hoher Konzentration rückumwandeln würden (Marton et al 2012). In einer klinischen Studie (Stange et al 2017) zeigt die Behandlung bei akuten Blasentzündungen mit einem Präparat dieser Kobi zwar einen Trend zur Wirksamkeit, doch eine Gleichwertigkeit zu Antibiotika konnte nicht nachgewiesen werden. Eine neuere Studie zur Prophylaxe bei wiederkehrenden Blasenentzündungen (Albrecht et al 2026), zeigt hingegen eine signifikante Wirkung gegenüber dem Placebo. Verwenden kann man bei Blasenentzündungen übrigens auch Cranberry-Saft. In diesem Fall sorgen die Wirkstoffe dafür, dass gewisse Bakterienarten sich nicht an die Blasenschleimhaut anhaften können (allerdings ist bei diesem Thema die Studienlage inkonsistent, vermutlich u.a. durch unterschiedliche Präparate mit unterschiedlichem Wirkstoffgehalt bedingt).


Kapuzinerkresse (©inka - stock.adobe.com)
Kapuzinerkresse (©inka - stock.adobe.com)

Einjähriger Beifuss / Artemisinin: Der Einjährige Beifuss (Artemisia annua) erlebt gerade einen ziemlichen Hype in der Szene. Die Heilsversprechen reichen von Wirkung gegen Viren, Covid-19, Borreliose, usw. Der enthaltene Wirkstoff Artemisinin wurde früher tatsächlich in der Medizin klinisch eingesetzt, und zwar gegen Malaria. Heutzutage werden leicht chemisch modifizierte Substanzen davon verwendet, denn diese sind besser wasserlöslich, bleiben länger im Körper und haben eine gleichmässigere Bioverfügbarkeit.


Einjähriger Beifuss (©groisboeck - stock.adobe.com)
Einjähriger Beifuss (©groisboeck - stock.adobe.com)

Das Artemisinin wird vom Körper aufgenommen und gelangt so ins Blut, wo auch der Malariaerreger «Plasmaodium falciparum» sein Unwesen treibt. Das Artemisinin im Blut kann dabei in die Zellen dieser Erreger eindringen. Da sich die Erreger vom Hämoglobin des Blutes ernähren, entstehen im Inneren der Zellen sogenannte «Häm-Moleküle». Das Artemisinin reagiert mit diesen Häm-Molekülen, wodurch freie Radikale entstehen, welche die Membrane und Proteine des Erregers angreifen.


Es handelt sich also bei Artemisinin und dem Malariaerreger um eine hochspezifische Wirkung, die nicht auf andere Pathogene übertragen werden kann. Ausserdem ist «Plasmaodium falciparum» nicht mal ein Bakterium, sondern ein Protist.  Zwar wirkt Artemisinin, wie viele andere Sekundäre Pflanzenstoffe, in-vitro bei genügend hohen Konzentrationen auch gegen diverse Bakterien und Viren, doch wie immer bedeutet das noch längst nicht, dass daraus automatisch eine in-vivo Wirkung daraus abgeleitet werden kann (es gibt hierzu keine klinischen Daten). Und genau dieses kleine Detail, dass «in-vitro eben nicht gleich automatisch in-vivo ist », wird von all diesen zahlreichen «Artemisia annua»-Influencern nicht erwähnt!!!



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