das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen
Grundlagen der evidenzbasierten Pflanzenheilkunde
Was ist die evidenzbasierte Pflanzenheilkunde ?
Evidenzbasierter Erkenntnisgewinn - Wunsch vs. Realität
Wissensquellen zur evidenzbasierten Pflanzenheilkunde
Alternative Heilkonzepte im Zusammenhang mit Pflanzen
Wissenschaftlich anmutende Desinformation
Kritische Beurteilung subjektiver Heilpflanzen-Erfahrungen

Was ist die evidenzbasierte Pflanzenheilkunde ?
Die evidenzbasierte Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) basiert auf ein rationales, naturwissenschaftliches Weltbild mit dem Wirken pflanzlicher Wirkstoffe und fügt sich damit in die moderne Medizin ein. Diese rein naturwissenschaftliche Herangehensweise grenzt sich deshalb klar von Konzepten ab, die auf esoterisch-spirituellen Grundlagen stehen (z.B. Wesen der Pflanzen, Homöpathie), auf alternative Vorstellungen über Gesundheit / Krankheit basieren (z.B. 4-Säfte-Lehre, Meridiane in der TCM, usw.) oder sich (wie die "Volksheilkunde") 1:1 auf das "Alte Wissen" beziehen.
Bei Heilpflanzen-Zubereitungen handelt es sich im Gegensatz zu synthetischen Medikamenten um ein Vielstoffgemisch. Der Gehalt bestimmter Inhaltsstoffe kann dabei je nach Standort, Pflanzenexemplar, Jahreszeit, Schädlingsbefall, usw. unterschiedlich sein. Nicht immer kann die Wirkung einer Heilpflanzen-Zubereitung auf einen bestimmten Inhaltsstoff zurückgeführt werden. Häufig ist nicht nur ein Wirkstoff, sondern eine Kombination diverser Stoffe für die pharmakologische Wirkung verantwortlich. Die An- oder Abwesenheit wirksamkeitsbestimmender Stoffe kann dabei die Wirkung eines Hauptwirkstoffes erst möglich machen, oder verstärken / verringern.
Bei den Wirkstoffen einer Heilpflanze, resp. Heilpflanzenzubereitung, handelt es sich fast immer um Sekundäre Pflanzenstoffe, d.h. Stoffe, die zwar wichtige Funktionen erfüllen, jedoch nicht für das «unmittelbare» Überleben notwendig sind, wie z.B. Giftstoffe. Die verschiedenen sekundären Pflanzenstoffe, die man so in Pflanzen findet, können in vielen Fällen zu Stoffgruppen wie Gerbstoffe, Ätherische Öle, Flavonoide, usw. zusammengefasst werden. Die einzelnen Stoffgruppen mit ihren heiltechnischen Bedeutungen werden im Abschnitt zu den Sekundären Pflanzenstoffen behandelt.
Evidenzbasierter Erkenntnisgewinn - Wunsch vs. Realität
Die Grundlage vom Erkenntnisgewinn in der evidenzbasierten Phytotherapie stellen chemische und biochemische Untersuchungen über Wirkstoffe, Labor- und Tierstudien, klinischen Studien an Menschen, sowie Extraktions- und Bioverfügbarkeitsstudien dar. Dabei wird nicht nur den Wirkungen auf den Grund gegangen, sondern auch möglichen Gefahren und Nebenwirkungen beim Gebrauch.
Auch wenn sich die evidenzbasierte Pflanzenheilkunde vom Konzept her in die moderne Medizin einfügt, ist die Evidenzbasis bei Heilpflanzen (im Gegensatz zu pharmakologisch eingesetzten Medikamenten) meist sehr lückenhaft. Es gibt zwar auch pflanzliche Zubereitungen, wo die Wirkung durch qualitativ hochstehende klinische Studien an Menschen belegt wurde (z.B Efeupräparate bei Husten), doch das sind eher Ausnahmen. Dies nicht zuletzt, weil solche Studien sehr teuer sind und sich vielfach für die Hersteller nicht lohnen. Auch ist es z.B. in den meisten Fällen praktisch unmöglich von einer Teezubereitung ein glaubhaftes Placebo anzufertigen. So gibt es keine Nachweise über qualitativ hochstehende klinische Studien, dass z.B. ein Thymiantee bei Husten eine relevante Wirkung hätte. Ebenso fehlen klinische Nachweise für das Gurgeln von Gerbstoffpflanzen bei Halsentzündungen, dem Wirken von Heilpflanzen bei Verdauungsproblemen (wie Schafgarbe), usw und so fort. In der Beurteilung von Heilsversprechen ist man daher sehr oft hauptsächlich auf die Evidenz von Labor- und Tierversuche angewiesen Letztere Erkenntnisse können jedoch niemals Daten einer klinische Studien an Menschen ersetzen und sind daher immer mit Vorsicht zu geniessen.

In dieser Mehrheit von Fällen wird deshalb oft der Begriff der "wissenschaftlicher Plausibilität" verwendet. Bei einer Heilpflanze, die in der evidenzbasierten Pflanzenheilkunde "akzeptiert" ist, aber keine qualitativ hochwertigen klinischen Studien an Menschen vorliegen, schaut man sich deshalb die komplette Evidenz aus dem bekannten Inhaltstoffen, von Labor- und von Tierversuchen, usw an und beurteilt u.a. aufgrund von Körperphysiologie, Bioverfügbarkeit und was man über die einzelnen Inhaltsstoffe generell weiss, ob ein Heilsversprechen "wissenschaftlich plausibel" sein könnte oder nicht. Dass dieses ganze Vorgehen diverse Unsicherheiten und Unklarheiten mit sich bringt, ergibt sich also quasi von selbst, wodurch eindeutigen-klare Aussagen zu den Heilwirkungen mit Vorsicht zu geniessen sind und Angaben oft auch das Ergebnis von Interpretationen und Abwägungen sind. Ebenso ist sind dabei Ambiguitäten und auch unterschiedlichen Meinungen völlig normal. Trotzdem sollte man von Floskeln wie "jede Meinung ist legitim da nur Interpretationssache" absehen, denn es gibt in der Kräuterwelt da draussen auch viele Fälle von gewisse Heilsversprechen, die wissenschaftlich einfach nicht haltbar sind (z.B. dass man mit Meisterwurz-Tee Schwermetalle aus dem Körper ausleiten könne).
Im Bereich der Wissensvermittlung über Heilpflanzen auf evidenzbasierter Grundlage, bewegen wird uns also auf einem schmalen Grat von einerseits dem Wunsch nach klarer wissenschaftlicher Evidenz, andererseits aber auch der Realität, dass Daten meist nur lückenhaft vorhanden sind und man in den meisten Fällen auf Interpretationen zur "wissenschaftlichen Plausibität" greifen muss, die mit grossen Unsicherheit verbunden sind.
Wissensquellen zur evidenzbasierten Pflanzenheilkunde
Bücher
Bücher sind als Informationsquellen für Laien die erste Wahl, denn sie fassen Erkenntnisse aus Studien und Monographien in verständlicher Form zusammen. Allerdings muss man sich bei einem Heilpflanzenbuch immer bewusst sein, ob es sich bei den Informationen um evidenzbasierte Phytotherapie handelt oder ob es sich um eine volksheilkundliches oder esoterisch-spirituell basiertes Buch handelt. Um dies zu beurteilen, helfen einerseits Rezensionen im Internet und andererseits merkt man oft bereits bei der Buchbeschreibung, bzw. Leseproben, um was es dort primär geht.
Zu beachten ist, dass auch in volksheilkundlichen oder esoterisch-spirituellen Heilpflanzen-Büchern teils ebenfalls von "Wissenschaft" oder "Studien" die Rede ist. Oft handelt es sich dabei jedoch um Cherry-Picking, d.h. es wird dann auf die Wissenschaft Bezug genommen wird, wenn es gerade passt, aber dann ignoriert, wenn es nicht passt. Weiter ist in solchen Büchern auf wissenschatflich anmutende Desinformation ein grosses Thema. Wenn also in einem Heilpflanzenbuch von Studien gesprochen wird, dann muss nicht in jedem Fall auch evidenzbasierte Pflanzenheilkunde dahinterstehen! Von Büchern, wo man von Beginn weg merkt, dass total unverhältnismässige und grenzenlose Allerheilsversprechen propagiert werden, sollte man die Finger davonlassen!
Meine Empfehlungen zu Heilpflanzen-Büchern mit evidenzbasierter Qualität sind z.B. «Grüne Apotheke» von Grünwald / Jänicke, das «Heilpflanzenlexikon» von Dietrich Frohne, «Heilpflanzenpraxis Heute» von Siegfried Bäumler, «Wichtl- Teedrogen und Phytopharmaka» von Wolfgang Blaschek oder der «Kosmos Heilpflanzenführer» von Ingrid und Peter Schönfelder.
Monographien
Auf Grundlage bisheriger Forschungsergebnisse werden von verschiedenen Akteuren sogenannte "Monographien" erstellt. Monographien sind Schriften, wo bei einer bestimmten Pflanzenart Erkenntnisse, Wirksamkeit, Sicherheit, Kosten-Nutzen, Anwendung usw. auf Basis des wissenschaftlichen Forschungsstandes zusammengetragen werden. Solche Akteure sind z.B. HMPC oder ESCOP (siehe weiter unten).
Kommission E: Die Kommission E war eine Kommission im deutschen Bundesgesundheitsamt. Diese hat bis 1994 diverse Studien von pflanzlichen Arzneimitteln auf deren Wirksamkeit ausgewertet und verfasste dabei insgesamt 378 Monographien. Bei 230 der untersuchten Heilpflanzen konnte eine Wirkung als plausibel werden («Positiv-Monographie»). Bei den anderen Heilpflanzen konnten keine plausiblen Wirkungen nachgewiesen werden und zwar indem entweder gleichzeitig auch keine Risiken («Null-Monographien») oder aber ernstzunehmende Gefahren («Negativ-Monographien») festgestellt wurden.
Die Monographien der Kommission E waren damals die rechtsverbindliche Grundlage für die Zulassung pflanzlicher Arzneimittel in Deutschland. Hersteller konnten sich im Rahmer der Zulassung von pflanzlichen Arzneimitteln darauf abstützen. Die Aktualisierung der Monographien wurde im Jahr 1994 eingestellt und so entsprechen deren Erkenntnisse nicht mehr dem aktuellen Wissenstand (im Jahr 2025 sind diese Infos bereits seit über 30 Jahren nicht mehr aktualisiert worden!). Die Kommission E existiert zwar immer noch, doch für die Zulassung und Rechtsverbindlichkeit ist inzwischen die Europäische Arzneimittelagentur zuständig. Bis vor kurzem waren die Monographien noch frei im Internet erhältlich, mittlerweile sind diese jedoch unauffindbar.
HMPC: Die aktuelle rechtsverbindliche Grundlagen von pflanzlichen Arzneimitteln für die Zulassungsbehörden der EU-Länder unterliegt den (bisher 160) Monographien des HMPC (Committee on Herbal Medicinal Products), die das Pedant zur Kommission E auf Stufe der Europäischen Union darstellt. HMPC ist innerhalb Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel. Die Monographien, bei denen Zubereitung, Dosierung, Wirkung, Gefahren, usw. zusammengetragen werden, werden alle 5 Jahre aktualisiert und dabei in englischer Sprache verfasst. Sie sind unter folgendem Link öffentlich und kostenlos einsehbar: https://www.ema.europa.eu/en/search?f%5B0%5D=ema_search_categories%3A85&f%5B1%5D=herbal_outcome%3A254
In der Bewertung pflanzlicher Zubereitungen zu entsprechenden Indikation existieren bei den Monographien die folgenden Kategorien:
Well-established use: Die Wirksamkeit wurde bei mindestens einer kontrollierten klinischen Studie von guter Qualität belegt und die Zubereitung ist als Arzneimittel seit mindestens 10 Jahren mit guter Dokumentation in einem EU-Land auf dem Markt. Hersteller, die sich auf die Monographie beziehen, können ihr Produkt in der EU als vollwertiges Arzneimittel registrieren lassen, ohne dass ein klassisches (komplexes und teures) Zulassungsverfahren (wie sonst für Arzneimittel) nötig wäre.
Traditional-use: Die Anwendung muss eine langjährige Tradition in der Anwendung haben und dabei seit mindestens 30 Jahre, resp. mind. 15 Jahre in einem EU-Land genutzt werden. Ausserdem müssen ausreichende Daten zur Sicherheit und Plausibilität der Wirkung (aus Inhaltstoffen, Labor- und Tierversuchen, usw.) vorliegen. Weiter muss bei der Anwendung eine Selbstmedikation ohne ärztliche Anspruchsnahme möglich sein. Hersteller, die sich auf die Zubereitungen aus der Monographie beziehen, kriegen zwar keine reguläre Zulassung als Arzneimittel, jedoch nach einem entsprechenden (vereinfachten) Antrag eine Registrierung als "traditionelles pflanzliches Arzneimittel".
Zu jeder Monographie existiert auch ein frei zugänglicher «assessment-report», wo zur entsprechenden Pflanzenart alle relevanten wissenschaftlicher Grundlagen, Studien, Evidenz über die Wirksamkeit und Sicherheit zusammengetragen werden. Diese Ressource ist sehr wertvoll, wenn man sich mit der Wirkung einzelner Arzneipflanzen genauer beschäftigen will.
ESCOP: Parallel zur HMPC verfasst auch ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) Monographien. Die ESCOP ist der europäische Zusammenschluss der jeweiligen nationalen Phytotherpapie-Fachgesellschaften (also dem Verband von verschiedenen Akteuren in der Branche). Im Gegensatz zum HMPC sind die ESCOP-Monographien nicht rechtsverbindlich und auch nicht kostenlos zugänglich. Sie können öffentlich auf escop.com erworben werden. Die ESCOP-Monographien sind in englischer Sprache verfasst.
Internet
An Content über Heilpflanzen mangelt in den Weiten des Internets definitiv nicht! Soziale Medien sind heuzutage von der Informationsbeschaffung nicht mehr wegzudenken und es macht auch durchaus Sinn diese Ressourcen zu nutzen. Es lohnt sich jedoch vorgängig diue entsprechenden Content-Creators zu durchleuchten, um zu wissen, mit welcher Informationsgrundlage man es zu tun hat.
Ein paar Internetseiten zum Thema Pflanzenheilkunde mit evidenzbasierter Qualität, die mir persönlich über den Weg gelaufen sind und ich weiterempfehlen kann, sind:
https://arzneipflanzenlexikon.info: Auf dieser Homepage sind (derzeit 180 verschiedene) Heilpflanzen beschrieben, inkl. ihren medizinischen Anwendungen, Dosierungen, Hinweise, usw. Die Heilpflanzen können auch gezielt nach der entsprechenden Krankheit, bzw. dem Symptom aufgerufen werden. Es handelt sich um ein Projekt der Kooperation Phytopharmaka (https://www.koop-phyto.org), d.h. der wissenschaftlichen Gesellschaft, die sich in Deutschland für die Stärkung des Stellenwertes von pflanzlichen Arzneimitteln im Gesundheitssystem einsetzt. Sie setzt sich zusammen aus Hersteller und/oder Vertreiber von pflanzlichen Arzneimitteln oder pflanzlichen Ausgangsstoffen, Forschungs- und Untersuchungsstellen für Phytopharmaka, sowie Dienstleistern auf diesem Gebiet.
https://www.awl.ch/heilpflanzen/index.htm: Diese Datenbank ist Teil der Homepage des pensionierten Chemikers Werner Arnold. Dort sind zahlreiche Heilpflanzen auf rational-evidenzbasierter Grundlage beschrieben. Insbesondere die Beschreibung der Inhaltsstoffe ist dabei sehr detailliert und teilweise findet man Links, die einem zu weiteren Informationen führt. Es findet sich dort ausserdem eine übersichtliche Auflistung der Heilpflanzen nach Indikation.
Studien
Der Königsweg zur Beschaffung / Überprüfung von Informationen über Heilpflanzen, ist zweifelslos, selbst alle möglichen verfügbaren Studien zu einem bestimmten Thema zu konsultieren. Das Problem dabei ist jedoch:
Studien lesen braucht viel Zeit, vor allem wenn man für die saubere Recherche mehrere Studien zum Thema konsultieren will
Studien sind in einer Fachsprache geschrieben, die ohne medizinische Ausbildung teils nur schwer zu verstehen ist
um die Qualität / Plausibilität einer Studie zu beurteilen, wird medizinisches Hintergrundwissen benötigt.
Studien sind nicht immer gratis zugänglich, sondern teils auch hinter einer Bezahlschranke.
Studien sind deshalb für medizinische Laien zur Informationsbeschaffung nur selten geeignet. Ein kurzer Blick in eine Studie kann für Laien in gewissen Fällen aber trotzdem Sinn machen, vor allem wenn irgendein Content-Creator sich auf eine Studie mit sensationellen Ergebnissen bezieht. Denn grundlegende Qualitätsüberprüfungen, wie die Probandenzahl, ob beim Versuchsaufbau eine Placebo-Kontrollgruppe vorhanden war, bzw. ob die Studie verblindet ausgeführt wurde oder nicht, kann man als Laie durchaus durchführen (mehr zu Thema "Studien Überprüfen" im Abschnitt "wissenschaftlich anmutende Desinformation" weiter unten)
Alternative Heilkonzepte im Zusammenhang mit Pflanzen
Es gibt zahlreiche «alternative Heilkonzepte», die rasch mit der evidenzbasierten Pflanzenheilkunde verwechselt werden können, denen aber völlig andere Konzepte zugrunde liegen. Bei all diesen alternativmedizinischen Methoden liegt es in der Verantwortung jeder einzelnen Person, was vom entsprechenden Konzept zu halten ist und was nicht (verschiedene Menschen kommen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen). Wissenschaftliche Untersuchungen und auch menschliche Denkfehler («kognitive Verzerrungen») sollten dabei aber trotzdem in diese Beurteilung mit hineinfliessen.
Im diesem Rahmen soll es nicht darum gehen, diese verschiedenen alternativen Konzepte zu bewerten, sondern diese einfach nur insoweit vorzustellen, dass Informationen über Heilwirkungen von Pflanzen den entsprechenden Konzepten zugeordnet werden können. Denn oft ist im Zusammenhang mit Heilpflanzen oft nicht klar ersichtlich, über welches Heilkonzept denn gerade gesprochen wird. So gehört die Anwendung von Berberitze bei Angstzuständen (in Form von Globuli eingenommen) zum Konzept der Homöopathie und hat keinerlei Bedeutung in der evidenzbasierten Pflanzenheilkunde. Auch die volksheilkundlich «blutreinigende Wirkung» der Knoblauchsrauke kann nicht mit einer Dialyse im Krankenhaus verglichen werden, sondern stammt aus älteren humoralpathologischen Konzepten (siehe Abschnitt "Heilpflanzen in der Kulturgeschichte").
Die wichtigsten Alternativkonzepte im Zusammenhang mit Heilpflanzen sind z.B.:
Volksheilkunde: Die Volksheilkunde ist ein Sammelsurium von über Generationen entstandenen Konzepten von Anwendungen, und Heilwirkungen, also so etwas wie das "Alte Wissen in 1:1". Die Volksheilkunde ist dabei kein homogenes Gebilde und folgt auch keinem einheitlichem Weltbild, sondern besteht aus heterogenen vielerlei praktizierten Anwendungen im Verlauf der menschlichen Kulturgeschichte. Nebst Erfahrungswissen war die Volksheilkunde ursprünglich vor allem von religiösen, spirituellen und magischen Vorstellungen dominiert. Später hat auch das Konzept der 4-Säfte-Lehre und schliesslich die Signaturenlehre die Volksheilkunde wesentlich geprägt. Im Kontext der Volksheilkunde oft verwendeten Begriffe sind «entschlackend», «entgiftend» oder «blutreinigend».
Es ist wichtig ist zu erwähnen, dass Angaben aus der Volksheilkunde nicht in jedem Fall der modernen evidenzbasierten Pflanzenheilkunde wiedersprechen. Das Erfahrungswissen der Volksheilkunde war vielmehr das Grundsubstrat, aus der die heutige moderne Medizin hervorgegangen ist. Mit modernen Methoden wie Chemie, Biochemie und klinischen Studien wurden auch Heilwirkungen einiger Anwendungen aus der Volksheilkunde bestätigt. Gleichzeitig erscheinen mit der modernen Medizin aber auch viele volksheilkundliche Heilanwendungen als unplausibel oder wurden sogar widerlegt.
Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN): Der Begriff der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde ist nicht eindeutig definiert, resp. welche Anwendungen und Methoden genau dazugehören ist ebenso unklar. Grundsätzlich geht es um einen Überbegriff, der die europäische Volksheilkunde und auch neuere alternative Heilkonzepte (wie Homöpathie, Bachblutentherapie, Schüsslersalze, Spagyrik,….) des europäischen Kulturraums in einer Weise zusammenzufasst, wie es mit der «Traditionelle Chinesische Medizin» oder «Ayurveda» aus indischem Kulturraum schon lange der Fall ist. Damit können nun spezielle Ausbildungsprogramme angeboten werden, wo diese Alternativmethoden gelehrt werden, resp. man damit am Ende ein Diplom erwerben kann. Die dabei geläufigen Diagnose- und Therapieverfahren und auch der Einsatz von Heilpflanzen richten sich vor allem nach der 4-Säfte-Lehre. Ein grosser Wert wird auch auf alte Diagnoseverfahren, wie z.B. die Irisdiagnostik, gelegt (für die es keinen wissenschaftlichen Nachweis gibt).
Hildegard-Medizin: Die Hildegard-Medizin beruht auf die Schriften der Benediktiner-Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179). Sie verfasste zahlreiche natur- und heilkundliche Schriften. In ihrem Werk causae et curae schreibt sie unter anderem über die Diagnosik und Behandlung einzelner Krankheiten. Dabei berief sie sich sowohl auf die Vorstellungen der 4-Säfte-Lehre, anderseits aber auch auf magisch-mythologische Konzepte. Das Wirken Hildegards von Bingen wurde lange Zeit nur gering beachtet. Prominent wurden sie erst im 20. Jahrhundert, indem der Arzt Gottfied Hertzka in den 70er Jahren die «Hildegard-Medizin» begründete.
Aromatherapie: Darunter versteht man die Anwendung durch Inhalation von Duftstoffen (meist ätherische Öle) zur Linderung von Krankheiten oder zur Steigerung des Wohlbefindens. Angewendet wurde die Art der Therapie bereits in der Antike. Heutzutage werden für die Anwendungen nicht mehr die Pflanzen selbst, sondern deren isolierten Ätherischen Öle verwendet. Die Behandlungen erfolgen in Form von Dampfbädern, Duftlampen, Duftpflaster., usw. Wirkungen, die sich aus der äusserlichen Anwendung von pharmakologischen Wirkstoffen ergeben, können auch als Teil der evidenzbasierten Pflanzenheilkunde betrachtet werden. Bei vielen Anwendungen wird aber auch ein Mechanismus postuliert, indem der Geruchssinn auf die Psyche wirken und diese wiederum auf körperliche Funktionen beeinflusst. Innerhalb der Aromatherapie gibt es nicht nur die Richtung, welche mit unmöglichen Allerheilsversprechen wirbt, sondern gibt auch eine Strömung, welche die Anwendung auf ein naturwissenschaftliches Fundament stellen wollen. Wissenschaftlich untersucht ist die Aromatherapie bisher nur wenig, aber es gibt hierzu doch ein paar interessante Forschungsergebnisse. So ist mittlerweile die Anwendung mit Pfefferminzöl bei Spannungskopfschmerzen durch moderne klinische Studien abgestützt.
Gemmotherapie: Das Konzept der Gemmotherapie ist in den letzten Jahren in der «Wildkräuterszene» sehr populär geworden (mitterweile scheint der Höhepunkt des Hypes aber wieder abgeklungen zu sein). Das Konzept ist neueren Datums, d.h. es wurde erst in den 1950er Jahren durch den französischen Arzt Pol Henry entwickelt, der auch ein Verfechter der Homöopathie war. Mit der Gemmotherapie sind Zuschreibungen von Heilwirkungen im Zusammenhang mit den Knospen von Bäumen und Sträuchern gemeint. Dabei wird argumentiert, dass diese ein Embryonalgewebe aufweisen würden, in dem eine heilende Kraft steckt. Es wird dabei "energetisch" argumentiert, d.h. es soll im embryonalen Gewebe der Knospen eine «embryonale Lebenskraft», bzw. «heilende Energie» vorhanden sein. Teilweise wird auch versucht mit Wirkstoffen zu argumentieren, indem die in den Knospen enthaltenen Phytohormone (Auxine, Cytokine. Gibberelline und Abscisinsäure) auf den Menschen regulatorisch wirken und Heilungsprozesse unterstützen würden. Es gibt dazu aber bisher keine biologisch keine plausible Wirkmechanismen, welche dieses Konzept erklären würden. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit der Gemmotherapie existieren bisher nicht.
Wesen der Pflanze: Dieses magisch-mythologische Konzept geht von einem "Pflanzenwesen" aus, dass an der Heilwirkung einer bestimmten Pflanzenart beteiligt ist. Das «Wesen» ist so etwas wie ein Art-spezifisches, kosmisches Wesen, welches in der Regel menschliche Charaktereigenschaften (Ehrgeiz, Mut, Stärke, Geduld,..) oder Gefühle (Liebe, Fröhlichkeit,…) darstellt und in der Regel positiv konnotiert ist. Das Wesen ist dabei jeweils mit einem Pflanzenexemplar einer entsprechenden Pflanzenart verbunden und soll dann u.a. als Heilwirkung zum Ausdruck kommen. So sollen Pflanzenarten mit einem «fröhlichen Wesen» stimmungsaufhellend wirken oder ein «beruhigendes Wesen» sorgt für mehr Gelassenheit und Ruhe. Um das Wesen einer Pflanze zu erforschen, bedient man sich der Signaturenlehre. Die Herangehensweise schliesst an das alte mythologische Weltbild der beseelten Umwelt (Animismus) an, wonach die Existenz von Pflanzen ein Ausdruck ist von Geistern, Dämonen, Ahnen, Göttern, usw. sein soll.
«Drei Wirkprinzipien»: Ein beliebtes magisch-mythologisches Heilkonzept im Zusammenhang mit Pflanzen ist das der «Drei Wirkprinzipien» von Roger Kalbermatten aus den 1980er Jahren. Zu diesen drei Wirkprinzipien gehört einerseits das rationale Konzept der «Wirkstoffe», andererseits aber auch die magischen Konzepte von «Information» und «Energie». Als «Information» werden in den Pflanzen geistig gespeicherte Informationen verstanden. Solche Informationen sollen dabei auch auf Menschen übertragen werden können, z.B. indem bei der Einnahme einer Pflanze durch die Information eine biologische Reaktion des Körpers hervorgerufen würde. Ein korrekt ausgeführter Verarbeitungsprozess von der Heilpflanze zum entsprechenden Fertigpräparat soll dabei sicherstellen, dass die «Information» auch tatsächlich im Heilmittel freigesetzt werden kann. Das Konzept dieser «Information» ist ein ähnliches Konzept, dem auch die Homöopathie zugrunde. Als «Energie» werden die Formen, Farben und Düfte einer Heilpflanze verstanden, welche eine direkte Wirkung (d.h. nicht aufgrund der zugrunde liegenden Wirkung der entsprechenden Farb- oder Geruchsstoffe) auf die Psyche des Menschen haben.
Homöopathie: Das Prinzip der Homöopathie fusst auf das Ähnlichkeitsprinzip, dem Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden soll. Mittel, die bei gesunden Menschen ähnliche Sypmtome wie bei einer Krankheit auslösen, sollen dabei in stark verdünnter Form zur Heilung eingesetzt werden können. Bei der Herstellung von Homöopathika werden deshalb oft Giftpflanzen verwendet. Dabei wird erst aus frischen Pflanzenteilen eine Tinktur hergestellt («Urtinktur»), die danach in ritueller Weise mehrfach verdünnt («potenziert») wird. Je höher die Verdünnung, desto wirksamer soll das Mittel sein, auch wenn dadurch rechnerisch oft nur noch ein paar einzelne bis gar keine Moleküle der Ausgangssubstanz zu erwarten sind. Im postulierten Wirkprinzip geht aber auch gar nicht um Wirkstoffe, sondern um «Energie» und «Schwingungen». In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Homöopathie von der evidenzbasierten Phytotherapie in fundamentaler Weise.
Bachblüten-Therapie: Das Konzept vom englischen Arzt Edward Bach (1886 bis 1936) beruht auf der Vorstellung, dass negative Seelenzustände die Ursache für Krankheiten darstellen. Dabei könne Heilung nur durch Wiederherstellung des Gleichgewichtes auf der geistig-seelischen Ebene bewirkt werden. Bach beschreibt 38 disharmonische Seelenzustände der menschlichen Natur, die wiederum Blüten und Pflanzenteile zugeordnet werden, welche die entsprechende Disharmonie ausgleichen können. Aus diesen Pflanzen (die nur am von Bach definierten Orten gesammelt werden dürfen!) werden die sogenannte «Bach-Essenzen» hergestellt, in die Pflanzen erst entweder gekocht (Kochmethode) oder mit Wasser in die Sonne gelegt werden (Sonnenmethode). Das Wasser wird danach den gleichen Anteil Alkohol zugeführt und diese Urtinktur wird anschliessend 1:240 verdünnt. Chemische Wirkstoffe spielen im Konzept der Bach-Blütentherapie (u.a. schon wegen der Verdünnung) keine Rolle, stattdessen fusst das Konzept auf «Schwingungen und Energien», die von den Blüten in die Bach-Blütenessenz übertragen werden sollen.
Spagyrik: Die Herstellung von Spagyrika aus pflanzlichen (aber auch tierischen und mineralischen) Ausgangssubstanzen ist ein mehrstufiges Verfahren und je nach Hersteller unterschiedlich. Oft werden bereits beim Sammeln Mondphase und Planetenkonstellationen berücksichtigt. Erst folgt, im destillierten Wasser eingelegt, eine Vergärung der Pflanzenteile mittels spezieller Hefen. Anschliessend folgt eine Destillation, wo der alkoholische Teil und der wässrige Teil separat aufgefangen werden (trennen = «spao»), um später weiterverarbeitet werden. Auch die pflanzlichen Reste werden genutzt, in diese erst getrocknet und anschliessend verbrannt werden. Die dabei entstehende Asche wird nun mit dem Destillat zur Herstellung der «Essenzen» wieder zusammengeführt (zusammenführen = «ageiro»). Das postulierte Wirkprinzip fusst wie die Homöopathie nicht auf Wirkstoffe, sondern auf «Schwingungen» und «Energien», mit denen die «Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts» angestrebt wird.
Traditionelle chinesische Medizin (TCM): Die Traditionelle Chinesische Medizin ist kein einheitliches Konzept, sondern ein Sammelsurium an historischen Diagnose- und Behandlungsmethoden aus dem chinesischen Kulturraum, also im Grunde so etwas wie die «Volksheilkunde Chinas». Die Methoden fussen dabei nicht auf die moderne Anatomie und Physiologie des Menschen, sondern (wie die Humoralpathologie in Europa) auf andere Modelle zur Funktionsweise des Körpers, wie z.B. der Lebensenergie («Qi») oder Meridianen (Kanäle, wo das «Qi» durchfliesst). Nebst vielen Therapieansätzen, zu denen u.a. die Akupunktur dazugehört, ist eine wichtige Säule die «Chinesische Arzneimitteltherapie (CAT)». Hierzu werden auch Heilpflanzen verwendet (meist in Form eines Dekoktes). Wichtige Eigenschaften von Heilmitteln sind dabei die Geschmacksrichtungen salzig, sauer, süss, scharf, bitter, neutral, aromatisch und adstringierend und auch ihre «Temperatur». Die dabei zugrunde liegenden Konzepte erinnern dabei etwas an die 4-Säfte-Lehre Europas. Auch in der TCM werden beispielsweise «warme» Heilmittel gegen «kalte» Erkrankungen eingesetzt. Meist wird dabei aber aus 3 bis 16 verschiedenen Heilmitteln eine Rezeptur zusammengestellt. Gewisse in der TCM traditionell eingesetzten Pflanzenarten, wie z.B. der Einjährige Beifuss als Mittel gegen Malaria, finden sich auch in der modernen Medizin wieder.
Wissenschaftlich anmutende Desinformation
Während man sich bei vielen alternativen Heilkonzepten zwischen den verschiedenen Lagern zumindest im Konsens darauf einigen kann, dass sich die postulierten Heilkonzepte von der Heransgehensweise unterscheiden, sieht dies bei wissenschaftlicher Desinformation, resp. pseudowissenschaftlichen Methoden und Heilsversprechen anders aus.
Bei «Pseudowissenschaft» im Zusammenhang mit Heilpflanzen ist die Methode gemeint, wo man sich bei Heilsversprechen mit wissenschaftlichen Begriffen und -Konzepten argumentiert, bzw. sich auf Studien bezieht, aber das das Ganze (absichtlich oder auch unbeabsichtigt) schwere Argumentationsfehler aufweist. Man beruft sich dabei also auf Naturwissenschaft, resp. es wird mit naturwissenschaftlichen Begriffen argumentiert, ohne dass jedoch eine plausible Evidenz vorhanden wäre. Als wichtiger Grundsatz gilt hierbei: «Wer sich bei der Argumentation von Heilwirkungen auf die Wissenschaft bezieht, muss sich auch dem wissenschaftlichen Diskussion stellen!»
Wichtig ist in dem Zusammenhang zu erwähnen, dass man den Begriff der «Pseudowissenschaft» nicht voreilig und/oder inflationär als Kampfbegriff nutzen sollte! Denn wo nun genau die Grenze zwischen einen durchaus erwünschten und gesunden wissenschaftlichen Diskurs und «Pseudowissenschaft» beginnt, ist meist nebulös und schwierig zu beurteilen. Dies insbesondere weil (wie bereits erwähnt) man sich auch als evidenzbasierter Sicht bei Heilsversprechen sich oft nur auf lückenhaften Daten beziehen kann.
Ausserdem müssen «pseudowissenschaftliche» Aussagen nicht in jedem Fall bewusst oder bösartig erfolgen (aus Marketing-Gründen: Entweder für mehr Klicks oder um die Leute dazu zu bringen, ein entsprechendes Produkt zu kaufen), sondern können durchaus auch einfach nur das Ergebnis von Unwissen aus vollster innerer Überzeugung mit guten Glauben sein.
Da mit wissenschaftlichen Konzepten, -Begriffen und -Studien argumentiert wird und häufig bei der Beurteilung ein entsprechendes Fachwissen benötigt wird, ist wissenschaftlich anmutende Desinformation schwierig zu erkennen. Heimtückisch ausserdem, dass dabei häufig 90% vom Inhalt korrekte Informationen sind, die jedoch an entscheidenden Stellen mit unseriösen Behauptungen ausgeschmückt werden. Ein gutes Beispiel hierzu sind dabei Heilpflanzen, die gegen Krebs beworben werden, bei denen (als wahrer Kern) durchaus Untersuchungen existieren, wo entsprechende Wirkstoffe drin sind, die in Studien in Reagenzgläsern Krebszellen bekämpfen können. Ebenso werden viele Heilpflanzen als «natürliche Antibiotika» beworben, bei denen aus Laborstudien tatsächlich antibakterielle Stoffe nachgewiesen sind. Ein wichtiges Detail, dass häufig bei wissenschaftlich anmutender Desinformation (aus Unwissen unbewusst oder aus Marketing-Gründen bewusst) unterschlagen wird, ist der Unterschied zwischen «in-vivo» - und «in-vitro»:
In-vivo vs. in-vitro
Ein nachgewiesener Effekt eines in-vitro-Experimentes (d.h. eines Experimentes, das an Zellkulturen im Reagenzglas durchgeführt wurde) kann nicht automatisch auf die in-vivo Wirksamkeit (d.h. am komplexen Organismus des Menschen für die konkrete Heilwirkung) adaptiert werden. Eine im Reagenzglas nachgewiesene antibakterielle oder krebstötende Wirkung, bzw. Aktivierung von Enzymen in Leberzellen, beweist noch lange nicht eine systemische Wirkung im menschlichen Körper.
Doch warum ist das mit dem pflanzlichen Wirkstoff am menschlichen Körper komplexer als im Reagenzglas? Nun, damit ein Stoff innerhalb des Körpers (systemisch) eine medizinische Wirkung entfalten kann, muss er in die biologischen Prozesse innerhalb der Zellen an Ort und Stelle eingreifen. Solche Stoffe sind für den Körper jedoch primär Fremdstoffe ("Xenobiotika") oder werden als Giftstoffe wahrgenommen, die es möglichst rasch zu eliminieren gilt. Viele potenzielle Wirkstoffe werden deshalb bereits im Magen /Darm nicht oder höchstens in minimalen Mengen ins Blut aufgenommen. Falls dies trotzdem der Fall ist, werden zahlreiche Entgiftungsprozesse in Gang setzt. Deshalb kommt von einem erhofften Wirkstoffen meist nicht mehr viel in der Zelle an, wo dieser sein Dienst verrichten soll.

Gewisse Moleküle können ausserdem in in-vitro-Experimenten an Zellkulturen «falsch-positive» Ergebnisse erzielen. Dies, indem diese in der Versuchsanordnung unspezifisch mit allen möglichen Stoffen (z.B. gleichzeitig sowohl mit jenen die entzüdungshemmende, als auch mit solchen die entzündungsfördernde Effekte in Gang setzen) oder sogar den Markern des Experimentes (wie z.B. Farbstoffe) reagieren. In einem solchen Experiment kann nicht auf eine spezifische Wirkung geschlossen werden, resp. Effekte im Experiment können auch rein artifiziell sein. Solche Substanzen werden PAINS (Pan Assay Interference Compounds) genannt. Dazu gehört z.B. das viel diskutierte Curcumin aus Kurkuma. PAINS sind jedoch nicht automatisch unwirksam, sonders es geht mehr darum, dass man bei Schlussfolgerung vorsichtig sein muss und die Wirkung mit anderen Versuchsverfahren überprüft werden muss.

Studien mit schlechter Qualität, Cherry-picking oder Studien falsch zitieren
Oft werden auch Studien falsch zitiert oder es werden Aussagen aus dem Kontext gerissen werden. Häufige Argumentationsfehler sind z.B:
Studie mit schlechter Qualität: Damit eine klinische Studie aussagekräftig ist, sind gewisse Qualitätsstandarts nötig. Das beginnt mit der Anzahl Versuchsteilnehmern (Probanden). Je höher die Probandenzahl, desto eher können zufallsbedingte Ergebnisse ausgeschlossen werden. Handelt es sich um eine Studie mit nur um einer Handvoll Versuchsteilnehmern, dann kann das womöglich Hinweise auf eine bestimmte Wirkung geben, aber aussagekräftige Schlussfolgerungen können daraus nicht gezogen werden. Weiter geht es mit dem Versuchsaufbau: Eine seriöse Studie hat eine Placebokontrollgruppe («kontrolliert»), bei denen die Teilnehmer nur ein Scheinmedikament bekommen. Die Einteilung in Versuchs- und Kontrollgruppe muss ausserdem zufällig erscheinen («randomisiert»), um zu gewährleisten, dass beide Gruppen im Schnitt ungefähr die gleichen Vorraussetzungen mitbringen. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Verblindung, d.h. die Versuchsteilnehmer wissen nicht, ob sie zur Versuchs- oder Kontrollgruppe gehören («verblindet»), was gerade bei Auswertungen von subjektivem Empfinden durch Fragebögen sehr wichtig ist. Ebenfalls eine Verblindung muss auf Seiten der Ärzteschaft bestehen («doppelt verblindet»). Je mehr dieser genannten Qualitätskriterien nicht erfüllt sind, desto geringer die Wahrscheinlichkeit für eine Verzerrung der Versuchsergebnisse. Methodisch schlecht durchgeführte Studien werden von oft von Herstellern von Nahrungsergänzungsmittel für das Marketing genutzt, indem der behaupteten Wirkung ein wissenschaftlicher Anstrich verpasst wird.
Cherry-picking: Es werden ohne erkennbaren Grund nur die Studien zu einem Thema berücksichtigt, welche die These bestätigen. Qualitativ einwandfreie Studien, die zu einem anderen Schluss kommen, werden dabei vernachlässigt. Das Kriterium dafür, welche Studien berücksichtigt werden, sollte nicht deren Ergebnis, sondern deren Qualität darstellen.
Die Studie wird falsch zitiert: Es werden Aussagen getätigt, die in der Studie so gar nicht vorkommen. Bereits im Abstract, also der Zusammenfassung der Studie liest man oft den Satz, dass das Ergebnis auf etwas hinweisen würde, aber noch mehr Untersuchungen dazu nötig sind. Hier ein Beispiel aus einer Studie, welche den Effekt von Holunderextrakten die Dauer und Symptome von Erkältungen bei Flugreisenden untersuchte (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27023596/): «These data suggest a significant reduction of cold duration and severity in air travelers. More research is warranted to confirm this effect and to evaluate elderberry's physical and mental health benefits”. Das basierend auf solche Studien z.B. von einigen Personen bereits von einer wissenschaftlich bestätigten Wirkung von Holunderblütentee geschlossen wird, ist dabei mehr als abenteuerlich.
Hinzu kommt eine Reihe weiterer Faktoren, mit denen die Aussage einer Studie verzerrt werden kann, die aber diese Rahmen hier sprengen würden. Mehr dazu hier: https://www.gesundheitsinformation.de/wie-werden-studien-bewertet.html
Kritische Beurteilung subjektiver Heilpflanzenerfahrungen
Die Anzahl an Erkältungen über Jahr korreliert deutlich mit dem Glacékonsum, also sollte man einfach das ganze Jahr durch Glacé essen. Oder vielleicht ist es der zurückgehende Fonduekonsum, der ab Frühling zu einem Rückgang der Erkältungen führt und man dabei vielleicht auch im Winter zur Erkältungsprophylaxe auf ein leckeres Fondue verzichten sollte. Als ich letztens mal erkältet war, habe ich zwischendurch die Youtube-Serie «7 vs wild» geschaut und 7 Tagen später war ich tatsächlich wieder gesun: Also kann folglich doch der Konsum dieses Youtube-Formates tatsächlich eine Erkältung zum Verschwinden bringen?
Obwohl sich alles oben Genannte sehr absurd anhört, bekommt das gleiche Prinzip eine völlig andere Dimension, sobald es um die Einnahme von postulierten Heilmitteln geht. Wer eine Erkältung hat und statt dem Konsum von «7 vs wild» dreimal täglich ein Mittelchen zu sich nimmt, der kommt rasch in der Versuchung den Grund für die Genesung nach 7 Tagen diesem Mittelchen zuzuschreiben. Selbstverständlich kann auch tatsächlich ein kausaler Zusammenhang bestehen, muss aber nicht automatisch. Aus diesem Grund ist es wichtig, bei der Bewertung einer beobachteten Wirkung einer Heilpflanze auch immer psychische Mechanismen, sie in uns Menschen angelegt sind, im Hinterkopf zu behalten. Das gilt sowohl für eigene Erfahrungen als auch bei der Beurteilung der Wissenserkenntnise früherer Menschen im Zusammenhang mit «Altem Wissen».
«post hoc ergo propter hoc»-Bias: Dieser Ausdruck bedeutet so viel wie «nach diesem, also wegen diesem». Nach der Einnahme eines Mittelchens geht es einem (meist mit etwas Verzögerung) besser, also hat dieses die Heilung ausgelöst? Bei solchen Schlussfolgerungen muss man aufpassen, denn das Gehirn kann uns hierbei einen Streich spielen: Aus einer zeitlichen Korrelation von Aktion A und Ereignis B kann nicht automatisch auf einen kausalen Zusammenhang von A zu B geschlossen werden (wie im obigen Beispiel von der Aktion A «7 vs. wild Konsum» und dem Ereignis B «Erkältung nach 7 Tagen weg»).
Bekanntlich heilen die meisten Erkältungen auch ohne irgendwelche Heilmittel von selbst aus («Regression zur Mitte»), einfach weil unser Immunsystem damit problemlos klarkommt (trotzdem können auch Heilpflanzen zur Linderung der Symptome eingesetzt werden!). Nimmt man dabei eine Heilpflanze ein, von der man sich eine Wirkung erhofft (nehmen wir in diesem fiktiven Fall man an, dass die eingesetzte Heilpflanze keine Wirkung hat), wird die Genesung dieser Pflanze zugeschrieben, auch wenn real gar kein Zusammenhang damit besteht. Dies weil unser Gehirn rasch einmal zeitlich korrelierende Ereignisse zu scheinbaren kausalen Zusammenhängen verknüpft. Dasselbe gilt auch für chronische Leiden (wie z.B. Heuschnupfen), die meist einen wellenartigen Verlauf haben. Nach der Einnahme von (auch in diesem fiktiven Fall unwirksamen) Mittelchen, die während schlechteren Phasen eingenommen werden, folgen dann oft kurzfristige Verbesserungen. Dies Verbesserung erfolgt jedoch nicht wegen eines kausalen Zusammenhangs mit Einnahme des unwirksamen Mittelchen, sondern einfach aufgrund des natürlichen wellenartigen chronischen Krankheitsverlaufes.

Placeboeffekt: Als Placebo wird ein Scheinmedikament ohne pharmakologische Wirkung verstanden. Placebo-Medikamente werden beispielsweise in klinischen Studien eingesetzt, um die Wirksamkeit eines Arzneimittels zu überprüfen, indem (am besten verblindet) die eine Gruppe das Arzneimittel und die andere Gruppe das Placebo verabreicht bekommt. Denn erst aus dem Unterschied der Wirkung gegenüber der Placebogruppe können Aussagen über die Wirksamkeit des Arzneimittels gemacht werden. In der Regel werden in klinischen Studien auch bei Placebos positive Veränderungen des Gesundheitszustandes festgestellt, die als «Placeboeffekte» bezeichnet werden. Dabei dürften u.a. positive Erwartungshaltungen eine wichtige Rolle spielen. Je höher die Erwartungshaltung, desto stärker ist der damit einsetzende Placeboeffekt. Die Erwartungshaltung wird beeinflusst durch «die individuell grundsätzliche Einstellung zur Behandlungsmethode und dem Behandler, über generelle Meinungen über die Wirksamkeit und Unwirksamkeit von Behandlungsmethoden oder über die Heilbarkeit einer Krankheit. Zu den Faktoren, die die Erwartungshaltung beeinflussen, gehören auch das Verhalten, der berufliche Status oder der gute Ruf des Behandlers. Ein Behandler, der sich für den Patienten Zeit nimmt, empathisch auf den Patienten eingeht und sich von seiner Behandlung überzeugt zeigt, stärkt die Erwartungshaltung des Patienten.» (Quelle: Wikipedia). Nebst der Erwartungshaltung dürften auch noch weitere Aspekte, wie z.B. Konditionierung eine Rolle spielen. Der genaue Wirkmechanismus von Placebos ist nicht ausreichende erforscht. Man vermutet u.a. eine Beteiligung von Endorphinen, die bei der Aussicht auf Heilung ausgeschüttet werden und auch wird der Effekt diskutiert, wonach bei der Einnahme eines Placebos eine Entspannung der Psyche (und den damit einhergehenden positiven gesundheitlichen Vorteilen) eintritt. So spannend der Placeboeffekt auch ist, sein Wirkspektrum beschränkt sich nur auf subjektive Symptome wie Schmerzen, Unruhe, etc. Placebos wirken weder antibakteriell, noch können sie Krebs heilen.
Naturargument: Das Naturargument besagt, dass «natürlich» allgemein mit «besser», resp. «gut» oder sogar «gesund» gleichgesetzt wird. Solche Argumentationen findet man im Kontext der Heilpflanzen allzu oft, indem die pflanzliche Methode allgemein als die bessere Alternative zu synthetischen Medikamenten proklamiert wird. Dass dies in vielen Fällen tatsächlich aus so ist, bleibt unbestritten, aber in der Beurteilung ob das eine oder andere besser ist, muss in jedem spezifischen Fall (genaue Erkrankung, Symptome, potenzielles synthetisches Medikament, potenzielle Heilpflanzenzubereitung und weitere Kriterien wie Patient, Vorerkrankungen, usw.) einzeln betrachtet werden. Das blosse Verweisen auf die «Natürlichkeit» reicht dabei als Argument nicht aus. Auch pflanzliche Arzneimittel haben Nebenwirkungen und sind nicht frei von Risiken. Man denke dabei an alle die gefährlichen medizinisch eingesetzten Giftpflanzen wie Eibe, Herbstzeitlosen, usw. wo die innerliche Einnahme sogar tödlich enden kann. Auch der natürliche Rauch, der am Lagerfeuer eingeatmet wird, ist voller krebserregender PAKs und auch beim Inhalieren vom Rauch des glühenden fermentierten Tabakkrautes (Nicotiana tabacum und Nicotiana rustica) sollte der Fall eigentlich klar sein, dass dieses "natürliche Element Namens Tabakrauch" schädlich für die Gesundheit ist!
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