das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen
Pflanzen in der Medizingeschichte
Steinzeit - Magie und beseelte Umwelt
Antike - Einzug der Humoralpathologie
Klostermedizin im Früh- bis Hochmittelalter
Spätmittelalter - Akademisierung und komplexe Humoralpathologie
Neuzeit - von der Humoralpathologie zur modernen Medizin
Der Blick auf Heilpflanzen in der menschlichen Kulturgeschichte hat nicht nur eine rein historisch-akademische Bedeutung, sondern ist auch als Wildpflanzenexperte / Wildpflanzenexpertin zentral für das Verständnis des Themas. Denn wer sich auch nur ein bisschen mit dem Thema «Heilpflanzen» beschäftigt, wird nicht nur rasch auf Namen wie «Hildegard von Bingen», «Paracelsus», sondern auch Begriffe wie «Klostermedizin», «Signaturenlehre» oder seit geraumer Zeit auch «TEN, Traditionelle Europäische Naturheilkunde», usw. stossen. Immer wieder wird im Zusammenhang mit Heilpflanzen auch auf die Hexenverfolgung im Mittelalter verwiesen, wo es insbesondere viele kräuterkundige Frauen auf dem Scheiterhaufen landeten, resp. «moderne» Hexen erfreuen sich heutzutage in den sozialen Medien wieder zunehmender Beliebtheit. In den meisten an Laien gerichteten Heilpflanzenbüchern (oder bei Heilpflanzencontent im Internet) ist es ohne Vorwissen oft nicht direkt ersichtlich, von welchem Konzept (d.h. ob Volksmedizin, Magie, Wissenschaft, usw.) gerade gesprochen wird und oft wird alles irgendwie miteinander vermischt. Man wird beim Thema «Heilpflanzen» also mit einer Fülle an Informationen aus unterschiedlichen Konzepten und Weltbilder konfrontiert, wo eine Ausdifferenzierung häufig schwierig ist. Ein Verständnis für die kulturhistorischen Zusammenhänge, u..a mit den jeweils damit zusammenhängenden Weltbilder ist deshalb für eine Einordnung von Informationen zum Thema Heilpflanzen unerlässlich.

Steinzeit – Magie und beseelte Umwelt
Die damaligen Menschen zogen nomadisch in Sippen durch die Gegend und waren dabei stets auch der Suche nach neuen Nahrungsquellen. Man geht je nach Region und heute davon aus, dass ein grosser Teil des Nahrungsbedarfes aus pflanzlichen Quellen gewonnen wurde, wobei der genaue Anteil je nach Weltregion unterschiedlich war.
Archäologische Funde, wie die Untersuchung von Pflanzenresten in steinzeitlichen Siedlungen, Höhlenzeichnungen und Grabbeigaben deuten darauf hin, dass bereits in der Steinzeit eine gezielte Nutzung von Heilpflanzen stattfand. So wurden in der El Sidrón-Höhle (Nordspanien) auf 50.000 Jahre altem Zahnstein von Neandertalern Rückstände von Heilpflanzen wie Schafgarbe und Kamille gefunden. Die Wissenschaftler vermuten, dass diese Pflanzen vermutlich, nicht zuletzt wegen dem bitteren Geschmack der Schafgarbe, wegen ihrer medizinischen Eigenschaften konsumiert wurden (naja, wir nutzen sie heute trotzdem gerne auch kulinarisch…). Weiter wurden in der Grotte des Pigeons in Marokko 15.000 Jahre alte Überreste der Pflanze Ephedra entdeckt. Diese enthalt Alkaloide mit stimulierenden und gefässverengenden Eigenschaften und könnte unter anderem zur Blutstillung eingesetzt worden sein. In der Kebara-Höhle in Israel fanden Archäologen über 4’000 Jahre alte verkohlte Samen und Früchte verschiedener Pflanzenarten. Bei einige dieser Pflanzen wird vermutet, dass diese zur Wundpflege oder bei Durchfallerkrankungen eingesetzt wurden.

Um zu erfahren welche Pflanze zu welchem Heilzweck genutzt werden kann, spielte vermutlich das Ausprobieren, zufällige Entdeckungen und das Beobachten der Tiere (die intuitiv auf Heilkräuter zurückgreifen) eine Rolle. Aber auch der Intuition der Menschen selbst wird in ethnobotanischen Lehrbüchern eine Bedeutung zugewiesen.
Vermutlich spielten beim Thema «Krankheit / Heilen» religiös-spirituelle Konzepte eine wichtige Rolle, indem Krankheiten mit Dämonen und Flüchen verbunden waren und Heilung ein heiliger Akt war, bei dem mystische Kräfte am Werk waren. Schutz, Heilung und Gesundheit wurde möglicherweise auch mit mystischen Ritualen mit Tanz, Trance und psychodelischen Pflanzen erbittet. Wie diesbezüglich die Realität aber letzten Endes ausgesehen hat, kann nur spekuliert werden, bzw. kann aus archäologischen Funden nicht im Detail rekonstruiert werden.
>>> Mehr zum Thema "beseelte Umwelt" und Animimus im Abschnitt "Pflanzenmythologie und- Brauchtum im historischen Kontext"

Antike – Einzug der Humoralpathologie
Im antiken Griechenland wurde bei der Heilkunst die Stellung von Magie und Religion zunehmend in Frage gestellt und so entstand dort das Konzept der Vier-Säfte-Lehre (auch «Humoralpathologie» genannt), dessen bekanntesten Verfechter der Arzt Hippokrates war.

Nach der Humoralpathologie sollen Krankheiten nicht durch Magie, sondern durch ein Ungleichgewicht in den «vier Körpersäften > Blut, Schleim, Gelbe Galle, Schwarze Galle» ausgelöst werden. Obwohl dieses Konzept magiefrei war, entspricht es noch lange nicht der heute bekannten menschlichen Anatomie, dem Hormonsystem und Immunologie der modernen Medizin, sondern stammt aus der damaligen Naturphilosophie mit dem Ordnungsprinzip aus den 4 Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft. So existiert z.B. so etwas wie «schwarze Galle» anatomisch gar nicht. Diverse in der Volksheilkunde angegebene Heilwirkungen von Pflanzen lassen dabei einen Ursprung in der Humoralpathologie erahnen.

Die Römer übernahmen später die medizinischen Konzepte der Griechen, resp. die Ausbildung römischer Ärzte fand vielfach in Griechenland statt und vielfach waren die Ärzte auch selbst Griechen. So auch Galen, welcher u.a. Leibarzt des römischen Kaisers Marc Aurel war und die 4-Säfte-Lehre weiterentwickelte und zahlreichen Schriften daraus ableitende Therapien, u.a. mit Heilpflanzen darlegte. Ein Grieche war auch der römische Militärarztes Dioskurides, der in seinem Hauptwerk «De materia medica» 800 der damaligen mediterranen Heilpflanzen in ihrer Botanik, medizinischen Wirkungen und Anwendungsgebiete beschrieb. Dieses 5-teilige Werk war bis in die Renaissance hinein eins wichtiges Standartwerk der damaligen Medizin. Viele Informationen über das Brauchtum von Pflanzen fand sich in der Enzyklopadie «Historia naturalis» vom römischen Feldherr Plinius, dass ein wichtiger Grundstock für die spätere Klostermedizin in Mitteleuropa darstellt. Viel vom römisch-griechischen Wissen gelangte auch in den Orient.
Parallel zur antiken Humoralpathologie existierten auch noch die klassischen «Kräuterhexen» (die damals noch nicht "Hexen" genannt wurden), welche von der armen Bevölkerungsschicht aufgesucht werden, da dieses sich eine Behandlung durch Ärzte nicht leisten konnten.
Vier-Säfte-Lehre: Die vier Säftelehre verbindet die vier Elemente Luft, Wasser, Feuer und Erde mit jeweils einem bestimmten Körpersaft (Blut, Schleim, Gelbe Galle, Schwarze Galle), resp. einem Organ des menschlichen Körpers (Herz, Gehirn, Leber, Milz). Bei einem gesunden Menschen müssten dabei die vier Säfte im Gleichgewicht sein, resp. ein Ungleichgewicht davon würde zu Krankheiten führen. Das Konzept von Hippokrates wurde später durch Galen, durch sogenannte «Temperamente» (Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker), «Primärqualitäten» («warm und feucht», «kalt und feucht», «warm und trocken», «kalt und trocken») und Geschmäcker (süss, salzig, bitter, sauer), Jahreszeiten, usw. erweitert.
warm: als warme Pflanzen galten z.B. solche, die anregend und im Geschmack würzig waren
kalt: kalte Pflanzen waren solche waren, die beruhigend und adstringierend wirken.
trocken: trockene Pflanzen waren einerseits solche, welche Körpersäfte ausleiten (den Körper «trocknen»), d.h. u. a. jene mit harntreibenden, abführenden Eigenschaften, aber auch solche die Körpersäfte (wie Schleimhäute, etc.) aktivieren
feucht: als feuchte Pflanzen galten solche, die sich weich und flüssig anfühlen (wie z.B. Früchte oder schleimstoffreiche Pflanzen) und so «dem Körper Flüssigkeit zuführen».

War eine Person erkältet und zeigte dabei Symptome mit Schnupfen oder produktivem Husten, wurde das als Zeichen gesehen, das als ein Überschuss von Schleim vorliegt, welcher die Krankheit verursacht, resp. sich der Körper gerade dabei ist, diesen Überschuss auszuscheiden. Die Therapien, die von diesem Konzept abgeleitet waren, zielten nun darauf ab dieses Ungleichgewicht aufzulösen und dabei waren Heilpflanzen ein wichtiger Bestandteil davon.
So wurden nun Pflanzen, die als «warm» galten, wie z.B. die Engelwurz, gegen «kalte» Leiden eingesetzt. Zu solchen kalten Leiden gehörten aber nicht nur Appetitlosigkeit (wo die Anwendung auch in der modernen Kräuterheilkunde anerkannt ist), sondern auch Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Lähmungserscheinungen, usw. So waren auch bei einer Erkältung, die ebenfalls als kalt angesehen wurden, ebenfalls warme Pflanzen eingesetzt. War das Ganze dann noch mit produktivem Husten (einem feuchten Leiden) verbunden, war die als warm und trocken geltende Engelwurz oder Thymian eine gute Wahl «um die Ausleitung von Schleim zu unterstützen».
Durchfall war eher ein heisses-feuchtes Leiden, wo z.B. die Gerbstoffreichen Pflanzen mit kalt-trocknen Primärqualitäten eingesetzt wurden, wie z.B. Blutwurz. Bauchkrämpfe oder Blähungen waren kalt-feucht und wurden oft mit den bereits genannten warm-trockenden Würzkräutern, wie z.b. Fenchelsamen, Anis, Kamille, usw. behandelt.
Mit der humoralpathologischen Therapie versprach man sich ausserdem eine Reinigung entsprechender «verdorbener» Säfte. Immer wieder hört man bei Heilpflanzen-Content den Begriff «Blutreinigung», wodurch auch hier eine Assoziation mit der heutigen Volksheilkunde und dem dabei häufig verwendeten Begriff «blutreinigend» besteht.
Eine wichtige Therapiemassnahme, um in der Humoralpathologie das Gleichgewicht wiederherzustellen, war das Ausleiten von überschüssigen oder verdorbenen Säften durch diverse «ableitende Verfahren», die heuzutage als Vorläufer neuerer "Detox"-Heilsversprechen gesehen werden können. Bekanntes Beispiel war dabei der Aderlass, also der Entnahme von Blut (meist 50 bis 1000ml), was oft zur zusätzlichen Schwächung der Patienten führte. Wichtig war aber auch der Einsatz von Brech- und Abführmittel, das Herbeiführen von Schwitzen oder Schröpfen.
Klostermedizin im Früh- bis Hochmittelalter
Bei den frühen Christen war Medizin generell verpönt, denn man sah in Krankheiten die Strafe Gottes für begangene Sünden und Heilung kann dabei nur durch Beten, Busse und Askese erfolgen. Ausserdem sah man darin ein wichtiger Bestandteil des verteufelten vorchristlichen Heidentums. Beim Zusammenbruch des Weströmischen Reichen verschwanden auch zahlreiche wichtige Schriften der aus der antiken Heilkunde.
Etwas später wurde die medizinische Versorgung dann aber ein wichtiger Teil des religiösen Lebens. Ein Pionier war im 6. Jahrhundert der Heilige Benedikt, dem die «Sorge der Kranken» ein wichtiges Anliegen war. In der Folge entwickelte sich in den Benediktinerklöstern die Klosterheilkunde. Doch dieser Paradigmenwechsel vollzog sich nicht ohne Widerstand und viele dieser «modernen Geistlichen» mussten sich gegenüber den «konservativen Geistlichen» rechtfertigen. Das änderte sich jedoch mit der Zeit und schliesslich erlies Karl der Grosse im Jahr 812 sogar eine Verordnung, die Klöster für den Anbau von Heilpflanzen verpflichteten. Während die frühen Christen Arzneimittel noch ablehnten, war nun das Gegenteil der Fall: Das Verweigern eines Arzneimittels galt nun sogar als Sünde.

Wichtige Grundlage in den Konzepten der Klostermedizin war, wie in der Antike, die Vier-Säfte-Lehre. Doch der christlich-religiöse Überbau hatte dabei ebenso seine Bedeutung. So wurden teils auch ältere magisch-rituelle Elemente aus früheren Zeiten mit einem christlichen Etikett versehen. Pflanzen wurden nun nicht mehr durch heidnische Rituale, sondern durch Gebete mit der Gottes Kraft gesegnet, ehe es eine besondere Heilkraft entfalten konnte. Ein wichtiger religiöser Überbau war auch die Vorstellung, dass die Heilmittel nicht einfach so existierten, sondern gezielt von Gott und für die Menschen erschaffen wurden.
Dass in der Klostermedizin vor allem mediterrane Pflanzenarten dominieren, hat damit zu tun, dass der Benediktinerorden seinen Ursprung in Italien hat. So gelangten mit der Klostermedizin viele mediterrane Heilpflanzen nach Mitteleuropa, die hier bis anhin unbekannt waren und wurden in den Klostergärten angebaut. Gesammelt und verwendet wurden aber auch viele heimische Wildpflanzen, die in den Wäldern und Felder um die Klöster herum wuchsen.
Ein wichtiger Teil in der Diagnose in der Klosterheilkunde war die Farbe und Zusammensetzung vom Harn, um so Rückschlüsse auf die Qualität der Säfte ziehen zu können. Teil der Klostermedizin waren auch Betriebe innerhalb der Klöster, welche die Heilpflanzen zu «Arzneimitteln» verarbeiteten (d.h. so etwas wie frühe Apotheken), Gebäude für die Pflege der Patienten (d.h. so etwas wie frühe Spitäler) und jeweils ein Klosterarzt.
Eine Bekannte Protagonistin zur Blütezeit der Klostermedizin war die Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen (1'098 bis 1'179 n. Chr.), die in der patriarchalisch dominierten katholischen Kirche eine grosse Ausnahme war. Sie entwickelte ein eigenes Konzept, das weit über vorherrschende Humoralpathologie hinausging und «von göttlichen Visionen inspiriert» war. Während die meisten Klostermediziner an die humoralpathologische Lehre der Antike (Vier-Säfte-Lehre) gebunden waren, konzentrierte sich Hildegard von Bingen auf magisch-mythologische Konzepte. Sie verband medizinische Diagnosen mit sittlichem Verhalten, Ernährung und göttlicher Ordnung. Ein zentrales Element in Hildegards Medizin ist die „Viriditas“ („Grünkraft“). Diese lebensspendende, göttliche Energie soll durch die Natur und den Körper fliessen und Krankheiten würden dadurch entstehen, wenn die Viriditas geschwächt wird, z. B. durch schlechte Ernährung, schlechte Gedanken oder moralisches Fehlverhalten. Heilung geschieht dabei durch den Einklang mit der göttlichen Ordnung, d.h. durch richtige Ernährung, Kräuter, Gebete und eine positive Geisteshaltung. Während viele Klostermediziner sich stark auf antike Kräuterbücher stützten, erforschte Hildegard Heilpflanzen auch durch eigene Beobachtung und visionäre Eingebungen. Ihre Kräuterheilkunde enthielt eigenständige Rezepturen, die nicht immer mit antiken Lehren übereinstimmten. Hildegard von Bingen empfahl auch das Sammeln von oberirdischen Pflanzenteilen bei zunehmendem Mond und von Wurzeln bei abnehmendem Mond. So sollen bei zunehmendem Mond die Säfte von der Wurzel hoch und bei abnehmendem Mond zur Wurzel hinfliessen. Obwohl sie zahlreiche Werke verfasst, wurde ihr Wirken lange Zeit nicht gross beachtet. Grosse Aufmerksamkeit bekamen diese erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts.
Auch zur Zeit der Klostermedizin waren heidnische Bräuche und Weltvorstellungen aus der vorchristlichen Zeit in der Landbevölkerung nach wie vor präsent. Dabei spielten kräuterkundige «weise Frauen», bzw. Heilerinnen eine wichtige Rolle. Die heidnischen Kulte wurden von den Geistlichen zwar angeprangert, jedoch für lange Zeit trotzdem geduldet. Dies nicht zuletzt da man darin einen Aberglauben sah, dem man keine besondere Wirkung nachsagte (was sich im Spätmittelalter jedoch ändern wird ! )

Spätmittelalter – Akademisierung und komplexe Humoralpathologie
Die Klostermedizin verlor in dieser Zeit zunehmend an Bedeutung und wurde durch Mediziner ausserhalb der kirchlichen Institutionen abgelöst. Das Wissen dieser Ärtze ging auch nicht mehr von den Klöstern, sondern von weltlichen Universitäten aus, wie z.B. der «Schule von Salerno». Im Jahr 1130 wurde dann den Mönchen und Nonnen im Konzil von Clermont sogar ärztliche Tätigkeiten untersagt. Aus der neuen Generation dieser akademischen Mediziner entstanden zahlreiche Schriften und Enzyklopädien. Das Konzept der Vier-Säfte-Lehre wurde stets weiterentwickelt und immer komplexer. Wichtige Inputs kamen dabei u.a. vom persischen Arzt Avicenna, nach dem im 12. Jahrhundert (über 150 Jahre nach dessen Tod) sein Hauptwerk «Canon Medicinae», ins Lateinische übersetzt wurde. Nebst den Medizinern, die ihr Wissen in einer Universität erworben hatten, gab es auch die sogenannten «Wundärzte», die sich als Lehrlinge von einen «Meister» ausbilden liessen.

Die Konzepte der Humoralpathologie flossen auch in die Ernährung ein. Dies indem die Nahrungsmittel einer Mahlzeit so ausgewählt wurden, dass diese in ihrer Wirkung (warm, kalt, trocken, feucht) in der Gesamtheit ein Gleichgewicht darstellen, um so ein durch die Ernährung ausgelösten Ungleichgewicht der Säfte zu vermeiden. Auch konnte die Ernährung vom Temperament her angepasst werden, indem z.B. Cholerikern empfohlen wurden, ihr essen nicht zu stark zu würzen.
Nach den religiösen Vorstellungen, die sich ab dem Spätmittelalter durchsetzen, festigte sich auch das der «bösen Hexen», d.h. man sah im Wirken der «weisen Frauen» nicht nur reiner Aberglaube, sondern einen tatsächlich negativen Einfluss zu. Es begann damit die Zeit der ca. 300 Jahre dauernde schreckliche Hexenverfolgung (mehr dazu im Abschnitt "Pflanzenmythologie und -Brauchtum im historischen Kontext"). Das einfache Volk sammelte und nutzte in dieser Zeit aber nach wie vor Heilpflanzen. Bei kräuterkundigen Frauen aus dem einfachen Volk, war die Gefahr jedoch gross als Hexe denunziert zu werden, vor allem wenn die Praktiken magische Elemente aufwiesen.
Neuzeit - von der Humoralpathologie zur modernen Medizin
Prominente Kritik an der Humoralpathologie kam im 16. Jahrhundert durch den Schweizer Arzt Paracelsus, der als Professor in Basel tätig war. Er propagierte erstmals die Chemie und Biologie, aber auch Alchemie als Grundlage des Lebens und damit auch als Lösung gegen Krankheiten. In sein Weltbild flossen aber auch astrologische und christliche Konzepte mit ein. Seine Heilmittel waren giftige Schwermetalle oder auch Schwefel. Seine Arbeitsweise umfasste u.a. ein systematisches Erfassen von Krankheitsverläufen. Bei den Heilpflanzen bezog er sich nebst empirischen Befunden auch auf die sogenannte «Signaturenlehre» (Erläuterung siehe weiter unten). Beim Zeitpunkt wann welche Pflanzen gesammelt, zubereiten und verabreicht werden, wurde auch die Sternkonstellationen berücksichtigt. Aus seinen Konzepten ging die Spagyrik hervor, die später bis ins 19. Jahrhundert von anderen Protagonisten weiterentwickelt wurde. Paracelsus versuchte auch das chemische Wirkprinzip von Heilpflanzen zu ergründen, allerdings standen ihm damals entsprechende technische Möglichkeiten noch nicht zur Verfügung.

Signaturenlehre: Nach dem Konzept der Signaturenlehre sollen durch die äusserlichen Eigenschaften einer Pflanze (Geruch, Geschmack, Farbe, Gestalt, Struktur, Beschaffenheit, Standort, Wachstumsphase und Lebensdauer) auf dessen Heilwirkung geschlossen werden können. Nach dieser Logik wird beispielsweise der Wiesen-Knöterich mit seinem schlangenförmigen Rhizom zur Behandlung von Schlangenbissen empfohlen. Spuren dieser interpretierten Signaturen finden wir auch heute noch in den deutschen Namen der entsprechenden Pflanzenarten, wie z.B. Augentrost, Milzkraut oder auch der Blutwurz.
Die Signaturenlehre war womöglich bereits in früherer Zeit ein Instrument in der Suche nach Heilpflanzen. Das Prinzip erlangte erst mit Paracelsus und weiteren alchemistischen Gelehrten Popularität und eine Systematik, bzw. gelangte damit auch in die akademische Lehre (z.B.an der Universität Basel) und in die Arzneibücher (dominierend war jedoch auch in dieser Zeit aber nach wie vor die Humoralpathologie). Paracelsus war zwar ein gläubiger Katholik, sah in der Signaturenlehre aber weniger ein religiöses, sondern eher ein «ganzheitlich, kosmisches Prinzip». Das Prinzip der Signaturenlehre ist auch Bestandteil der chinesischen und ayurvedischen Medizin.
Viele in der Volksheilkunde beschriebenen Heilwirkungen von Pflanzen lassen einen Ursprung in der Signaturenlehre erahnen:
Dem Leberblümchen mit dreiteiligen Blättern, die an die Struktur der Leber erinnern, wird eine Wirkung gegen Leberleiden zugesprochen.
Frauenmantel, der aufgrund der Erscheinung mit Gutationstropfen, die scheinbar aus dem nichts kommen (für die es eine rationale Erklärung gibt, welche die damaligen Menschen aber noch nicht gekannt haben) mit der Gottesmutter Maria assoziiert wird, wird mit vielerlei Wirkungen in der Frauenheilkunde in Verbindung gebracht.
Die Grosse Klette mit seinen Blüten, dessen borstigen Hüllblätter an Haare erinnern, wird gegen Haarausfall empfohlen.
Das Scharbockskraut mit seinen unterirdischen Speicherknöllchen, die in der Form an Hämorrhoiden erinnern, wird dementsprechend auch gegen Hämorrhoiden empfohlen.
Dem Stinkenden Storchschnabel, der gegenüber Pestiziden sehr resistent ist, wird ein «Entgiftungspotential» zugeschrieben.
Aus den nierenförmigen Blättern des Gundermanns wird auf eine Wirkung auf die Nierenfunktion und daraus auf eine ausscheidungsfördernde Wirkung geschlossen, die u.a. aus «Ausleiten von Schwermetallen» umfasst.
Da im Blütenkopf der Wilde Karde die Blüten jeweils auf ringförmigen Etagen erblühen und sich die Ringe mit der Zeit aufwärtsbewegen, wird dies von Wolf Dieter Storl als Analogie zur Wanderrröte bei Borreliose verstanden.
Generell werden Disteln aufgrund der Stacheln mit Schmerz in Verbindung gebracht, wodurch auf einen Einsatz gegen rheumatische Beschwerden geschlossen wird.
Die etwas verdickten Knoten des Klettenlabkrautes erinnern an die Lymphknoten, wodurch dieses Kraut den Lymphfluss anregen solle.
Ebenso mit dem Lymphsystem und einer Steigerung des Lymphflusses assoziert wird die Engelwurz mit ihren dicken Blattscheiden.
Die blauen Blüten der Wegwarte erinnern von der Farbe hr an Augen, weshalb sie für Anwendungen bei Augenleiden verwendet wurden.
Da sich der Blütenkorb vom Gänseblümchen je nach Wetterlage öffnet und schliesst, resp. sich im Tagesverlauf immer nach der Sonne ausrichtet, symbolisiert diesen den Rhythmus der Natur, zu dem auch der Menstruationszyklus gehört. So könne dabei ein Einsatz bei Frauenleiden abgeleitet werden.
Dass sich entsprechende äusserliche Eigenschaften von Pflanzen durch evolutionäre Gründe so entwickelt haben (z.B. dienen Farbe, Form und Muster der Blüten meist der Anlockung und bestäubenden Insekten), wussten die Menschen zu diesen Zeiten noch nicht. Auch war das generelle Weltbild aufgrund des damaligen Wissens sehr menschenbezogen. Das unser Planet im scheinbar unendlichen Universum so etwas wie gar keine Bedeutung hat und die Menschheit über die gesamte Naturgeschichte der Erde nur eine winzige Episode ist, war damals nicht bekannt.
Dennoch war die Signaturenlehre ein wichtiges Element, mit dem auch echte Heilwirkungen entdeckt wurden. So wirkt die Blutwurz mit ihrem in Innern roten Rhizom (was einer Blut-Signatur entspricht) aufgrund der enthaltenen Gerbstoffe tatsächlich blutstillend. Auch gilt die Wirkung des Augentrosts mit dem an Augenlieder erinnernden Muster auf den Kronblättern, aufgrund des enthaltenen Aucubins und Gerbstoffen, gegen Augenentzündungen auch in der modernen Pflanzenheilkunde als plausibel.
Zu beachten ist, dass nicht nur das Rhizom der Blutwurz blutstillend wirkt, sondern auch die vielen anderen Gerbstoffpflanzen, die nicht nur roter Farbe assoziert sind (z.B. Eichen). Zugleich reinigt die Blutwurz weder das Blut, noch hilft sie gegen Bluthochdruck oder was auch immer für andere Blut-assozierte Leiden. Auch hilft der Augentrost weder gegen den gegen Grauer Stahl, noch verbessert er die Sehleistung.
Im Versuch einzelne Übereinstimmungen mit der moderner Pflanzenheilkunde als Beweis für die Signaturenlehre heranzuziehen, sollte man sich also bewusst sein, nicht die Falle des «Cherry-Pickings» zu tappen. In der grossen Menge der mit Signaturenlehre postulierten Heilwirkungen, Überscheinstimmungen mit der evidenzbasierten Phytotherapie auch rein statistisch auf jeden Fall zu erwarten (resp. es wäre erstaunlich wenn es keine Übereinstimmungen gäbe).
Während der Gegenreformation im 17. Jahrhundert entstanden zahlreiche neue Klöster und auch die Klostermedizin wurde damit ein Stück weit wiederbelebt. Denselben Stellenwert wie im Mittelalter, erreichte sie aber nicht mehr, denn viel zu dominant war mittlerweile die weltlich-akademische Medizin. Durch die Kolonisation gelangten nun zunehmend auch Heilpflanzen aus anderen Gegenden und Kulturen dieser Welt nach Europa.
Die Zeit der Aufklärung ab dem frühen 18. Jahrhundert war zwar mit einer Zuwendung zu rationalen Prinzipien gekennzeichnet. Die Bedeutung der Signaturenlehre verschwand damit, doch die akademische Medizin bliebt trotzdem in den Mustern der Humoralpathologie stecken. Mit Samuel Hahnemann trat in dieser Zeit auch ein prominenter Kritiker der Humoralpathologie hervor. Im Gegensatz zu Paracelsus begründete dieser die Ursache von Krankheiten jedoch nicht mit chemisch-rationalen Vorgängen, sondern mit «Energien» und begründete damit die Homöopathie.
Anfang des 19. Jahrhunderts standen dann zunehmend auch chemische Methoden zu Verfügung, die es möglich machten, Wirkstoffe zu isolieren und damit das Wirkprinzip von Heilpflanzen zu ergründen. Damit wurde das Zeitalter der modernen Medizin eingeleitet. Die Humoralpathologie, die in der europäischen Medizingeschichte seit der Antike dominant war, wurde nun zunehmend in Frage gestellt. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhundert von der «Zellularpathologie» abgelöst. Die Zellularpathologie besagt, dass Krankheiten aufgrund von Störungen in der Funktion der Körperzellen entstehen und Arzneistoffe in ihrer Wirkung diese Störungen beeinflussen können.

Indem Wirkstoffe durch chemische Verfahren isoliert und später auch zunehmende auch pflanzliche Wirkstoffe synthetisch (und damit viel günstiger) hergestellt wurden, entstand nun die Pharmaindustrie. Später wurden immer mehr Wirkstoffe für eine bessere Wirkung und Verträglichkeit synthetisch modifiziert, bzw. neue Wirkstoffe direkt synthetisch entwickelt, so dass die Bedeutung von Arzneipflanzen immer mehr in den Hintergrund trat.
Aus der Strömung der modernen, wissenschaftlich basierten Medizin, die sich mit Heilpflanzen befasst, entstand die moderne Phytotherapie. Ein wichtiger Wegbereiter hierzu war Dr. Rudolf Fritz Weiss, der ab 1931 als Dozent für Phytotherapie tätig war. Nach dem Zweiten Weltkrieg schuf er an der Universität Tübingen den ersten Lehrstuhl für Phytotherapie. Nebst seiner Tätigkeit bei der Kommission E und Herausgeber der «Zeitschrift für Phytotherapie» erschien im im Jahr 1960 das «Lehrbuch der Phytotherapie». Er war auch Gründungsmitglied der Gesellschaft für Phytotherapie, sich für die Anwendung pflanzlicher Arzneimittel und einer wissenschaftlich fundierten Pflanzenheilkunde einsetzt.
Die Situation in Sachen Heilpflanzen heuzutage ist so etwas wie ein Sammelsurium aus verschiedenen Konzepten, einerseits gibt’s die erwähnte evidenzbasierte Phytotherapie, dessen Wissenquellen sich meist nur auf einzelne eher wissenschaftlich orientierte Bücher beschränkt. In Kräuterbücher, auf Social Media, usw. dominieren stattdessen vor allem die traditionellen Konzepte (Magie, Heilsversprechen mit humoralpathologischen Ursprung, Siganturenlehre usw). Dieses Sammelsurium traditioneller Konzepte, das wird häufig unter der Begriff «Volksheilkunde» zusammengefasst.
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