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das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen


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Pflanzenmythologie und -brauchtum in historischen Kontext


Altsteinzeit

Jungsteinzeit

Kelten

Germanen

Griechen und Römer

Christentum im Früh- bis Hochmittelalter

Hexenverfolgung im Spätmittelalter

Pflanzenmythologie in der Neuzeit


Um die Mythologie und das Brauchtum von Pflanzen zu verstehen, ist der Blick in die menschliche Kulturgeschichte zentral. Denn mythologische Bedeutungen sind ein Stück weit auch ein Abbild von Lebensbedingungen, Umwelt (Klima, Landschaft, Vegetation) und Kultur, resp dem kulturellen Erbe der entsprechenden Zeit. Viele Pflanzenrituale und Bräuche des Mittelalters lassen sich auf deutlich ältere Traditionen zurückführen, die über die Antike, bzw. den Kelten / Germanen bis vermutlich weit in die Steinzeit zurückreichen. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben, angepasst, weiterentwickelt und zwischen verschiedenen Kulturen ausgetauscht / vermischt. Dabei waren es oft Akteure wie Schamanen, Hexen, Druiden, Priester, usw., sich mit Pflanzenritualen Zugang zur spirituellen Welt verschafften. Auch mit der Christianisierung im Mittelalter wurden viele alte Pflanzenbräuche nicht einfach abgeschafft, sondern umgewandelt und in den christlichen Glauben integriert. Genauso konnten aber auch heidnische Praktiken über eine längere parallel zu den neuen christlichen Traditionen weiterleben. Erst die Hexenverfolgung im Spätmittelalter setzte schliesslich vielem davon grosse Steine in den Weg.


Pflanzenmythologie von der Steinzeit bis in die Neuzeit in verschiedenen Epochen: Mythische Szene mit Menschen, Tieren und Pflanzen. Göttin mit Blumen, Feuer, Pyramiden, Regenbogen und Mittelalter-Burg im Hintergrund.

Altsteinzeit


Die Möglichkeiten aus archäologischen Funden die Kultur der Steinzeitmenschen abzuleiten sind begrenzt. Zwar finden sich bei Ausgrabungen immer wieder Artefakte und selten auch Pflanzenreste (v.a. robustere Pflanzenteile, wie z.B. Samen), doch wie man diese Funde interpretiert, ist mit grossen Unsicherheiten behaftet. Was über das spirituelle Leben der Steinzeitmenschen erzählt wird, sind im Grunde nur Vermutungen und vage Interpretationen und können niemals den Anspruch von «gesichertem Wissen» erfüllen. Ausserdem war der «Steinzeitmensch», wie auch heute, kein homogenes Gebilde, sondern ein Sammelsurium aus verschiedenen Gruppen mit verschiedenen Kulturen, Traditionen und Glaubensstrukturen. Steinzeiterläuterungen aus dem Mainstream sind auch oft durch den Zeitgeist geprägt: Erst sah man in der Steinzeit-Jagd ausschliesslich die Aufgabe der Männer und beim Sammeln von Pflanzen und Betreuung der Kinder die Aufgabe der Frauen. Mittlerweile weiss man durch Ausgrabungen, dass das nicht immer und überall so der Fall gewesen sein muss. Behauptungen aus gewissen Kreisen, die sogar von einer Steinzeit sprechen, in der keine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung oder sogar ein Matriarchat herrschte, sind aber ebenso wissenschaftlich fraglich, wie das alte patriarchale Steinzeit-Bild.



Zahlreiche Archäologische Funde aus der Steinzeit weisen auf rituelle Bestattungen hin und auch Szenen gewisser Höhlenmalereien können als geistige Wesen interpretiert werden. Venusfiguren, die oft in Ausgrabungen gefunden werden, werden oft als Fruchtbarkeitsidole oder Symbole einer Art «Muttergöttin» interpretiert. Dies kann wiederum auf eine weibliche Naturkraft, resp. gelebter Fruchtbarkeitskult hindeuten. Ebenso findet man animistische Weltbilder (siehe später) bei vielen rezenten naturnahen indigenen Völkern rund um die Welt und deshalb liegt auch die Vermutung nahe, dass die Menschen der Steinzeit eine ähnliche Sicht auf die Welt hatten. Aber letzten Endes ist die Annahme, dass steinzeitliche Menschen eine animistische Weltanschauung hatten und die weibliche Urkraft ehrten, zwar plausibel, aber nicht eindeutig archäologisch nachweisbar. Archäologische Funde wie Bestattungen, Höhlenmalereien und Figuren sprechen aber zumindest dafür, dass die Steinzeitmenschen eine tiefe spirituelle Beziehung zur Natur hatten.


Welche Pflanzenarten in Europa für rituelle Zwecke verwendet wurden und was ihre genaue Bedeutung war, darüber kann nur spekuliert werden. Dies weil, wie erwähnt, archäologische Beweise für solche Praktiken nur in begrenztem Umfang vorliegen. Während sich Artefakte aus Stein, Knochen oder Keramik über Jahrtausende erhalten, sind pflanzliche Überreste durch ihre organische Beschaffenheit viel anfälliger für Verfall. Auch ob Funde von verkohlten Samen oder Pollen in Siedlungen oder Gräbern als rituelle oder medizinische Anwendung zu interpretieren sind, resp. deren Existenz andere Gründe haben könnte, ist meist unklar. Aussagen über die Bedeutung einzelner Pflanzen werden daher häufig durch Analogieschlüsse aus späteren historischen Quellen und rezentem Brauchtum indigener Völker erschlossen. Doch diese Rückschlüsse bleiben unsicher, da sich Kulturen verändern und sich Bedeutungen auch verschieben können.


Im Folgenden ein Szenario, wie das spirituelle Leben in der Steinzeit womöglich ausgesehen haben könnte, ohne den Anspruch, dass dies auch der Realität entspricht:


Die Steinzeit war eine Ära, in der die Menschen in engem Einklang mit der Natur lebten. Dabei war das Wissen über Wildpflanzen als Nahrung und Medizin ein essenzieller Bestandteil deren Lebens. Die Bedeutung von Pflanzen ging aber über die reine Nahrungsbeschaffung hinaus. Die Natur wurde nicht einfach nur als eine Ansammlung von Pflanzen, Tieren und Landschaften gesehen, sondern man nahm sie beseelt und voller Magie wahr. Man sah in Pflanzen eine eigene Seele und eine spirituelle Kraft. Dieser animistische Glaube prägte ihr Verhältnis zur Umwelt und wurden in Form von Ritualen, Mythen in ihren Alltag gelebt. Wildpflanzen wurden demnach nicht nur als Nahrung oder Heilmittel genutzt, sondern wurden auch als Verbindung zwischen dem Diesseits des Menschen und der Anderswelt der Geister betrachtet.



Im Animismus dürfte der Versuch, die Natur mit den damaligen zur Verfügung stehenden Mittel zu erklären, eine grosse Rolle gespielt haben. Zusätzlich ist der Animismus wohl auch eine Antwort auf die unberechenbare und oft feindliche Umwelt, in der die Menschen der Steinzeit lebten. Denn Menschen waren ständig auf der Suche nach Nahrung und mussten sich gegen Raubtiere, Wetterextreme und Krankheiten behaupten. Sie lebten in kleinen Gruppen als Jäger und Sammler, oft ohne festen Wohnsitz, und waren den Launen der Natur brutal, direkt und unmittelbar ausgeliefert. In dieser rauen Welt wo die Nahrung nicht einfach im Supermarkt besorgt werden konnte und voller Gefahren war, suchten die Menschen nach Wegen, ihre Umwelt zu verstehen und zu beeinflussen. Dabei waren sie ausgeklügelte Naturforscher, die ihre natürliche Umwelt kannten, verstanden und deuten konnten. Sie hatten aber weder die heutigen physikalischen Messinstrumente, noch kannten sie die physikalischen Gesetze, um ein Blitz als eine elektrische Entladung zwischen einem Spannungsunterschied zwischen Atmosphäre und Erdoberfläche zu verstehen. So bot ihnen der Animismus Erklärungen, um solche Naturphänomene deuten zu können.

Vermutlich gab es bereits in der Steinzeit, inspiriert von den Zyklen der Natur (Tag/Nacht, Jahreszeiten, Mondzyklen, etc.), die Vorstellung von einer menschlichen Seele, die zwar vergeht und eines Tages auch wieder aufgeht. So wie auch die Sonne nach dem Untergang am nächsten Morgen wieder neu aufgeht, sollen dabei auch Menschen nach dem Tod eines Tages wiedergeboren werden. Zu dieser Vorstellung gehörte auch der Ahnenkult. Dieser basierte auch der Annahme, dass verstorbene Sippenmitglieder in dieser Zwischenzeit als «Ahnengeister» erhalten bleiben, deren Aufenthaltstort unter anderem auch in Pflanzen vermutet wurde.


Der Glaube, dass alles in der Natur von Geistern oder unsichtbaren Kräften durchdrungen war, half ihnen nicht nur die Umwelt zu deuten, sondern bot vermutlich auch die Vorstellung durch Rituale, Opfergaben und Beschwörungen Einfluss auf das Naturgeschehen nehmen zu können. Denn wenn alles in der Welt eine Seele hatte, dann konnte man mit diesen Seelen auch kommunizieren. So versuchten die Menschen diese Geister durch Gebete, Tänze oder Opfergaben zu besänftigen. Sie baten um Schutz oder Beistand, sei dies für den Jagd-Erfolg, die Gesundheit, Liebe, Fruchtbarkeit oder um vor Naturgefahren und Tierattacken verschont zu bleiben. Um sich vor bösen Geistern oder Feinden zu schützen, banden die Steinzeitmenschen Pflanzenteile zu Amuletten oder trugen sie als Schmuck. Auch Heilung war nicht einfach eine physische, sondern oft auch eine spirituelle Angelegenheit. Krankheiten wurden häufig als Angriff böser Geister oder als Zeichen eines Fluchs verstanden. Heiler oder Schamanen nutzten Wildpflanzen, um diese negativen Kräfte zu vertreiben. Schamanen nutzten die Pflanzen aber auch als Medium, um in einem Zustand der Trance (oft mit Hilfe von psychoaktiven Pflanzen) mit den Ahnen zu sprechen oder damit Visionen und Prophezeiungen zu erhalten.


Pflanzenarten, die in der Altsteinzeit in Mitteleuropa womöglich rituell genutzt wurden, sind Beifuss-Arten oder Wacholder.

 

Nochmal der Hinweis: Der Inhalt oben ist nur ein mögliches Szenario und enthält viele Annahmen, die so nicht archäologisch klar nachgewiesen sind!


 

Jungsteinzeit 


Vor 12'000 Jahren begannt mit der sogenannten «neolithischen Revolution» die Jungsteinzeit. Damit wurde der Übergang vom Nomadentum als Jäger und Sammler zur Sesshaftigkeit mit Ackerbau und Viehhaltung eingeleitet. Begonnen hat diese Lebensweise im Nahen Osten am Euphrat und Tigris und erreichte ein paar Tausend Jahre später auch Mitteleuropa. Es entwickelten sich die ersten Hochkulturen. Die Bevölkerung wuchs und mit der Zeit entstanden auch erste Städte.


In Europa, das damals noch von einem tiefen Urwald bedeckt war, lebten die Menschen in Lichtungen. Es wird vermutet, dass diese «Inseln der Zivilisation» nach aussen durch Hecken geschützt waren. Dies einerseits, um das Nutzvieh einzuzäunen, anderseits auch um sich nach aussen vor wilden Tieren zu schützen. Verwendet wurden vor allem Sträucher mit Stacheln und Dornen, also Schlehen oder Weissdorn.


Luftaufnahme eines jungsteinzeitlichen Dorfes mit runden Strohhütten, umgeben von Wäldern und Feldern. Ordnung und Natur harmonieren.

Die Einführung des Ackerbaus bedeutete nicht nur eine neue Art der Nahrungsbeschaffung, sondern auch eine zunehmende Abgrenzung von der Wildnis. Während Jäger und Sammler im Einklang mit den natürlichen Rhythmen der Landschaft lebten und flexibel auf Veränderungen reagierten, begannen sesshafte Gemeinschaften, die Natur aktiv zu kontrollieren. Diese Veränderungen könnten dazu geführt haben, dass die Wildnis zunehmend als gefährliche und unkontrollierbare Umgebung wahrgenommen wurde, der man mit viel Respekt begegnete. Hecken galten deshalb auch als Grenze zwischen dem zivilisierten Raum und der Wildnis, zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, resp. dornigen Sträuchern wurde nicht nur ein physischer Schutz, sondern auch eine schützende Wirkung vor den unkontrollierbaren bösen Geistern und damit Unglück, Krankheit, usw. zugesprochen.


Dorf mit Strohhütten und Feldern links, jenseits der Hecke rechts dämonische Gestalten im dunklen Wald. Starke Kontraste, bedrohlich.

Archäologische Funde aus dieser Zeit zeigen, dass Rituale haben in solchen Siedlungen einen hohen Stellenwert gehabt haben dürften. Dabei gab es vermutlich Personen, die als spirituelle Führer oder Schamanen fungierten und dabei auch Wildpflanzen für rituelle Zwecke nutzten.


Archäologische Funde zeigen, dass bereits in der Jungsteinzeit Bauwerke errichtet wurden, die sich an den Sonnen- und Mondständen orientierten (wie z.B. Stonehenge). Diese Bauwerke könnten Hinweise darauf geben, dass Menschen damals schon wichtige Zeitpunkte im Jahreslauf markierten und möglicherweise rituell begingen. Schliesslich waren Menschen durch die Landwirtschaft mittlerweile auch stark abhängig von der Fruchtbarkeit des Bodens, resp. dem Ertrag der Ernte und hier auch der Ursprung für die in späteren Epochen dokumentierten Jahreskreisfeste liegt.



Kelten


Die ersten keltischen Gruppen entstanden in Mitteleuropa ca. 1200 v. Chr. Es war eine weit verbreitete, aber lose verbundene Kulturgruppe, die sich über grosse Teile Europas erstreckte. Die Kelten lebten in Stämmen, die durch eine gemeinsame Sprache, Kunst, Religion und soziale Strukturen verbunden waren. Obwohl sie oft als einheitliches „Volk“ betrachtet werden, waren die Kelten kein zentral organisierter Staat, sondern eine Vielzahl von Stämmen mit ähnlicher Lebensweise. Sie bildeten komplexe Gesellschaften mit Fürsten, Kriegern, Bauern und Religion.

Die Kelten verehrten personalisierte Götter, die oft mit bestimmten Naturphänomenen oder Orten verbunden waren. Den Naturkräften würden bekamen so demnach Namen und Persönlichkeiten, was von Vertretern der Animismus-Theorie als wichtige neue Evolutionsstufe in der Entwicklung von Religion gesehen wird. Der Götterhimmel der Kelten war alles andere als einheitlich und regional und zeitlich sehr verschieden in Bedeutung und Namen. Im Zusammenhang mit Pflanzenritualen wird sehr oft die Göttin Brigid genannt. Sie war auf der irischen Insel nicht nur als Göttin des Lichts, Heilung und Inspiration, sondern auch der Heilkräuter und des Frühlings. In anderen Regionen des keltischen Raumes gab es Göttinnen mit ähnlicher Funktion, jedoch mit anderen Namen.


Keltischer Druide bei einem Pflanzenritual

Die Kelten sahen die Welt als ewigen Kreislauf von Jahreszeiten, Sonnen-, Mond- und Sternzyklen, sowie Leben-Tod-Wiedergeburt. Jahreskreisfeste, welche die Übergänge im landwirtschaftlichen und spirituellen Jahreslauf symbolisieren, waren ein wichtiger Teil dieses religiösen Lebens. Druiden waren die geistige Elite der Kelten und dienten als Hüter des spirituellen und weltlichen Wissens. Sie führten spirituelle Rituale durch, leiteten Opferungen und Zeremonien zu Ehren der Götter und nutzten Orakeltechniken. Gleichzeitig hatten sie auch das Wissen über die heilenden Kräfte der Pflanzen. Nebst den Druiden gab es auch noch die «Seher» (meist Druiden-Anwärter) und einfache Heilerinnen (v.a. Frauen), die sowohl magische als auch medizinische Praktiken (z.B. als Hebamme) ausführten. Pflanzen spielten als Brücke zwischen den Menschen und den Göttern im spirituellen Leben der Kelten eine zentrale Rolle. Wichtige Pflanzenarten unter ihnen waren:


Mistel: Weil Misteln „ohne Wurzeln“ auf Bäumen wachsen, galten sie als Gabe der Götter und waren deshalb besonders heilig, v.a. diejenigen seltenen Exemplare, die auf Eichen wuchsen (Eichen wurden selbst als heilig angesehen). Die Misteln wurden von Druiden mit goldenen Sicheln geerntet und noch über dem Boden mit weissen Tüchern aufgefangen (man glaube, dass der Kontakt mit dem Boden ihre magische Kraft zerstören würde). Oft wurde beim Erntezeitpunkt auch noch die richtige Mondphase berücksichtigt. Aus den Misteln bereiteten die Druiden magische Tränke zu, denen eine Schutzfunktion gegen böse Geister und Gifte, sowie heilende Wirkungen zugeschrieben wurden (der Zaubertrank von Miraculix dürfte daraus inspiriert sein); Mistel wurden aber auch bei Orakelzwecken eingesetzt.



Eiche: Die Eiche war einer der heiligsten Bäume der Kelten und spielte eine zentrale Rolle in ihrer Religion und Mythologie > mehr dazu im Pflanzenportrait der Eiche


Hasel: Der Hasel spielte in der keltischen Mythologie eine zentrale Rolle als Baum der Weisheit und wurde auch für Orakel genutzt > mehr dazu im Pflanzenportrait vom Hasel


und weiter (siehe jeweiliges Pflanzenportrait im Link)

  • Holunder

  • Vogelbeere 

  • Eibe

  • Wacholder

  • Johanniskraut 

  • Mädesüss

  • Eisenkraut

  • Beifuss 

  • Schlüsselblume



Germanen


Die Germanen waren eine Gruppe von Stämmen, die sich ab ca. 1200 v. Chr. bis 600 n. Chr. in Nord- und Mitteleuropa entwickelten. Die Germanen waren wie die Kelten kein einheitliches Volk, sondern setzte sich aus einer Vielzahl von Stämmen zusammen, die durch Sprache, Kultur und ähnliche Lebensweisen verbunden waren. Sie lebten in Stammesgesellschaften und betrieben Landwirtschaft, Viehzucht, Jagd, sowie Fischfang. Die Römer beschrieben die Germanen als kriegerisch, furchtlos, naturverbunden und barbarisch. Ihr Kerngebiet lang in Skandinavien, Norddeutschland und dem Baltikum.


Gruppe von germanischen Kriegern in Rüstung im Wald; tragen Helme, Schilde, Speere. Stimmung angespannt; gedämpfte Farben, rustikales Ambiente.
©Christian Bunge - stock.adobe.com

Kelten und Germanen waren benachbarte indoeuropäische Kulturen, die viele Ähnlichkeiten, aber auch deutliche Unterschiede in ihrer Religion, Mythologie und Pflanzenverwendung aufwiesen. Beide hatten eine spirituelle Verbindung zu Wildpflanzen und heiligen Bäumen, doch ihre religiösen Traditionen waren doch etwas unterschiedlich. Auch die Germanen sahen die Natur als beseelt und nutzten Pflanzen für Magie, Schutz und Heilung. Bei den Germanen gab es jedoch keine feste, mächtige spirituelle Elite. Rituelle Praktiken wurden von Kult-Leitern durchgeführt (die in Skandinavien mit dem Begriff «Goden» beschrieben werden). Für Orakel und Prophezeiungen waren meist ältere Frauen (Seherinnen) zuständig. Rituale wurden auch in heiligen Hainen, auf Bergen und an Quellen durchgeführt. Die Germanen hatten eine eigene Schrift mit Buchstaben, die «Runen» genannt werden. Damit wurden aber weder lange Texte noch Bücher verfasst. Die Runen hatten vielmehr eine spirituelle Bedeutung. Bei Ritualen wurden Runen auf Holz, Steinen, Metallen und Knochen (z.B. Waffe, Amulette, …) eingeritzt und wurden dabei als Werkzeug für Schutzzauber, Heilung und Orakel verwendet.


Runen auf einem Taufbecken (Bengt A Lundberg / Riksantikvarieämbetet, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62849587)
Runen auf einem Taufbecken (Bengt A Lundberg / Riksantikvarieämbetet, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62849587)

Auch die Germanen verehrten personalisierte Götter, die mit Pflanzen, Flüssen, etc. verbunden waren. Bei den Germanen war Götterwelt von ausgeprägten mystischen Erzählungen begleitet. Im Zusammenhang mit Pflanzenmythologie werden oft genannt:

  • Thor (Donar): Ist der Sohn Odins (dem Göttervater) und der mächtigste Krieger unter den Göttern. Er ist der Donnergott, Herr über Sturme und Beschützer der Menschen. Ihm ist die Eiche gewidmet, eine der wichtigsten Pflanzenarten der Germanen. Ebenso mit ihm verbunden ist die Vogelbeere als Schutzpflanze.

  • Baldur: Gott des Lichts, der Wahrheit, Reinheit und Schönheit. Er ist ebenfalls ein Sohn Odins. Der Legende nach, schwören alle Pflanzen den Eid Baldur nichts Böses zu tun, ausser die Mistel, welche Baldur schliesslich mit einem Pfeil tötet. Der Sage nach, markierte sein Tod zwar Leid, gleichzeitig aber auch Chance für ein Wiederbeginn.

  • Freya: war die dabei Göttin der Liebe, Schönheit, Fruchtbarkeit und Magie. Sie verkörpert, wie Brigid bei den Kelten, die klassische Muttergöttin. Ihr sind vor allem Pflanzenarten geweiht, die mit Weiblichkeit und Liebe assoziert sind, wie z.B. der Beifuss, Hundsrose oder Flachs (das Spinnen und Weben mit den Fasern des Flachs war eine klassische Frauenarbeit).


Die Mythologie der Pflanzen war bei Kelten und Germanen ähnlich. Heilige Pflanzen bei den Germanen waren z.B.


Eiche: Die Eiche war einer der heiligsten Bäume der Germanen. Sie war Thor (Donars) geweiht und wurde als Baum des Donners, der Stärke und des Schutzes verehrt. Bekannt ist auch die sogenannte „Donar-Eiche“ im nordhessischen Geismar, dessen Fällung 772 n. Chr. als wichtiges Symbol der Christianisierung der Germanen gilt. > mehr dazu im Pflanzenportrait der Eiche


Bonifazius nach gefällter Donar-Eiche mit erhobenem Kreuz betet im Wald, umringt von heidnscihen Menschen. Ausdruck von Hingabe und Entschlossenheit, grüne und braune Farbtöne.
Bonifatius lässt die Donar-Eiche fällen

Esche: In den alten nordischen Texten wird Yggdrasil, der zentrale Baum in der germanischen Mythologie, als Esche bezeichnet. Nach der nordischen Mythologie wurde der erste Mann aus einer Esche erschaffen. > mehr dazu im Pflanzenportrait der Esche


Holunder: War eng mit Freya verbunden und galt Schutzbaum des Hauses, als Tor zur Geisterwelt und als eine der wichtigsten Pflanzen für Magie und Heilung. Der Holunder wird ist auch vom Namen her mit Frau Holle verbunden, einer mythologischen Frauengestalt aus mittelalterlichen Volkssagen, die von diversen germanischen Göttinnen, wie z.B. Freya inspiriert gewesen sein dürfte (war jedoch keine historisch belegte germanische Göttin!). Frau Holle soll dabei im Holunder innewohnen. > mehr dazu im Pflanzenportrait vom Holunder


Bilsenkraut: Bilsenkraut enthält die Substanzen Hyoscyamin und Scopolamin, die Bewusstseinsveränderungen und Trancezustände hervorrufen können. Bilsenkrautsamen wurden in germanischen Siedlungen und Gräbern gefunden, was auf rituelle oder medizinische Nutzung hinweisen könnte.


Mistel: Auch bei den Germanen galt die Mistel als eine heilige Pflanze mit Schutz- und Heilkräften. Sie spielte eine zentrale Rolle im Mythos um Baldurs Tod. Dadurch wurde die Mistel zur Pflanze des Schicksals.


und weiter (siehe jeweiliges Pflanzenportrait im Link)

  • Vogelbeere

  • Eibe

  • Wacholder

  • Johanniskraut

  • Mädesüss

  • Eisenkraut

  • Beifuss


Der Ursprung der Neunkräutersuppe, die in der christlichen Tradition am Gründonnerstag auf den Tisch kommt (siehe Abschnitt "Jahreskreisfeste"), wird häufig auf die Germanen zurückgeführt (archäologische Funde oder schriftliche Erwähnungen hierzu fehlen jedoch). Die Neunkräutersuppe ist Frühjahrsmahlzeit, die aus neun verschiedenen Wildkräutern bestand und es wird vermutet, dass diese bei den Germanen eine rituelle Komponente gehabt haben, indem sie im Rahmen von Frühlingsritualen zur Erneuerung der Lebenskraft verzehrt wurde. Welche Kräuter dabei genau verwendet wurden, darüber kann nur spekuliert werden. Die Zahl Neun hatte im germanischen Weltbild eine besondere symbolische Kraft. Sie taucht bei den Germanen in zahlreichen mythologischen und rituellen Kontexten auf. So bilden neun Welten die kosmische Ordnung. In den Sagen musste Helden oder Könige oft neun Prüfungen bestehen oder neun Feinde bezwingen.



Griechen und Römer


Die Mythologie und das religiöse Brauchtum der Griechen und Römer ist uns weit besser bekannt als bei den Kelten und Germanen. Der Hauptgrund dafür liegt in der Verfügbarkeit und Vielfalt schriftlicher Quellen, die von den Griechen und Römern selbst oder von späteren Autoren überliefert wurden. Im Gegensatz dazu basierte das Wissen der Kelten und Germanen primär auf mündliche Überlieferungen, die erst durch fremde Beobachter (meist Römer oder mittelalterliche christliche Mönche > jeweils mit deren Bias) festgehalten wurden. Auch in der antiken Welt der Griechen und Römer waren Pflanzen tief in das mythologische Weltbild eingebettet. Diverse Gottheiten sind eng mit der Pflanzenwelt verbunden.


Szenerie im antiken Rom

Während man bisher glaubte, dass Krankheiten und auch Heilung durch übernatürliche Kräfte verursacht würden, änderte sich dieses Paradigma mit Hippokrates grundlegend. Er gilt als Begründer (evtl. war es auch nur der gute Vermarkter) der Humoralpathologie (auch 4-Säfte-Lehre genannt), einem Medizinkonzept, welches sich von mythologischen Erklärungen für Gesundheit und Krankheit löste. Hippokrates behauptete, dass Krankheiten natürliche Ursachen haben und nicht durch göttliche Strafen oder Flüche entstehen. Gemäss der Humoralpathologie entstehen Krankheiten durch ein Ungleichgewicht aus vier Säften im Körper, die er Blut, Schleim, Gelbe Galle und Schwarze Galle nannte (mehr zum Konzept der Humoralpathologie / 4-Säfte-Lehre im Aschnitt "Heilpflanzen in der Kulturgeschichte"). Dadurch rückte der Fokus der Heilkunst auf eine individuelle Diagnose und gezielte Behandlung, anstatt auf göttliche oder spirituelle Intervention. Heilpflanzen wurden gemäss Qualitäten eingesetzt, die als wärmend oder kühlend, resp. trocknend oder befeuchtend beschrieben wurden. Die Römer übernahmen und erweiterten dieses hippokratische Wissen. Der berühmte Arzt Galen von Pergamon (129–216 n. Chr.) führte die Humoralpathologie weiter aus und systematisierte die Pflanzenheilkunde noch detaillierter. Er entwickelte eine Theorie über die Temperamente des Menschen, die mit den Körpersäften zusammenhingen, und ordnete Heilkräuter gezielt den jeweiligen Konstitutionstypen zu.


Der mythologische Glaube war in der griechischen und römischen Welt trotzdem weit verbreitet. Besonders in den Jahreskreisfesten, aber auch im Alltag, spielten magische Praktiken, Orakel, Schutzzauber und rituelle Handlungen eine wichtige Rolle. Krankheiten, Unglück und Ernteausfälle wurden oft als Folgen göttlichen Zorns oder magischer Flüche interpretiert. Selbst hochgebildete Römer und Griechen, darunter Politiker, Philosophen und Ärzte, hielten an bestimmten abergläubischen Praktiken fest. Orakelstätten wie Delphi oder Dodona blieben bis weit in die römische Kaiserzeit hinein wichtig. Ausserdem war die Humoralpathologie und die damit verbundene systematische Medizin in der Antike in vielerlei Hinsicht ein Luxusgut, so dass Bauern, Handwerker oder einfache Stadtbewohner zur Heilung immer noch mehrheitlich auf traditionelle Volksmedizin und magische Praktiken zurückgriffen. 

 

In religiösen Festen wurde der Wandel der Jahreszeiten, die Fruchtbarkeit der Erde und den Einfluss der Götter auf das Leben der Menschen gefeiert. Gleichzeitig wurden die Feste genutzt, um das Wohlwollen der Götter zu erbitten, Schutz vor Katastrophen zu erhalten oder die Gemeinschaft zu stärken. Pflanzen spielten in diesen Festen eine zentrale Rolle, sei es als Opfergaben, als Räucherwerk zur Reinigung oder sonst als Teil der Zeremonien. 

 

Götter, die besonders mit Pflanzen in Verbindung gebracht wurden, waren z.B.:

  • Apollon (römisch: Apollo): Gott der Heilkunst, Weissagung und des Lichts. Ihm war der Lorbeer geweiht. Die Nymphe Daphne wurde von Apollon verfolgt und verwandelte sich, um zu entkommen, in einen Lorbeerbaum. Seitdem trug Apollon den Lorbeer als Zeichen seiner Liebe.


römischer Gott Apollon mit Lorbeer-Kranz

  • Artemis (römisch: Diana): Göttin der Wildnis, Jagd, Mädchen und jungen Frauen, Geburtshilfe und des Mondes. Das klassische „Frauenkraut“ Beifuss (lateinische Artemisia) ist nach ihr benannt.


  • Demeter (römisch: Ceres): Göttin der Landwirtschaft und Fruchtbarkeit. Sie galt als die grosse Ernährerin der Menschen und war verantwortlich für das Wachstum der Pflanzen, insbesondere des Getreides. Gerade die Getreide-Ernte war für die Menschen unverzichtbar, da dieses die Grundlage der antiken Ernährung bildete. In der Mythologie wird Demeter oft mit einer Ähre in der Hand dargestellt, Die Menschen glaubten, dass sie die Saat und die Fruchtbarkeit der Felder kontrollierte. Wenn Demeter gnädig war, wuchs das Getreide und sicherte den Menschen Nahrung und Wohlstand. Wenn sie zornig war, konnte sie das Wachstum der Pflanzen verhindern, was zu Hungersnöten führte. Um Demeter / Ceres zufriedenzustellen, wurden jeweils die ersten geernteten Ähren des Getreides ungebunden in einem Ritual den Göttern dargebracht, indem sie auf einen Feldaltar am Rande des Getreidefeldes gelegt wurden und anschliessend ein Teil davon verbrannt wurde. Die Verbindung zwischen Demeter und der Pflanzenwelt zeigt sich besonders im Mythos von Persephone: Persephone, die Tochter Demeters, wurde von Hades (griechischer Gott der Unterwelt, römisch: Pluto) in die Unterwelt entführt. Demeter trauerte und liess in ihrem Kummer die Pflanzen auf der Erde verdorren (eine mythologische Erklärung für den Winter). Immer wenn Persephone jeweils für eine Hälfte des Jahres zu ihrer Mutter zurückkehren durfte, erwachte die Natur erneut (ein Symbol für den Frühling und Sommer) und während Persephone in der Unterwelt weilte, herrschte der Herbst und Winter, da Demeter in Trauer war.


Göttin Demeter / Diana mit Getreide-Ähren in der Hand

  • Dionysos (römisch: Bacchus): Gott des Weins, der Ekstase und der Fruchtbarkeit. Sein heiliges Symbol war der Weinstock.


  • Flora: Eine rein römische Göttin, die als Schutzpatronin der Blumen und des Frühlings galt. Zu ihren Ehren wurde das Fest der Floralia gefeiert, welches jeweils in der Zeit zwischen dem 28. April und dem 3. Mai stattfand. Während dieser Tage standen Fruchtbarkeit, Erneuerung und das Aufblühen der Natur im Mittelpunkt. Die Menschen schmückten sich mit Blumenkränzen aus frisch gepflückten Blumen, insbesondere Mohn, Veilchen und andere Frühjahrsblüten. Tempel, Häuser und öffentliche Plätze wurden mit Girlanden und Blütenblättern dekoriert und auch Tiere wurden mit Blumen geschmückt, um den Segen der Göttin zu erhalten. Man nutze blühende Pflanzen und Getreidekörner auch als Opfergaben.


Szenerie des römischen Frühlingsfestes (Floralia)

  • Aphrodite (römisch: Venus): Sie war die Göttin der Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit. Ihre Verbindung zur Myrre ist tief in der Mythologie verwurzelt. Aphrodite verfluchte einst die sterbliche Prinzessin Myrrha. Dies weil ihre Mutter sich rühmte, dass Myrrha schöner sei als Aphrodite. Als Strafe liess Aphrodite Myrrha in eine verbotene Liebe zu ihrem eigenen Vater geraten. Von Schuld und Scham überwältigt, floh Myrrha in die Wildnis und flehte die Götter an, sie vor ihrem Schicksal zu retten und die Götter verwandelten sie darauf in einen Myrrhebaum. Diese entwickelte sich dann später zur Gestalt des Adonis, der zu einem Geliebten Aphrodites wurde.


Pflanzen mit einer wichtigen Bedeutung in Brauchtum und Mythologie waren unter anderem:


Lorbeer: Lorbeer ist eng mit Apollon verbunden. Lorbeer symbolisierte vor allem Sieg und Macht. Sieger der Olympischen Spiele und römische Feldherren erhielten Lorbeerkränze als Zeichen des Ruhms und göttlichen Schutzes. Lorbeer hatte aber auch eine schützende Symbolik. So legten die Römer Lorbeerzweige über Türschwellen, um das Haus vor Blitzschlag und bösen Geistern zu schützen. In Delphi, dem berühmten Orakelheiligtum des Apollon, wurden Lorbeerblätter gekaut oder als Räucherwerk verbrannt, um visionäre Zustände hervorzurufen.


Ein Mann wird in einer antiken Arena von einem Älteren mit einem Lorbeerkranz gekrönt. Menschen applaudieren im Hintergrund.

Myrte: Die Pflanze war Aphrodite / Venus verbunden und galt als Symbol der Liebe, der Ehe und der weiblichen Fruchtbarkeit. In Griechenland wurden Brautkränze aus Myrte geflochten, um den Segen der Aphrodite zu erbitten. In Rom war Myrte ein Zeichen für Harmonie und Glück in der Ehe, weshalb sie oft in Hochzeitsritualen verwendet wurde. Myrte wurde in Tempeln der Venus als Opfergabe niedergelegt.


Schlafmohn: Der Schlafmohn war Demeter geweiht, die ihn angeblich als Trost nach Persephones Entführung erfand. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass die Pflanze oft in Getreidefeldern wuchs. Der Schlafmohn war auch mit Hypnos, dem Gott des Schlafes und Morpheus, dem Gott der Träume, verbunden. Auch Nyx, die Göttin der Nacht, wurde manchmal mit einem Kranz aus Mohnblüten dargestellt, da sie Schlaf und Ruhe über die Welt brachte. Schlafmohn wurde mit Schlaf, Traum und Heilung in Verbindung gebracht. Der Saft des Schlafmohns (Opium) fand bereits in der Antike medizinische Anwendung gegen Schmerzen und als beruhigendes Betäubungsmittel. Vor religiösen Zeremonien wurde Mohnsaft manchmal genutzt, um spirituelle Visionen oder tranceähnliche Zustände zu erzeugen. Schlafmohn wurde auch in Bestattungsritualen verwendet, da er mit dem Tod und Übergang in die Unterwelt assoziiert wurde. Mohn galt auch als Zeichen für Üppigkeit und Fruchtbarkeit, weil er eine große Menge an Samen produziert. Römische Bauern mischten deshalb Mohnsamen in Getreide, um eine gute Ernte zu sichern.


Weinrebe: Es war die Pflanze des Dionysos / Bacchus. Wein galt als göttliches Getränk, das die Menschen in einen Zustand zwischen Diesseits und Jenseits versetzte. Während der Dionysien, den Festen zu Ehren Dionysos, wurde Wein in grossen Mengen konsumiert und dabei begleitet von ekstatischen Tänzen und Gesängen. In Rom war Bacchus auch der Schutzgott der Winzer, und die Weinlese wurde mit religiösen Ritualen begonnen.


Efeu: Neben der Weinrebe war auch Efeu eine heilige Pflanze des Dionysos. Da Efeu selbst im Winter grün bleibt, symbolisierte er Unsterblichkeit. Während Weinreben mit berauschendem Wein in Verbindung standen, wurde der Efeu in Rom als Schutzpflanze gegen Trunkenheit betrachtet. Das Tragen eines Efeukranzes soll dabei Geist klar halten würde, selbst bei starkem Weinkonsum. > siehe Pflanzenportrait vom Efeu


und weiter (siehe jeweiliges Pflanzenportrait im Link)



Christentum im Früh bis Hochmittelalter


Die Christianisierung in der späten Phase des Römischen Reiches hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die römische und griechische Götterwelt, die heidnischen Bräuche und die symbolische Bedeutung von Pflanzen. Das vielschichtige römische Pantheon wurden nun durch den monotheistischen Gott der Bibel ersetzt. Einen grossen Einfluss auf Kultur und Religion hatte auch die Zeit der Völkerwanderung (ca. 375–600 n. Chr.). Die Völkerwanderung war eine Zeit, in der grosser Bevölkerungsbewegungen germanischer, hunnischer, slawischer und anderer Stämme in das Weströmische Reich stattfanden. Germanische Gruppen wie die Goten, Vandalen, Franken und Langobarden gründeten neue Reiche auf ehemaligem römischem Gebiet. Die Völkerwanderung beschleunigte die Christianisierung Europas, da viele der germanischen Stämme, die das Weströmische Reich eroberten, das Christentum übernahmen. 


Novarte - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43347110
Novarte - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43347110

Anstatt viele alte Bräuche vollständig zu verbieten, integrierte oder überformte das Christentum viele der alten „heidnischen“ Bräuche. Der Begriff „heidnisch“ wurde von der christlichen Kirche als Sammelbegriff für ältere, nicht-christliche Religionen verwendet. Unter „heidnischen Bräuchen“ versteht man daher traditionelle Rituale, Feste und Glaubenspraktiken, die vor der Christianisierung in den verschiedenen Kulturen Europas existierten.


Viele christliche Heilige übernahmen von nun an die Rolle früherer Götter oder mythologischer Gestalten. Auch Symbole wurden übernommen und umgedeutet. Viele der heute bekannten christlichen Feste haben einen heidnischen Ursprung oder wurden an bestehende Feierlichkeiten angepasst. Typisch „christlich“ geltenden Traditionen haben daher tiefe Wurzeln in den vorchristlichen Kulturen Europas.

Pflanzen wurden nicht mehr durch heidnische Rituale, sondern durch Gebete mit der Gottes Kraft gesegnet, ehe es so seine Heilkraft entfalten konnte und auch das Räuchern, ein wichtiger Teil heidnischer Kult, wurde in die christlich-religiösen Zeremonien integriert (v.a. mit Weihrauch). Kirchen wurden auf alten Kultstätten errichtet und Wallfahrten übernahmen Elemente früherer Pilgerreisen zu heiligen Quellen und Bäumen. Nicht zuletzt weisst auch die Verehrung von Jungfrau Maria viele Parallelen zu heidnischen Göttinnen auf, die für Fruchtbarkeit, Mütterlichkeit, Reinheit und Leiden standen.


Priester im weißen Gewand schwenkt ein Weihrauchgefäß in einer Kirche. Rauch steigt auf. Im Hintergrund sind Kerzen und Fenster zu sehen.

Auch alte Pflanzenmythen wurden nicht einfach verdrängt, sondern in das neue christlich-religiöse Weltbild integriert. Pflanzen, die einst im Heidentum verehrt wurden, erhielten christliche Deutungen. So war das «Sonnenkraut» von nun an dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht und hiess neu «Johanniskraut». Ein Namensupdate kriegte auch die Mariendistel, dessen auffälligen weissen Adern auf den Blättern, als «verschüttete Tropfen der Muttermilch von Jungfrau Maria» betrachtet wurden. Auch die Mistel, eine der wichtigsten Zauberpflanzen der Kelten, findet sich im Christentum wieder, wo sie als Pflanze des Friedens, der Versöhnung und der Liebe gilt. Auch Weihrauch wurde bereits in vorchristlichen Kulturen wie den Israeliten oder den Ägyptern als heiliges Räucherwerk genutzt, um Götter zu ehren, Schutz zu gewähren und spirituelle Reinigung durchzuführen. In katholischen und orthodoxen Kirchen ist das Räuchern von Weihrauch ein wichtiger Bestandteil von Messen.


In dieser Zeit des frühen Mittelalters breitete sich auch die Klosterheilkunde vom mediterranen Raum nach in Mitteleuropa aus. So stellten in dieser Zeit vor allem die Klöster mit ihren Mönchen und Nonnen die medizinische Versorgung sicher (mehr dazu im Abschnitt «Heilpflanzen in der Kulturgeschichte»). Obwohl stark von religiösen Vorstellungen geprägt, basierte die Klostermedizin aber auf der („rationalen“) Humoralpathologie der Antike, auch wenn gewisse Pflanzenarten eine religiös aufgeladene Deutung als «Heilmittel Gottes» bekamen. Viele Heilpflanzen, die in der Klostermedizin verwendet wurden, hatten deshalb auch eine christliche Symbolik oder waren mit biblischen Figuren verbunden, wie z.B. die Mariendistel oder das Benediktinerkraut (Nelkenwurz). Eine heute bekannte Protagonistin zur Blütezeit der Klostermedizin im frühen Hochmittelalter war die Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179), die in der patriarchalisch dominierten katholischen Kirche eine grosse Ausnahme war. Sie entwickelte ein eigenes Konzept, das weit über vorherrschende Humoralpathologie hinausging und «von göttlichen Visionen inspiriert» war und zahlreiche magisch-mythologische Komponenten aufwies. Sie nahm dabei auch zahlreiche Bräuche der vorchristlichen Zeit auf. Gegen Ende des Hochmittelalters verlor die Klostermedizin zunehmend an Bedeutung und wurden durch Mediziner ausserhalb der kirchlichen Institutionen abgelöst. Die Medizin wurde nun zu einer Aufgabe weltlicher Gelehrten und das Wissen wurde in Universitäten gelehrt.


Parallel zur christlichen Kultur blieben aber auch die heidnischen Praktischen erhalten. Besonders in abgelegenen Regionen hielten sich Elemente des heidnischen Aberglaubens, die oft mit Naturglauben, Schutzzaubern, Fruchtbarkeitsritualen und spirituellen Heilpraktiken verbunden waren. Viele Leute glaubten weiterhin an Naturgeister, Elfen, Kobolde und Hausgeister, die Einfluss auf das tägliche Leben hatten. Eine besondere Rolle spielten dabei die sogenannten «weisen Frauen»/«wissenden Frauen» (teils aber auch ritualkundige Männer), die als Trägerinnen des alten Wissens und Heilerinnen fungierten, bzw. magische Rituale durchführten. Dabei gehörte die Nutzung Mythologie-Pflanzen mit ihren Segensformeln zu deren Kerngebiet. Die weit verbreitete Vorstellung, wonach diese heilkundigen Frauen mehrheitlich abgeschieden im Wald lebten ist historisch nicht belegt. Sie waren stattdessen ein normaler Teil des Dorf- oder Stadtlebens und meist gut in die Dorfgemeinschaft integriert, wenn sich sogar von einem hohen Ansehen geprägt. Diese heidnischen Kulte wurden über eine lange Zeit von den Geistlichen zwar angeprangert, jedoch trotzdem geduldet. Dies nicht zuletzt, weil man darin «nur» einen Aberglauben sah, der keine Wirkung haben konnte Dies änderte sich dann aber in Spätmittelalter grundlegend.


Eine ältere heilkundige Frau, bzw. weise Frau / heidnische Heilerin steht in rustikalem Kräuterhaus, Kerzen und Pflanzen vor sich. Draußen Fachwerkhäuser bei Sonnenuntergang. Stimmungsvolle Szene.


Hexenverfolgung im Spätmittelalter


Ab dem Spätmittelalter wird für die weisen, heilkundigen Frauen der Begriff „Hexe“ genutzt, welcher vermutlich von althochdeutsch „hagzussa“ abstammt. „Hag“ bedeutet Hecke (im mythologischen Sinne auch die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der Geister), während „Zussa“ die Reiterin bedeutet. Die Hexe ist also eine Frau, die auf der Hecke, zwischen der irdischen und der magischen Welt reitet und dabei eine Verbindung schafft. Die Vorstellung, dass Hexen «auf Besen fliegen», stammt vermutlich vom Gebrauch psychoaktiver «Hexensalben», unter deren Einfluss man das Gefühl hat, zu fliegen. Teil dieser Hexensalben waren verschiedene halluzinogenen Pflanzen, wie Bilsenkraut oder Tollkirsche. Deren Wirkstoffe wurden nach dem Einreiben vermutlich über Haut, Schleimhäute oder die Fußsohlen vom Körper aufgenommen.


Frau in rustikalem Zimmer, rührt in Kessel, Kerzenlicht und Bücher umgeben sie. Fenster zeigt fliegende Hexe vorm Vollmond. Mystische Atmosphäre.

In den religiösen Vorstellungen, die sich ab dem 13. Jahrhundert durchsetzt haben, waren Hexen nun nicht mehr nur reiner Aberglaube. Man glaubte nun tatsächlich, dass sie sich mit dem Teufel verbünden würden, dabei als Teufelsdienerinnen wirken und so negative Wirkungen wie Flüche und Unglück entfalten können. Die Hexensalbe wurde als dämonisches Mittel gesehen, mit der Hexen Magie ausführen konnten.


In einer düsteren Höhle steht eine böse Hexe mit einem Dämon um einen brodelnden Kessel. Schädel und Bücher umgeben sie. Magische Symbolen leuchten.

Im 15. Jahrhunderts erschien das Buch «Hexehammer» vom Dominikanermönch Heinrich Kramer. Dort beschreibt er, dass Frauen aufgrund ihrer schwachen und sexsüchtigen Natur leicht von Teufel verführt und für seine Zwecke manipuliert werden könnten. Ausserdem argumentierte er, dass eine Frau, die in irgendeiner Weise als Heilerin tätig war, dass Wissen nur vom Teufel haben kann, denn «Frauen durften damals ja nicht studieren». Er beschrieb auch, wie man Hexen erkennen und bestrafen kann. In dieser der Zeit, die von einer Abkühlung des Klimas mit entsprechenden Missernten und Hungernöten, der Pestepidemie und brutalen Kriegen und Umwälzungen durch Reformation und Gegenreformation geprägt war, fiel diese Ideologie rasch auf fruchtbaren Boden.


Menschen stehen um ein Scheiterhaufenfeuer bei einer Hexenverbrennung: Eine Frau sitzt inmitten der Flammen. Mittelalterliche Szenerie, bunte Kleidung, Bewegungen.

Damit wurde die ca. 300 Jahre dauernde schreckliche Hexenverfolgung eingeleitet, welche sogar noch bis in die Zeit der Aufklärung reichte. Für jedes Unglück musste ein Schuldiger (in der Regel «eine Schuldige») gefunden werden. Teilweise war es auch einfach ein Machtinstrument der weltlichen Elite, um soziale Kontrolle und Macht zu sichern. Ein weiterer Faktor war auch das Rechtssystem, wo die Folter angewendet wurde, wodurch viele Geständnisse einfach nur «erzwungen» wurden. So wurden in Europa insgesamt 70'000 Hexen hingerichtet. In 80% der Fälle handelte es sich dabei um Frauen. Teilweise hatten die Opfer aber gar nichts mit Kräutern oder Zauberei zu tun, sondern waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Durch die Angst, als Hexe denunziert zu werden, kam auch das heidnische Brauchtum stark unter Druck. Mit der Hexenverfolgung festigte sich auch das Bild der «bösen Hexe», die man oft in Märchen findet und so bis in die heutige Zeit nachhallt.


Heilpflanzen wurden aber auch in dieser Zeit genutzt, resp. auch zu dieser Zeit waren pflanzliche Zubereitungen in der Medizin nach wie vor der «Mainstream» (mehr dazu im Abschnitt «Heilpflanzen in der Kulturgeschichte»). Akademischen Ärzte, Apotheker und Wundärzte, die «medizinische Elite» dieser Zeit, hatten durch den Einsatz von Heilpflanzen wenig zu befürchten. Viel gefährlicher lebten hingegen Hebammen und einfache Frauen als dem Volk mit einem Kräuterwissen, besonders wenn dabei auch magische Ritualen mit im Spiel waren.



Pflanzenmythologie in der Neuzeit


Während die grossen Hexenprozesse Tausenden von Menschen das Leben kosteten, kam es ab dem späten 17. Jahrhundert immer seltener zu Hinrichtungen. Der endgültige juristische und gesellschaftliche Bruch mit der Hexenverfolgung erfolgte jedoch erst im 18. Jahrhundert durch den Aufstieg der Aufklärung und einem neuen Rechtsverständnis, wo die Geständnisse unter Folter zunehmend in Frage gestellt wurden. Ab dem 17. Jahrhundert begann die Wissenschaft auch Naturphänomene zu erklären, die zuvor als Hexenwerk oder Teufelszauber interpretiert wurden. Isaac Newton (1643–1727), René Descartes (1596–1650) und andere Wissenschaftler begründeten eine Weltanschauung, die auf Naturgesetzen statt Magie beruhte.

Die Epoche der Romantik (ca. 1790–1850) brachte dann eine neue Naturverehrung mit sich. Dichter und Philosophen wie Goethe, Novalis oder Eichendorff rühmten das Geheimnisvolle der Pflanzen. Die romantischen Schriftsteller interessierten sich für alte Mythen, Sagen und Volksmagie. Die Gebrüder Grimm (Jacob und Wilhelm) sammelten Hexensagen und Volksmärchen und veröffentlichten sie ab 1812. Die Natur wurde als magischer Raum betrachtet, und die Hexe war ein faszinierender Teil davon. Anders sah es jedoch im einfachen Volk aus, wo der Glaube und die Angst vor Hexen nicht so rasch verschwand und für eine lange Zeit bestehen blieb.


Goethe und Schiller als bekannte Vertreter der Romantik chillen im Harz. Sie verehren die Natur.
Goethe und sein Buddy Schiller als bekante Vertreter der Romantik chillen in der wunderschönen Natur vom Harz

Das 20. Jahrhundert brachte zwar eine Entzauberung der Naturmythologie durch Wissenschaft mit sich, doch gleichzeitig entstanden auch neue spirituelle Bewegungen, die alte Pflanzenmythen wieder aufgriffen. Schamanismus, Kräutermagie und spirituelle Pflanzenverehrung erlebten eine Wiedergeburt und auch Hildegard von Bingen wurde wiederentdeckt. Auch die Vorstellung vom „Wesen der Pflanzen“ wurde in spirituellen Kreisen wiederbelebt.


Heutzutage interessieren sich Immer mehr Menschen für Pflanzenmythologie. Man findet dazu viel Content in Büchern, auf Social-Media, aber auch in Kursen, Workshops und Retreats. Angebote von Wildkräuterwanderungen haben oft auch einen mythologischen Fokus, wo die Teilnehmer nicht nur die kulinarische Verwendung und Heilwirkung der Pflanzen lernen, sondern auch ihre symbolischen und rituellen Bedeutungen. Neben klassischen Kräuterkursen gibt es auch eine wachsende Zahl an Workshops über Räuchern, Pflanzenrituale und magisch-mythologisch geprägte Volksheilkunde. Wolf-Dieter Storl ist dabei eine zentrale Figur in der deutschsprachigen Pflanzenmythologie. Als Ethnobotaniker und Kulturanthropologe hat er zahlreiche Bücher verfasst, die sich mit der spirituellen und kulturellen Bedeutung von Pflanzen beschäftigen. Nicht zuletzt haben sich auf Plattformen wie Instagram und YouTube zahlreiche Influencerinnen etabliert, die sich in der Selbstzuschreibung als “Kräuterhexen” verstehen.


Frau im Naturkleid (moderne Tiktok-Hexe) hält Blumen, filmt  von sich mit Smartphone gerade ein Tiktrok-Video. Das Ganze vor einem Wildkräuterstrass und dampfenden Kessel im Wald. Tänzelndes Sonnenlicht im Hintergrund.
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