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Ablauf von magischen Pflanzenritualen
Rituale, die dazu dienen, mit Geistern in Kontakt zu treten, einen Zauber auszulösen, sich innerlich zu reinigen, Dämonen zu vertreiben, für Dankbarkeit zu bitten oder auch nur zwecks eines Orakels, liefen jeweils nach bestimmten Rahmenbedingungen statt. Dies um sicherstellen, dass so auch wirklich der gewünschte Effekt eintritt.
Wichtig war dabei die Tageszeit. So galten Sonnenaufgang- und Untergang als heilig, denn sie standen für den Übergang in oder aus der von den Naturgeistern dominierten Nacht. Die Dämmerung war deshalb als eine besonders wirksame Tageszeit für die Ausführung von Ritualen. Da die Sonne im Osten aufgeht, wurde Osten mit Geburt (resp. Wiedergeburt) und auch schöpferischen Kraft verbunden. Vielfach wurden Heilpflanzen deshalb bei Sonnenaufgang mit dem Gesicht nach Osten geerntet. Auch die Mittagszeit (meist in Kombination mit der Sommersonnenwende) hatte eine wichtige Bedeutung, vor allem bei Pflanzen dessen Kraft mit der Sonne verbunden war (wie z.B. dem Johanniskraut), attestierte man dann am meisten «Energie». Ebenso war auch Mitternacht (oft in Kombination mit der Wintersonnenwende) mythologisch aufgeladen und war oft die Zeit für Rituale, die mit Ahnen, Hexen oder dem Teufel zu tun haben.

Ebenfalls wichtig war die Mondphase. So galt der Mond mit seinen wiederkehrend wechselnden Mondphasen in vielen Kulturen als heilig und symbolisierte so etwas wie der «ewige Kreislauf». Die früheren Kalendersysteme richteten sich noch nach dem Mondzyklus und schliesslich leiten sich auch die heutigen «Monate» davon ab (die Monate sind, um sie nahtlos ins Jahr einzufügen einen Tag länger als der eigentliche Mondzyklus). Man glaubte, dass ein bei annehmendem Mond durchgeführtes Ritual ebenfalls zum «Abnehmen» der Krankheit führte. Bei Liebes- und Fruchtbarkeitsthemen waren hingegen Neu- oder Vollmond die erste Wahl.

Oft musste beim Ritual auch ein bestimmter Wochentag eingehalten werden. Sowohl bei den Germanen als auch den Römer wurden die Wochentage jeweils gewissen Gottheiten zugeordnet. Je nachdem, was die jeweiligen Götter symbolisieren, gab es ein geeigneter Wochentag, um eine Pflanze zu sammeln, resp. das Ritual durchzuführen. Einige Rituale wurden nur an bestimmten Jahresfesten durchgeführt oder galten an diesen Tagen als besonders wirksam.
Gräber und Friedhofe standen für die Geister der verstorbenen Ahnen, so dass vor allem dort deren Kräfte aktiviert werden können. Die Seelen von Verstorbenen vermutete man vielfach an Wegkreuzungen oder auch bestimmten Baumarten wie dem Holunder.
Eine wichtige magische Bedeutung wurden Zahlen zugewiesen. Heilige Zahlen waren vor allem 3, 7, 9, 12 und 13, resp. auch die Schnapszahlen 33, 77 und 99. Vor allem die Drei war eine besondere Glückszahl. In Drei wurde ein fundamentales universales Prinzip gesehen, seien dies die (damaligen) Jahreszeiten Frühling-Sommer-Winter oder der Zyklus des menschlichen Lebens mit Geburt-Heirat-Sterben. Auch im christlichen Glauben finden wir die Drei Könige und die Dreifaltigkeit. Oft mussten bei einem Ritual die Zaubersprüche drei Mal aufgesagt werden. Auch 3*3, d.h. Neun war eine wichtige Zahl, die nicht zuletzt in der traditionellen Neunkräutersuppe am Gründonnerstag (aus 9 verschiedenen Wildpflanzen) zu finden ist.
Oft durfte beim Sammeln nicht gesprochen werden, und zwar um nicht versehentlich Wörter zu nutzen, die zur Verhexung führen. Teilweise waren vorgängige Reinigungsrituale nötig (z.B. durch ein vorgängiges Bad, Schwitzen, Fasten oder Verzicht auf Sex). Teils war auch Nacktheit erforderlich, und zwar um einen barrierefreien Zugang zu den Geisterwelten zu bekommen. Das Christentum, dass darin etwas teuflisches sah, reduzierte dies dann auf Barfuss. Viele Pflanzen müssen mit der linken Hand geerntet werden. Ausserdem galt in vielen Kulturen das (moderne) Eisen als unrein und durfte ja nicht nur Ernte von Heilpflanzen verwendet werden. Stattdessen gab es für die Ernte von Wurzeln teilweise Vorschriften welches Werkzeug zu verwenden war, sei dies Hirschgeweih, ein Grabstock aus Holz einer bestimmten heiligen Baumart oder bei den keltischen Druiden eine goldene Sichel.

Um den richtigen Zauber auszulösen, diente vor allem die Beschwörung mit Zaubersprüchen, während dem Ausgraben dem Ausgraben der Pflanzen und dem eigentlichen späteren Ritual. Manchmal wurde vor der Ernte mit einem Schwert ein «Schutzkreis» gezogen. Am Ende des Rituales (teilweise auch zu Beginn) wurde manchmal der Pflanze ein Opfer hinterlassen, indem man z.B. Lebensmittel oder Tiefopfer am Ort vergrub, wo man die Pflanze geerntet hat.

Im Folgenden ein paar Beispiele für heidnische Kulte (aus dem Buch «Kraft und Magie der Heilpflanzen» von Rudi Beiser):
Um die Krankheitsgeister loszuwerden soll man eitrige Verbände und Kleider an die Zweige bzw. unter die Wurzeln vom Holunder gehängt haben.
Um die Heil- und Zauberwirkung des Dost zu entfalten, hätte man vorgängig folgender Spruch aufsagen müssen: «Dost ich dich brich / drei gute Wort ich über dich sprich / das erst ist der Vater / das anders ist der Sohn / das dritt ist der Heilige Geist / was du Dost wohl weisst»
Die Wurzel der Wegwarte, die an einem Freitag ausgegraben wurde, soll als Amulett getragen alle Augenkrankheiten heilen.
Wenn man die Blüten der Wegwarte vor Sonnenaufgang nüchtern plückte, könne man durch deren Einreiben Warzen zum verschwinden bringen können

Während Vollmond-Nächten des Frauendreissigers sei die Wegwarte gepflückt worden und dann in ein Säckchen eingenäht 9 Tage lang als Amulett auf dem Rücken getragen worden. Das Säckchen sei danach schweigend in eine Bach / Fluss geworfen wurde, wodurch auch Krankheit die fortgeschwemmt worden sei.
Das Eisenkraut sei von den Druiden zwischen dem 23. Juli und dem 23. August gesammlet worden und zwar während wenn der Stern Sirus aufgeht, aber weder Mond noch Sonne am Himmel stehen. Um es zu sammeln, sei vorgängig mit einem Stück Eisen einen Kreis um das Kraut gezogen worden und die anschliessende Ernte würde mit der linken Hand erfolgt sein.
Es hätte die Vorstellung gegeben, dass wenn man Ende Sommer an den Hundstagen ein Eisenkraut auf den Kopf legte, welches vor Sonnenaufgang gesammelt wurde, man danach ein Jahr lang keine Kopfschmerzen haben würde.
Im Tirol soll der Glaube geherrscht haben, dass Wunden sehr gut heilen würden, wenn man 77 Blättchen des Gundermanns darauf anlegte.
Das Johanniskraut sei ans Fenster, unter das Dach oder in den Stall gehängt worden, um damit Krankheiten, Unwetter und Dämonen zu vertreiben. Es sei, für eine optimale Zauberkraft, am Tag der Sommersonnenwende um die Mittagszeit geerntet worden.
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