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Kriterien für mythologische Zuschreibungen
Nicht jede Pflanzenart hat eine mythologische Zuschreibung. Die allermeisten Pflanzenarten «waren einfach da», bzw. wurden vielleicht als Nahrung verzehrt ohne dass etwas Besonderes darin hinein interpretiert wurde. Solche Arten waren optisch nicht besonders auffällig, sondern einfach nur gewöhnlich, nicht unverzichtbar oder einfach fern vom Alltag. So gibt es z.B. für den Kleinen Wiesenknopf oder die Ährige Teufelskralle (trotz des Namens) kein besonderes mythologisches Brauchtum.
Demgegenüber stehen die besonders mythologisch aufgeladenen Arten, wie z.B. Eiche, Beifuss, Salbei, Johanniskraut, Eisenkraut, usw. Selbstverständlich kann man die genauen Gründe nicht klar rekonstruieren, warum genau diese Arten eine besondere mythologische und rituelle Bedeutung erlangten, während andere Arten nicht besonders beachtet wurden. Bei genauerer Betrachtung lässt sich aber dennoch ein Muster erkennen. So spielten dabei insbesondere die sensorischen Merkmale (Geruch, Farbe, Form), der praktische Nutzen (v.a. heiltechnisch) oder auch faszinierende botanische- oder ökologische Alleinstellungsmerkmale eine wichtige Rolle. Auch das Prinzip «Zufall» darf in den mythologischen Zuschreibungen nicht vernachlässigt werden.
Besondere Botanik, Lebensweise oder Stellung in der Ökologie
Geruch
Intensive Gerüche haben in der Wahrnehmung nicht nur eine starke Präsenz, sondern haben einen direkten Einfluss auf die Stimmung / Emotionen und können in Sekundenbruchteilen alte Erinnerungen wieder hervorrufen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Menschen früher in Gerüchen die Präsenz von Pflanzengeistern oder etwas Göttlichen gesehen haben. Denn diese wussten damals noch nicht, wie der Geruchssinn mit Duftmolekülen und Duftrezeptoren zustande kommt,
Man sah in Gerüchen also eine spirituelle Kraft, die man auch nutzen konnte für die Verbindung und den Zugang in die «Anderswelt». Angenehme Düfte wurden dabei mit positiven Attributen, wie Kraft und Schutz assoziiert. So sind bei reinigenden Ritualen, bzw. Rituale wo um Schutz gebeten wird, vor allem Pflanzen mit angenehmem Duft (z.B. Beifuss oder Salbei) sehr beliebt. Der Duft soll einem dabei nicht nur von schädlichen Energien reinigen, sondern auch böse Einflüsse fernhalten. Unangenehme Gerüche galten hingegen meist als gefährliche Präsenz des Dämonischen / Bösen, was in der Folge Unglück bringt. Pflanzen mit (nicht allzu unangenehmem) Verwesungsgeruch sah man teils aber auch als Schwellenbäume zwischen Leben und Tod und damit Zugang zur Welt der Ahnen, so dass z.B. der Holunder in den meisten Kulturen eine durchaus positive Bedeutung hatte.

Farbe
Nicht nur im Geruch, sondern auch in der Farbe sah man als Ausdrucksformen von spirituellen Kräften.
Rot stand dabei für das Blut und damit (mit dem Blut als «Lebenssaft») auch für Lebenskraft. Weiter sah man in Rot aber auch besondere Schutzmacht, eine Verbindung zwischen Jenseits und Diesseits, aber auch Stärke, Macht, Krieg, Gefahr und weibliche Fruchtbarkeit. So hatte die Vogelbeere bei den Germanen eine besondere Bedeutung als Schutzpflanze und war dem mächtigen Gott Thor gewidmet. Auch im roten Saft des Johanniskrautes, das beim Zerreiben der Blüte austritt, sah man die pure Lebenskraft. Rote Pflanzen, wie z.B. der Klatsch-Mohn wurden auch bei Opfergaben verwendet und galten dabei oft als Ersatz für «Blutopfer». Viele essbare Beeren, wie z.B. Himbeere oder Wald-Erdbeere waren mit Liebeszauber und weiblicher Fruchtbarkeit verknüpft.

Gelb symbolisierte Licht, Sonnenkraft und Lebensfreude. In Pflanzen mit gelben Blüten sah man oft magische Wesen, welche die Sonnenkraft in sich tragen. Dabei versuchte man diese Sonnenkraft mit geeigneten Ritualen für Lebenskraft, Schutz oder um Traurigkeit / Melancholie zu vertreiben zu nutzen. Nichts symbolisierte dabei die Sonnenenergie mehr als das blühende Johanniskraut, welches nicht nur sehr auffällig gelb blüht, sondern auch direkt in der Zeit um die Sommersonnenwende herum blüht. In gelb-blühenden Pflanzen, die früh im Jahr austreiben, wie z.B. der Schlüsselblume, sah man auch das Zeichen der wiederkehrenden Sonnenkraft.

Weiss stand für Reinheit, für Schwellen und Übergänge und war auch direkter Ausdruck übersinnlicher Wesen. Weisse Blüten wurde damit vielfach in Ritualen verwendet, die mit Reinigung oder Übergängen (Geburt, Hochzeit, Bestattungen, Jahreszeiten, usw.) zu tun hatten.

Schwarz war nicht nur die Farbe der Dunkelheit, sondern stand auch für den Übergang von der Welt an der Erdoberfläche zur zur Welt im Boden, bzw. dem Erdinnern. In der dunklen Welt des Bodens, wo sich die Wurzeln festsetzen (und so auf «magische Weise» das Wachstum der Pflanze sicherstellen), sah man wie beim Licht eine Urkraft, die Lebensenergie und Schutz bieten soll. Konzepte dieser schöpferischen Urkraft, welche durch das Konzept einer «göttlichen Erdmutter» beschrieben werden, findet man z.B. bei den Griechen mit der Göttin Gaia oder auch bei den Römern mit der Göttin Tellus. Mit Schwarzen Beeren wurde deshalb versucht eine Verbindung zu den Erdgeistern zu schaffen und damit um Schutz und Hilfe zu bitten. Dies, indem man sie in Ritualen als Opfergabe verwendete. Schwarz stand aber auch sinnbildlich für die Anderswelt, d.h. zur Welt der Ahnen. Ein Beispiel ist der Schwarze Holunder mit seinen dunklen Beeren, wo man die Seelen der verstorbenen Ahnen vermutete. Schwarz stand aber auch für verborgene, besonders mächtige, aber auch verführerische Magie, mit der man besonders vorsichtig umgehen musste.

Formen
Nicht nur die Farben von Pflanzenteilen, auch besondere Formen hatten eine wichtige Bedeutung. So werden z.B. herzförmige Blätter oft mit Liebesorakel oder Weiblichkeit in Verbindung gesetzt, wie z.B. bei der Linde. Kreuzformen, wie z.B. der rote Fleck im Innern des Nelkenwurz-Rhizoms, sind besonders im Christentum von wichtiger Bedeutung.

besondere Botanik, Lebensweise oder Stellung in der Ökologie
Überlebensstrategien, Standort und die ökologischen Besonderheiten von Pflanzenarten hatten einen Einfluss darauf, wie sie in Mythologie und Volksglauben gedeutet wurden. Fasziniert war man vor allem von Pflanzen, die sich unter schwierigen Lebensbedingungen robust durchsetzen können, schnell wachsen oder sich nach Verletzungen rasch regenerieren können. Ebenso eine wichtige Bedeutung sah man in besonders langlebigen Baumarten, wie z.B. Eiben. Eiben können über 1000 Jahre alt werden können und symbolisierten damit die Ewigkeit. Durch ihre tiefen und feste Wurzeln und Vorkommen an schattigen Stellen, sah man in der Eibe auch eine tiefe Verbundenheit mit der Unterwelt.

Von Tieren und Menschen undurchdringbare dornige Sträucher, die oft als Hecken genutzt wurden (z.B. Schlehe, Weissdorn), dienten nicht nur dem Einzäunen des Viehs oder Schutz vor wilden Tieren: Man sah in den Heckenpflanzen auch eine magische und schützende Grenze zwischen der Menschenwelt und der Geisterwelt (die man in der Wildnis ausserhalb des Dorfes vermutete). Zweige von Schlehe und Weissdorn wurden als Amulett getragen oder an die Haustüre aufgehängt, um sich vor bösen Geistern, Krankheiten und Flüche zu schützen. Hecken galten aber nicht nur als Schutz vor der Geisterwelt, sondern auch als Zugang in die Geisterwelt.

Auch besondere Lebensweisen faszinierten die Leute, wie z.B. die Mistel, welche ohne Bodenkontakt lebt und damit direkt mit dem Heiligen verbunden sein müsse.
Heilwirkung
Weil die Menschen früher die Wirkmechanismen von Arzneipflanzen nicht wissenschaftlich erklären konnten, bliebt ihnen nichts anderes übrig als die heilenden Eigenschaften mythologisch oder spirituell zu deuten. Eine Pflanze mit einer Heilwirkung (wie z.B. die Schafgarbe) galt daher als «göttliches Geschenk».
Psychoaktive Inhaltsstoffe
Weil psychoaktive Pflanzen die Wahrnehmung verändern, wurden sie oft mit übernatürlichen Kräften, Wahrsagerei, Hexerei oder göttlichen Offenbarungen in Verbindung gebracht. Seit der Frühgeschichte haben Menschen Pflanzen psychoaktive Substanzen genutzt. d.h. also Stoffe, die den Bewusstseinszustand verändern, Halluzinationen hervorrufen oder Trancezustände auslösen. In vielen Kulturen galten solche Pflanzen nicht nur als Heilmittel oder Gifte, sondern als heilige Werkzeuge zur Kommunikation mit den Göttern, Geistern oder Ahnen. So spielten z.B. das Bilsenkraut oder auch die Tollkirsche eine wichtige Rolle bei Hexenritualen.

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