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Echte Schlüsselblume (Primula veris)

Familie: Primelgewächse (Primulaceae), Gattung: Primeln (Primula)
"Die Blütenstände, die bereits früh im Jahr aus dem Boden schiessen, erinnern an einen Schlüsselbund. Es handelt sich v.a. um eine Heilpflanze bei produktivem Husten, kann aber auch kulinarisch genutzt werden."
Bestimmung
Blätter: nur Grundrosette (keine Stängelblätter); eiförmig, am Grund rasch zu einem geflügelten Blattstiel ausdünnend, 5 bis 15 cm lang; gewellt und unregelmässig gezähnt; runzeliges Nervenmuster mit flachen Seitennerven; OS behaart und oft hellgrün; US behaart bis kahl
Blüten: Einzelblüten in Trugdolde à 5-20 Blüten am Ende eines blattlosen Stängels angeordnet; 5 goldgelbe (am Grund teils orange gefleckte) und ausgerandete Kronblätter, die zusammen eine lange Kronröhre bilden; 5 hellgrüne zusammengewachsene Kelchblätter mit aufgeblähter Kelchröhre; 5 Staubblätter, die mit der Kronröhre verwachsen sind; 5 zusammengewachsene Fruchtblätter (mit kopfiger Narbe); blüht April/Mai
Früchte: einkammerige Kapselfrucht, die kürzer ist als der Kelch und viele Samen einhält
Zeigerwerte: hell, frisch (Feuchtigkeit stark wechselnd, nährstoffarm, neutral bis basisch
typische Standorte: trockene bis halbtrockene magere Wiesen mit kalkhaltigem Boden (vom Tiefland bis zur Baumgrenze)
Fotos


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Verwendung
wichtige Inhaltsstoffe: Saponine (v.a. Primulasaponin I und II, höchster Gehalt in den Wurzeln), Flavonoide, in den Blüten Carotinoide
*Giftigkeit: werden hohe Mengen verzehrt, sind (wegen den enthaltenen Saponinen) Verdauungsbeschwerden nicht ausgeschlossen
mögliche Kulinarische Verwendung*: zu den Grundrezepten
Blätter (mild > mehr dazu): Salat, Salatbeigabe, Wildgemüse
Blüten (leichter aromatischer Duft > mehr dazu): essbare Dekoration, Tee
Verwendung in der Phytotherapie: zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben
produktiver Husten (akute Bronchitis): Die enthaltenen Saponine gelten als schleimlösend, wodurch Blüten und Wurzel als Expektorans verwendet werden. Klinische Studien ausschliesslich mit Schlüsselblume existieren jedoch nicht, sondern nur in Kombination mit Thymian. Deshalb wird von HMPC die Anwendung als Expektorans bei Erkältungshusten mit den Blüten und Wurzeln der Schlüsselblumen nur als «traditional use» anerkannt. Die Zubereitung erfolgt in Form von Tee (1g / ca. 1 TL der getrockneten Blüten oder 0.2 bis 0.5g / 0.25 TL der getrockneten und zerkleinerten Wurzeln in 150ml kochend-heissem Wasser ausziehen, Anwendung 3x täglich > bei Kindern unter 12 Jahren geringere Dosis, siehe HMPC-Monographie) oder Flüssigextrakten (siehe HMPC-Monographie).
Eine Überdosierung kann zu leichten Magen-Darmbeschwerden führen oder (starke Überdosierung) Erbrechen verursachen! Schutzstatus beachten!
Für die Kombination von Schlüsselblumen-Wurzel und Thymian-Kraut wird die Anwendung von HMPC als Expektorans bei produktivem Husten als «well established use» anerkannt (weil, wie erwähnt, klinische Studien dazu vorliegen). Allerdings werden in der Monographie nur bestimmte Trocken- und Flüssigextrakte erwähnt (da vermutlich nur für diese Zubereitungen die Studien vorliegen), die jedoch im Handel erhältlich sind.

Beschreibung
Der lateinische Name «Primula» ist von «primus», d.h. «die Erste» abgeleitet, was mit dem frühen Blütezeitpunkt zusammenhängt. Blühende Exemplare sieht man je nach Witterung oft bereits ab Ende März und in dieser noch eher kargen Zeit stechen die schönen Schlüsselblumen-Blüten sofort ins Auge. Der Name «Schlüsselblume» kommt von der Form des Blütenstandes, der etwas an einen Schlüsselbund erinnert. In der Volksmythologie gibt es zur Schlüsselblume zahlreiche Sagen und Legenden, die sich oft darauf beziehen, dass die Art so etwas wie ein Schlüssel darstellt, der einem Zugang zu verborgenen Schätzen, Weisheit oder auch der Anderswelt verschafft. Schlüsselblumen wurden auch von den Kelten rituell verwendet und waren der Göttin Brigid gewidmet. Mit der Christianisierung bekam die Art dann die Bedeutung als «Schlüssel von Petrus» und so ist seit dem Mittelalter auch der Name Himmelsschlüssel» gebräuchlich. Der Legende nach, soll der Apostel Petrus (der Himmelswächter) eines Tages seinen Schlüsselbund für die Himmelspforte verloren haben, weil er vom Teufels erschrack, der sich Zugang zur Himmelpforte verschaffen wollte. Als dieser dann auf der Erde auf den Boden fiel, verwandelte er sich in die Schlüsselblumen.
Eine andere lateinische Bezeichnung für die Echte Schlüsselblume lautet auch «Primula officinalis», was auf die traditionelle Verwendung als Heilpflanze hindeutet. Diese volksmedizinischen Anwendungen reichten aber weit über Husten hinaus, d.h. die Art wurde auch zur «Herzstärkung», resp. gegen Gicht oder Gliederschmerzen eingesetzt. Ab den 1980er Jahre wurden dann erste klinische Studien in Kombination mit Thymian als Mittel gegen produktiven Husten durchgeführt und mittlerweile ist die Wirkung dieser Kombination wissenschaftlich gut abgestützt und etabliert. Diese Kombi-Anwendung hatte bereits in der traditionellen Volksmedizin ihre Verwendung.
Die Schlüsselblume ist eine lichtbedürftige Wiesenpflanze. Sie benötigt kalkhaltigen Boden und wird bei starkem Eintrag von Nährstoffen und auch bei Mahd vor der Fruchtreife im Spätherbst / Frühsommer rasch verdrängt. Oft trift man sie an Südhängen, resp. an Steilhängen oder auch extensiv genutzten Weiden. Selten trifft man sie auch an etwas lichteren Waldrändern. Die Blüten haben zur Verminderung der Selbstbestäubung eine besondere Eigenschaft: Entweder sind die Staubblätter lang und der Griffel kurz oder die Staubblätter sind kurz und die Griffel lang («Heterostylie»). Landet ein Insekt auf der Blüte, gelangen die Pollen der Staublätter durch die räumliche Trennung nicht auf den Griffel derselben Blüte. Beim Ernten von Schlüsselblumen muss immer die Naturschutzsituation abgeklärt werden, die je nach Land und Kanton unterschiedlich sein kann!
mögliche Verwechslungen
Wald-/Hohe- Schlüsselblume (Primula elatior) - mit Vorsicht essbar, ähnliche Verwendung
Die Wald-Schlüsselblume ist im Gegensatz zur Echten Schlüsselblume eine Waldpflanze und nutzt dort (durch den frühen Austrieb im Spätwinter) das lichtreiche Zeitfenster, bevor die Laubbäume austreiben. Die Art blüht in den tiefen Lagen bereits im März. Man findet die Art jedoch nicht nur an Waldweg-Rändern oder in lichten Wäldern, sondern auch auf feuchten Wiesen, bzw. auf Bergwiesen bis teils über der Baumgrenze. In den höheren Lagen blüht sie deutlich später, d.h. erst im Mai. Die Wald-Schlüsselblume ist ebenfalls auf kalkhaltigen Boden angewiesen, verträgt jedoch auch etwas mehr Nährstoffe im Boden. Nicht nur kulinarisch, sondern auch arzneilich kann man sie analog wie die Echte Schlüsselblume verwenden (gemeinsame HMPC-Monographien von Echter- und Wald-Schlüsselblume)
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blatt runzelig, rasch in den geflügelten Stiel verschmälernd, OS behaart
Stängel blattlos
Einzelblüten in Trugdolde, Blütenform
Unterschiede (u.a.)
Kronblätter hellgelb, Flecken am Grund dunkelgelb
Kelch nicht so aufgeblasen
Frucht länger als der Kelch

Stängellose Schlüsselblume (Primula vulgaris/acaulis) - mit Vorsicht essbar, ähnliche Verwendung
Die Art ist die Wildform der „Primel“ / „Garten-Primel“. Letztere sich kultivierte Züchtungen der Stängellosen Schlüsselblume, resp. teilweise handelt es sich auch um Hybride mit anderen Primula-Arten. Sie werden in den Gärten als Frühjahrsblüher geschätzt und kultiviert. Es gibt auch „Primeln“ aus anderen Primula-Arten, doch bei denen unterscheidet sich das Aussehen der Blätter gegenüber der Stängellose Schlüsselblume deutlich. Wild wächst die Stängellose Schlüsselblume an Waldrändern, neben Hecken oder auch auf extensiv genutzten Wiesen. Sie verbreitet sich dort auch gerne auf (wenig begangenen) Garten- und Parkrasen, sofern erst spät im Frühling der erste Schnitt erfolgt. Die Blätter treiben bereits im Spätwinter aus und die Blütezeit beginnt bereits im März. Der Gehalt an Saponinen ist gegenüber der Echten- oder Wald-Schlüsselblume deutlich geringer. Die Art wird arzneilich weder von HMPC, noch von ESCOP anerkannt.
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blatterscheinung (runzelig), OS meist hellgrün
Einzelblüten in Trugdolde, Blütenform
Unterschiede (u.a.)
Blatt graduell in den geflügelten Stiel verschmälernd (verkehrt-eiförmig), OS kahl
ohne sichtbaren Blütenstängel
Kronblätter hellgelb bis weiss (Zuchtformen auch mit allen möglichen Farben); Flecken am Grund meist orangegelb
Kelch nicht so aufgeblasen


zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus
Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.
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