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Vogelbeere (Sorbus aucuparia)

Familie: Rosengewächse (Rosaceae), Gattung: Sorbus
"Die Vogelbeere ist giftig, doch ein paar Beeren können problemlos roh verzehrt werden. Richtig zubereitet können auch grössere Mengen verwendet werden, doch eine bittere Angelegenheit bleibt das Ganze trotzdem."
Bestimmung
Habitus: Baum bis 15 m Höhe oder Strauch
Blätter: wechselständig; gefiedert, mit ca. 11-21 Teilblätter
Teilblätter: eilanzettlich, 4-6 cm lang; scharf gesägt; Unterseite behaart
Äste / Stamm: braungraue, glatte Rinde mit vielen länglichen Lentizellen
Blüten: sehr viele Einzelblüten in dichten Trugdolden angeordnet; 5 weisse bis grünliche Kronblätter; blüht Mai/Juni
Früchte: orangerote bis rote Apfelfrucht; kugelig; Durchmesser ca. 0.5 bis 1 cm; Endokarp ledrig; reif ab ca. August
Zeigerwerte: halbschattig, mässig nährstoffarm bis mässig nährstoffreich, mässig feucht, schwach sauer bis neutral
typische Standorte: in Wald-Lichtungen (nach Kahlschlägen), Ruderalflächen, Hecken, Waldränder, Bergwälder, Moorwälder
Fotos






©Lushchikov valeriy– stock.adobe.com
Verwendung
*Giftigkeit: Früchte roh leicht giftig (durch Parasorbinsäure, die v.a. in den Kernen vorhanden ist und beim Kochen zerstört wird)
mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten
Blüten (?): essbare Dekoration
Früchte*: in kleinen Mengen als roher Snack (ist jedoch sehr bitter!); verarbeitet als Mus (wegen der Bitterkeit beim Weichkochen mit Apfelstücken im Verhältnis 1:1 mischen > gibt so ein wässriges Mus) und dann weiterverarbeitet zu Konfitüre; Sirup; Likör; gekocht und anschliessend kandiert (mit Birnendicksaft / Agevendicksaft) zu "Druidenperlen"; Fruchtkerne geröstet als Kaffee; für den besten Geschmack (Reduktion Bitterkeit) sollte man die Früchte mehrere Tage in der Tiefkühltruhe lagern.

Beschreibung
«Vogelbeeren sind giftig», das wird bereits den Kindern gesagt und deshalb halten auch viele Erwachsene kulinarisch Abstand von dieser spannenden Baumart. Grundsätzlich ist diese Aussage nicht falsch, es kommt halt eben auf die Dosis und die Zubereitung darauf an. So können ein paar einzelne Früchte ohne Bedenken roh verzehrt werden. Wer diese mal selbst probiert hat, merkt jedoch rasch, dass diese sehr bitter sind. Aus diesem Grund kommt ein normaler Mensch auch gar nicht auf die Idee, eine so grosse Menge zu verzehren, dass es zu ersten Vergiftungssymptomen (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall) kommen würde.
Für die Giftwirkung ist die enthaltenen Parasorbinsäure verantwortlich und das Gute ist: Durch Erhitzen, Frost oder Trocknen wird die Parasorbinsäure zur unschädlichen Sorbinsäure abgebaut (Sorbinsäure ist in der Lebensmittelherstellung auch als Konservierungsmittel mit dem Namen «E200» bekannt). Auch wird berichtet, dass das mehrtägige Einfrieren der Früchte die Bitterkeit generell stark reduziert. Man kann beim Sammeln auch warten, bis ein paar Frostnächte vorüber sind, doch dann sind die meisten Früchte bereits etwas faul. Eingefroren und gekocht sind vielfältige Rezepte möglich, doch dabei muss beachtet werden, dass ein Teil der Bitterkeit nie ganz verschwindet. Deshalb eignen sich bei Vogelbeeren v.a. für Rezepte, wo Süsse/Zucker dazugefügt wird (z.B. Druidenperlen, Sirup, Likor, Marmelade) oder solche, wo von den Vogelbeeren nur kleine Mengen verwendet oder diese mit anderen Zutaten vermischt werden (z.B. bei der Vogelbeeren-Konfitüre, wo das Mus zusammen mit Äpfeln hergestellt wird > die Konfitüre daraus hat dann nur noch eine sehr dezente Bitterkeit). Im Alpenraum (v.a. in Österreich) ist ein Schnaps aus dem vergorenen Vogelbeersaft («Vogelbeerbrand») beliebt. Da der Zuckergehalt in den Vogelbeeren vergleichsweise gering ist, wird dem Saft vor der Gärung meist noch Zucker dazugegeben.
Ein Teil der Energie in den Vogelbeeren liegt nicht nur in Form von Zucker (v.a. Glukose, aber auch Fruktose), sondern auch als Sorbit vor. Sorbit ist ein Zuckeralkohol, der in unserem Körper verstoffwechselt werden kann (ca. 11 KJ/g) und auch leicht süsslich schmeckt. Der Verzehr von Sorbit führt nicht zu einem starken Blutzuckeranstieg, weshalb dieses auch als Süssungsmittel für Diabetiker interessant ist. Sorbit kann allerdings auch abführend wirken. Der Vitamin-C Gehalt in den Vogelbeeren beträgt je nach Quelle 50 bis 100 mg / 100g und ist damit gegenüber anderem Obst vergleichsweise hoch, wobei der Gehalt mit zunehmender Reife der Früchte abnimmt. Weil in der DDR und der UdSSR Vitamin-C reiche Südfrüchte, wie Zitronen oder Orangen, Mangelware waren, wurde dort der Verzehr von Vogelbeeren stark gefördert. Man begann sogar Sorten mit geringerem Parasorbinsäure-Gehalt und grösseren Früchten zu züchten.
Die Vogelbeere hat ein breites Verbreitungsgebiet, welches sich über Mitteleuropa, den Britischen Inseln, Skandinavien bis über das ganze Sibirien erstreckt. Im Mittelmeerraum und dem Balkan beschränkt sich das Vorkommen vor allem auf die Bergregionen und auch im Kaukasus trifft man sie an. Innerhalb der Schweiz kommt die Vogelbeere zwar grossflächig vor, doch das Haupt-Verbreitungsgebiet liegt vor allem in den Alpen und dem Jura ab der montanen Stufe. Die Vogelbeere hat die typischen Eigenschaften einer Pionierpflanze: Sie braucht viel Licht, wächst sehr schnell, hat aber auch ein kurzes Leben («nur» ca. 80 Jahre). Die Früchte sind bei den Vögeln äusserst beliebt, resp. werden von sehr vielen Vogelarten (aber auch Säugetieren wie z.B. Eichörchen) gefressen. Indem die Tiere an einem anderen Ort die Samen unverdaut wieder ausscheiden, wird eine rasche Ausbreitung auf gestörte, nicht bewaldete Flächen, die z.B. durch Sturm, Waldbrand, Lawinenzüge, usw. entstehen, sichergestellt. Die Blüten im Frühsommer duften für uns Menschen eher unangenehm, was aber vor allem Fliegen und Käfer anlockt. Bienen oder Schmetterlinge findet man darauf aber trotzdem auch.
Der Name Vogelbeere dürfte nicht nur mit der Beliebtheit der Früchte bei den Vögeln zu tun haben, sondern dürfte auch damit zusammenhängen, dass deren Früchte früher als Köder beim Vogelfang verwendet wurden. Das Synonym «Eberesche» hat hingegen damit zu tun, dass ihre gefiederten Blätter stark an diejenigen der Esche erinnern. Wegen den schönen Früchten und den niedrigen Ansprüchen wird die Vogelbeere auch gerne als Zierbaum in Gärten, Parks oder Alleen angepflanzt. Mit der Schadstoffbelastung in den Städten oder neben vielbefahrenen Strassen kann die Art verhältnismassig gut umgehen. Die Vogelbeere ist ausserdem sehr frosthart und windfest. Gerade deshalb ist sie v.a. in rauen Gebirgsregionen (wie dem Oberengadin) auch ein sehr häufiger Zierbaum. Die Vogelbeere treibt nach Schäden mittels Stockausschläge rasch wieder aus und übersteht auch Wildverbiss relativ gut. Die kräftigen und dichten Wurzeln dringen tief in den Boden ein und dadurch eignen sich Vogelbeeren auch gut zur Bodenbefestigung (z.B. bei Wildbachverbauungen).
Die Vogelbeere ist nicht nur botanisch und kulinarisch interessant, sondern hat auch eine bedeutende mythologische Tradition. Die Menschen dürften bereits in früheren Zeiten von der Robustheit, Widerstandsfähigkeit, Schönheit der Art und der Beliebtheit bei Vögeln (die selbst als weise göttliche Boten, resp. Späher des Göttlichen galten) inspiriert gewesen sein. Die Germanen weihten die Art dem Donnergott Thor, der sich einst dank eines Vogelbeeren-Astes aus einem Fluss ziehen konnte, was ihm so sein Leben rettete. In Norwegen heisst die Vogelbeere deshalb heute noch Thorsbjörg («Thors Begegnung»). Da Thor selbst auch Schutzgott der Menschen war, projizierte man diese schützende Kraft auch in der Vogelbeere, resp. in den roten Beeren sah man teils sogar direkt das schützende Blut Thors. Auch bei den Kelten galt die Vogelbeere als heiliger Baum resp. Lebensbaum, der Haine und Orakelplätze umsäumte und die Menschen vor Unglück und Flüche schützen soll. Da die Vogelbeere eine der ersten Baumarten ist, welche im Frühling ihre Blätter austreibt und auch nach Katastrophen wie Überschwemmungen das Brachland rasch besiedelt, galt sie auch als Symbol von Wiedergeburt, Erneuerung und einfach nur des Wiedererwachens nach der dunklen Winterzeit. Vogelbeerenzweige wurden bei Beerdigungen auf dem Scheiterhaufen mit verbrannt. Aus den Zweigen wurden Zauberstäbe, Wünschelruten, etc. hergestellt. Auch später im Mittelalterlichen Volksglauben sah man in der Vogelbeere ein Schutzbaum gegen Unglück und Hexerei. Gerade auf den Britischen Inseln war das Aufhängen von Vogelbeerenzweigen vor die Haustüre und ein schützender Vogelbeerbaum vor dem Haus weit verbreitet.
mögliche Verwechslungen
Speierling (Sorbus domestica) - ungiftig/essbar
Dabei handelt es sich um eine mediterrane Baumart, die in der Schweiz eher selten ist und landesweit geschützt ist. Sein Vorkommen beschränkt sich auf die warmen Regionen am Jurasüdfuss und der Nordwestschweiz. Die Früchte sind essbar und enthalten keine Parasorbinsäure. Allerdings ist der Gerbstoffgehalt hoch und die Früchte werden erst nach längerer Frosteinwirkung im überreifen Stadium weich und geniessbar.
Gemeinsamkeiten (u.a.)
gehört auch zur Gattung Sorbus (wechselständig, US behaart, Blüten in Trugdolden, Apfelfrüchte,…)
Blätter gefiedert, Fiedern eilanzettlich
Unterschiede (u.a.)
Blätter im unteren Drittel nicht gezähnt
mit graubrauner, stark schuppiger Borke
Frucht: grösser (1.5 bis 4cm), gelblich bis rot und birnenförmig


zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus
Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.
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