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Sekundäre Pflanzenstoffe

Was sind Sekundäre Pflanzenstoffe ?
Sekundäre Pflanzenstoffe sind ein wichtiges Thema für Leute die sich mit essbaren Wildpflanzen und Heilpflanzen beschäftigen. So ist in den vielen Büchern immer wieder von «Oxalsäure», «Cumarin», «Blausäure», etc. die Rede. Dies weil es sich oft um Giftstoffe handelt und deshalb bei der Verwendung Vorsicht geboten ist oder sogar davon ganz abgeraten wird. Die in einer Pflanze enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe geben gleichzeitig aber auch einen Hinweis die entsprechenden Heilwirkungen.
Genau deshalb ist es wichtig, sich mit dem Thema «Sekundäre Pflanzenstoffe» etwas genauer zu beschäftigen. Denn nur so können Informationen aus der Wildkräuter-Literatur auch richtig eingeordnet werden. Ausserdem ist es mit dem Thema «Gift» nicht so einfach: Ob etwas für uns Menschen giftig ist oder nicht kommt auf den konkreten Stoff, die Dosis, die Zubereitung, etc. darauf an. Beispielsweise schaden uns Senföle in moderaten Mengen überhaupt nicht, bzw. werden für ihren scharfen Geschmack in der Küche sehr geschätzt und haben sogar desinfizierende Wirkungen. Hohe Dosen führen jedoch zur Magenreizungen.
Andere Giftstoffe, (wie z.B. Blausäure) können durch geeignetes Zubereiten unschädlich gemacht werden (z.B. Kartoffel). Weitere Giftstoffe, wie Oxalsäure, konsumieren wir ohne weiteres in Kulturgemüse (z.B. Rhabarber oder Spinat), so dass auch nicht grundsätzlich auf Sauerampfer oder das säuerlich-erfrischende Wald-Sauerklee verzichtet werden muss. Es kommt eben auf die Dosis darauf an.
Was sind sekundäre Pflanzenstoffe?
Die Wildpflanzen als biologische Wesen bestehen aus zahlreichen Molekülen. Gewisse Stoffe sind essenziell für das «unmittelbare Überleben» der Pflanze. Fehlt einer dieser Stoffe, stirbt die Pflanze. Es handelt sich unter anderem um:
Kohlenhydrate: Energiegewinnung, Energiespeicherung, Baumaterial (in Form von Zellulose)
Proteine: Baumaterial, Enzyme (für den Stoffwechsel), Transportmoleküle, Rezeptoren
Lipide (u.a. Fette): Zellmembran, Hormone, Wachse, Energiespeicherung
Nukleinsäuren: für die DNA, RNA
Chlorophyll: Photosynthese
Daneben bestehen die Pflanzen aber noch auch aus zahlreichen sogenannten «Sekundären Pflanzenstoffen», also Stoffe, die zwar wichtige Funktionen erfüllen, jedoch für das «unmittelbare» Überleben nicht notwendig sind. Dies sind u.a.:
Giftstoffe: Sorgen dafür, dass die Pflanze nicht gefressen wird, indem der Feind vergiftet wird.
Geschmack-/ Duftstoffe: Sorgen entweder dafür, dass die Pflanze für den Verzehr unattraktiv wird (z.B. Bitterstoffe) oder locken bestimmte Tiere an, sei dies für die Bestäubung der Blüten oder der Verbreitung der Samen.
Farbstoffe: Färben bestimmte Pflanzenteile, wie z.B. Blütenkronen oder reife Beeren, um damit gewisse Tiere als Bestäuber, bzw. Samenverbreiter anzuziehen.
Schutz vor UV-Strahlung («Sonnencrème») oder Freien Radikalen: Auch Pflanzen müssen sich vor schädlicher UV-Strahlung schützen, bzw. ebenso vor schädlichen Freien Radikalen, die in der Pflanze entstehen.

Natürlich werden auch die sekundären Pflanzenstoffe von der Pflanze gebraucht. Ohne Giftstoffe wird die Pflanze längerfristig wohl gefressen oder stark durch einen Befall von Viren/Bakterien geschädigt. Fürs kurzfristige Überleben sind sekundäre Pflanzenstoffe aber nicht von Bedeutung. Die Grenze zwischen den unmittelbar lebensnotwenigen Stoffen und Sekundären Pflanzenstoffe ist ausserdem fliessend.
Die Vielfalt der sekundären Pflanzenstoffe ist enorm, bisher sind 200'000 Strukturen davon von bekannt! Die Stoffe werden aufgrund ihrer chemischen Struktur und den biochemischen Bildungsmechanismen in Gruppen eingeteilt. Ein Stoff kann dabei mehreren Gruppen angehören. Gewisse Stoffe können in einer Pflanze gleichzeitig sowohl als Gift fungieren, als auch weitere Funktionen ausüben.
Giftstoffe
Pflanzen sind «autotrophe» Wesen, d.h. sie bauen sich ihre organischen Moleküle (wie Baustoffe, Energiestoffe, etc.) selbst aus anorganischen Substanzen (CO2, Wasser, Mineralstoffe) zusammen, die sie vom Boden oder der Luft aufnehmen. Die dazu benötigte Energie beziehen sie aus dem Sonnenlicht mit Hilfe der Photosynthese, die vor allem in den Blättern stattfindet.
Die Evolution hat nicht nur Pflanzen, sondern auch Tiere (wie z.B. uns Menschen) hervorgebracht. Im Gegensatz zu den Pflanzen sind wir Tiere ausschliesslich «heterotrophe» Wesen, d.h. wir sind gezwungen uns von bestehender organischer Substanz zu ernähren, um den Bedarf an Energie, Baustoffe, etc. zu decken. Auch Pilze und viele Bakterien sind übrigens heterotroph. Gewisse Tiere fressen dabei als «Primärkonsumenten» Pflanzen (Pflanzenfresser), andere wiederum ernähren sich von anderen Tieren (Fleischfresser) und dann gibt es noch jene, die sowohl Pflanzen als auch Tiere fressen (Allesfresser, wie z.B. wir Menschen).

Pflanzenfresser brauchen den Verzehr von Pflanzen zum Überleben und dabei handelt es sich wohlgemerkt um zwei Drittel aller Tierarten! Die Pflanzen sind solchen Fressfeinden also unmittelbar ausgesetzt, zumal sie nicht wie Tiere einfach davonrennen können. Die Pflanzen tun also gut daran, sich gegen die Pflanzenfresser sowie auch pathogenen Pilze und Bakterien (und auch Viren) zu schützen, denn ansonsten wären sie ihnen schutzlos ausgeliefert.
Die Evolution hat darum zahlreiche Mechanismen zum Schutz vor Fressfeinden hervorgebracht. Bei gewissen Pflanzen sind es mechanische Barrieren, wie Dornen, Stacheln, Brennhaare etc. Viel verbreiteter ist jedoch ein breites Arsenal von Giftstoffen oder einfach Stoffe, welche den Verzehr ungeniessbar machen. Jede Art hat dabei sein eigenes Arsenal. Gewisse Stoffe werden vorbeugend gebildet und in der Pflanze gespeichert. Andere wiederum werden erst dann produziert, wenn sie von einem Fressfeind angeknabbert werden. Um die Feinde der Fressfeinde anzulocken oder andere Pflanzen zu warnen, können gewisse Pflanzen auch Alarmstoffe freisetzen.
Die Pflanzenfresser tun wiederum gut daran, sich gegen die Gifte der Pflanzen zu schützen. Wenn wegen den Giftstoffen keine Pflanzennahrung mehr verfügbar wäre, würden sie schlichtweg verhungern. Die Evolution hat bei den Tieren deshalb Entgiftungs-Mechanismen hervorgebracht, d.h. gewisse Stoffe können neutralisiert und unschädlich gemacht werden. Auch die Duft- und Geschmacksinne haben sich so entwickelt, dass die meisten Giftstoffe ungeniessbar, (resp. bitter) sind. Dies mit dem Ziel, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, die entsprechende Pflanze essen zu wollen. Die Pflanzen wiederum haben zur Abwehr, nebst den Giftstoffen, auch Stoffe hervorgebracht, die zwar unsere Bitter-Rezeptoren aktivieren (d.h. bitter schmecken), ansonsten jedoch ungiftig sind.
Unser Körper kennt viele der hochpotenten Giftstoffe bereits und kann dadurch verschiedene Reaktionen wie Erbrechen oder Durchfall auslösen, so dass die Stoffe möglichst rasch wieder ausgeschieden werden. Falls es ein Stoff dennoch vom Darm ins Blut geschafft hat, werden weitere Entgiftungsprozesse ausgelöst. Gewisse Giftstoffe werden primär für die Abwehr kleinerer Tiere, Pilze oder Mikroorganismen produziert und können so bei uns Menschen (als eher grössere Organismen) womöglich keinen Schaden verursachen (sofern nicht übermässig konsumiert).
Hinzu kommt, dass man durch geeignete Zubereitung gewisse Gifte unschädlich machen kann (z.B. Blausäure durch Kochen). Aufgrund dieser Tatsachen sind die meisten Wildpflanzen trotz des Giftstoff-Arsenales eben doch "Essbare" Wildpflanzen.
Bei unseren Kulturpflanzen wurde oft ein Grossteil der Giftstoffe und Bitterstoffe herausgezüchtet. Aus diesem Grund sind sie teils schutzlos ihren Fressfeinden und Pathogenen ausgeliefert. Erst durch den breiten Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft werden daher intensiv genutzte Anbauflächen möglich (übrigens werden auch in der BIO-Landwirtschaft Pestizide eingesetzt, es sind halt einfach keine chemisch-syntherischen, sondern natürliche Stoffe). Das soll jedoch an dieser Stelle kein Hate gegen Kulturpflanzen oder die Landwirtschaft sein, im Gegenteil: Nur die Kulturpflanzen und die Landwirtschaft kann unsere 8 Milliarden Weltbevölkerung können unseren täglichen Kalorienbedarf sicherstellen! Nur mit Wildkräutern alleine lässt sich die Welt leider nicht mehr ernähren.
Die wichtisten Sekundären Pflanzenstoffe
Klick auf den Links für die detallierte botanische, kulinarische und heiltechnische Beschreibung der jeweilgen Stoffgruppe
Giftstoffe
Bitterstoffe
Cyanglykoside (Blausäure)
Oxalsäure
Gerbstoffe
Saponine
Schleimstoffe
Flavonoide
Alkaloide
Pyrrolizoidinalkaloide (PA)
Ätherische Öle
Carotinoide
Cumarin
Furocumarine
Herz-Glyksoide
Sendölglykoside (Glucosinulate)
Iridoide
Lektine
Kieselsäure
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