das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen
Wilde Möhre (Daucus carota)

Familie: Doldenblütler (Apiaceae), Gattung: Möhren (Daucus)
"Es handelt sich um die Wildform der Karotte. Man kann nicht nur die Pfahlwurzeln als Gemüse nutzen, sondern auch die würzigen Blätter, Blüten und "Samen" sind kulinarisch verwertbar."
Bestimmung
Lebenszyklus / Blattanordnung: Pflanze 2-jährig. Nach dem Austrieb im ersten Jahr erscheint die Pflanze mit nur einer Grundrosette (ohne Stängel und ohne Blüte). Ab dem Frühling des 2. Jahres bilden sich dann aufrechte Stängel mit wechselständigen Blättern.
Blätter: länglich-3-eckig, meist 8 bis 20 cm lang; 2-3-fach fiederlanzettlich (Fiederung 1. Ordnung meist gefiedert); Zipfel linsenförmig und am Ende spitz; borstig behaart (v.a. unten) bis selten fast kahl
Stängel: 30 bis 100 cm hoch; gefurcht; borstig behaart
Blüten: in endständigen, flachen bis leicht gewölbten Doppeldolden angeordnet; Kronblätter weiss bis gelblich; in der Mitte der Doppeldolde oft eine (sterile) schwarzen Blüte (zur Anlockung Insekten); mit fiederlinealischen Hüllblättern und Hüllblättchen; blüht Juni bis August
Früchte: in 4 Reihen bestachelte Doppelachäne
mögliche gefährliche Verwechslungen: Hundspetersilie (Aethusa cynapium), teils auch mit dem Gefleckten Schierling (Conium maculatum) < die Unterscheidungsmerkmale finden sich weiter unten im Abschnitt «mögliche Verwechslungen»
Zeigerwerte: hell, nährstoffarm, frisch, neutral bis basisch, salztolerant
typische Standorte: Wiesen, Weg- und Strassenränder, Waldweg-Ränder. Waldränder, Ruderalflächen
Fotos

©Maria Brzostowska – stock.adobe.com







Verwendung
wichtige Inhaltsstoffe: Ätherische Öle, Flavonoide; v.a. in den Wurzeln auch Carotinoide, Polyine (v.a. Falcarinol), Vitamin B1 und B2
mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten
Blätter (aromatisch bis würzig > mehr dazu): Salat, Beigabe im Salat, Gewürz, Kräutersalz, Kräuterbutter, Kräuterquark, Aufstriche, Suppe, Pesto, Sauce, Limonade, Smoothie
Blütenstände im Knospenstadium (aromatisch, mild > mehr dazu): Wildgemüse (à la Broccoli)
Blüten (würzig > mehr dazu): essbare Dekoration, Gewürz
Früchte (würzig > mehr dazu): Gewürz
Wurzel (aromatisch, herb > mehr dazu): vom Herbst des 1. Jahres bis zur Stängelbildung im Frühling des 2. Jahres roh als Snack oder Beigabe, Wildgemüse (danach verholzt die Wurzel); Streckmehl oder Wurzelkaffee ist auch nach der Stängelbildung noch möglich.

Verwendung in der Phytotherapie zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben: In der modernen Pflanzenheilkunde hat die Wilde Möhre keine grosse Bedeutung. Die Wurzel wurde traditionell in der Volksheilkunde als «Entwurmungsmittel» eingesetzt. Dessen Nutzen ist nach den heutigen medizinischen Kenntnissen jedoch fraglich. Oft wird im Zusammenhang mit der Wilde Möhre erwähnt, dass aus den in den Wurzeln enthaltenen Alpha- und Beta-Carotinoiden der Körper Vitamin A herstellen kann und das die Sehschärfe «boostern» würde. Tatsächlich kann ein Vitamin A-Mangel zu Sehproblem führen und damit die Behebung des Mangels damit zu einer Verbesserung. Doch das heisst nicht, dass im Umkehrschluss ein Überschuss an Vitamin A automatisch zu einer Verbesserung der Sehschäfte führt. Im Vergleich zur Zuchtkarotte sind die Carotidoid-Gehalte bei der Wilde Möhre ausserdem um ein Vielfaches geringer.
Beschreibung
Die Wilde Möhre ist die wilde «Ur-Karotte». Bei den Karotten handelt es sich nämlich um eine durch Züchtung entstandene Unterart (subsp. sativus) der Wilden Möhre. Während deren orangen Pfahlwurzeln in den Supermarkt-Regalen prominent vertreten sind, ist ihr wilder Vertreter im Alltag nicht minder präsent: Die Wilde Möhre besiedelt oft in grosser Anzahl Strassenränder, Wegränder, trockene Wiesen und sonstige Ruderalflächen. Ich verspreche dir: Wenn du weisst, wie die Wilde Möhre aussieht, wird sie dir draussen von Sommer bis Herbst ständig begegnen!
Beim Sammeln der Wilden Möhre ist besondere Vorsicht geboten, und zwar weil die fiederlanzettlichen Blätter denjenigen der Hundspetersilie (Aethusa cynapium) und auch etwas an diejenigen des Gefleckten Schierlings (Conium maculatum) sehr ähnlich sehen und diese beiden Doppelgänger besonders potente Giftpflanzen sind. Während der Blütezeit im 2. Lebensjahr ist die Unterscheidung deutlich einfacher, jedoch lohnt sich dann eine Ernte der Wurzel als Snack oder Gemüse nicht mehr. Denn die Wurzel verholzt ab dem Zeitpunkt der Stängelbildung und ist dann auch deutlich weniger ergiebig («ausgelaugt»). Die Wurzel wird deshalb nur dann geerntet, wenn sich die Pflanze im Grundrosettenstadium befindet und zwar ab dem Herbst des 1. Jahres (wenn langsam genügend Nährstoffe eingelagert sind) bis in den Frühling des 2. Jahres. Viele der Grundrosetten trifft man auch im Winter (zwischen dem Herbst des 1. Jahres und dem Frühling des 2. Jahres) an und damit können die Wurzeln der Wilden Möhre auch in der kalten Jahreszeit geerntet werden.
Wichtige Unterscheidungsmerkmale der Grundrosetten von der Wilden Möhre gegenüber den hochgiftigen Doppelgängern sind die borstige Blattbehaarung (v.a. unten), die matte Blattunterseite und der typische Karotten-Geruch beim Zerreiben. Im Blüten-/Fruchtstadium machen dann der borstig behaarte Stängel, die fiederlinealischen Hüllblätter und Hüllblättchen, die mittige sterile Schwarzblüte und das nestartige Zusammenziehen des Blütenstandes die Unterscheidung zu den hochgiftigen Doppelgängern viel einfacher. Zu diesem Zeitpunkt stellen dann sowohl die Blüten, als auch die Früchte (die ersten reifen Früchte findet man ca. ab August) ein angenehm würziges Gewürz dar.
Die mittige Schwarzblüte der Doppeldolden wird auch «Mohrenblüte» genannt und gab der Art so ihren Namen. Ihre Funktion liegt in der Anlockung von bestäubenden Insekten. Wie genau dies jedoch vonstatten geht, darüber liest man mehrere Hypothesen. So könnte die Mohrenblüte z.B. ein Insekt imitieren, welches sich gerade Nektar holt, was anderen Insekten das Signal gibt, «dass es hier auch für sie etwas zu holen gibt». Dann gibt aber auch die These, dass die Mohrenblüte ein totes Insekt darstellen würde, welches potenzielle Aas-fressende Bestäuber anlockt. Die Anlockung der Bestäuber könnte sich aber auch nur aus dem schwarz-weissen Kontrast ergebe. Gelegentlich kann die Mohrenblüte auch fehlen.
Nicht nur die Mohrenblüte, sondern auch das nestartige Zusammenziehen des Fruchtstandes ist ein Alleinstellungsmerkmal der Wilden Möhre. So ein «Vogelnest» findet man typischerweise ab dem Ende der Blütezeit und äussert sich in einem dauerhaften, nach innen Krümmen, sowohl der Doldenstrahlen, als auch der Döldchen. Bei trockener Witterung kann sich das Nest periodisch leicht öffnen, bleibt jedoch nach wie vor gekrümmt. Durch die Krümmung werden die noch unreifen Früchte vor Regen, Feuchtigkeit und evtl. auch Fressfeinden geschützt. Die Früchte verbreiten sich später dank ihrer Klettwirkung (Früchte sind borstig behaart) mit den vorbeistreifenden Tieren. Teilweise liest man auch, dass die nestartige Form die Windverbreitung unterstützen soll, indem durch die rundliche Form des Blütenstandes ein Rollen am Boden ermöglicht wird.
Auch wenn die Wilde Möhre im antiken Rom und Griechenland gesammelt und genutzt wurden, spielte sie in der Ernährung noch keine wichtige Rolle. Vielmehr wurde sie als Heilpflanze genutzt und wird hierzu 60 n Chr. auch von Dioskurides erwähnt. Die Züchtung der Wilden Möhre zur heutigen orangen Karotte, begann erst viel später und zwar vor ca. 1'500 Jahren in Zentralasien (ungefähr im Raum Afghanistan), indem systematisch die Exemplare mit besonders grossen und fleischigen Wurzeln selektiert wurden. Das Ganze wurde in dieser Region auch dadurch begünstigt, indem die dortige Populationen an Wilden Möhren eine viel grössere genetische Diversität aufweisen als in Europa und so «Extremformen» natürlicherweise häufiger vorkommen. Die ersten Kulturformen waren in der Farbe gelblich oder auch dunkelviolett bis schwarz (d.h. mit hohen Anthocyan-Gehalt). Diese «orientalischen Züchtungen», welche noch heute in Zentralasien (nebst den modernen orangen Karotten) weit verbreitet sind, gelangten dann schliesslich nach Europa. Deren Bedeutung war im europäischen Hoch- bis Spätmittelalter jedoch vergleichsweise bescheiden, waren doch andere Wurzelgemüse, wie z.B. Pastinaken oder auch Rüben viel dominanter. In der frühen Neuzeit erfolgte dann schliesslich die Zucht zu den heutigen bekannten orangen Formen (mit höherem Gehalt an Carotinoiden) und zwar durch niederländische Gärtner. Die orange Zuchtfarbe wird teilweise mit patriotischen Motiven erklärt, wonach eine gezielte farbliche Selektion zu Ehren des Königs Willhelm I. von Oranien (der ungefähr in dieser Zeit den Aufstand gegen die spanische Herrschaft anführte) durchgeführt worden sei. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei jedoch um eine Legende und vielmehr waren diese neuen orangen Formen einfach robuster, lagerfähiger, besser im Geschmack (süsser, weniger bitter) und auch visuell attraktiver (niederländischer Patriotismus hin oder her). Mit diesen neuen niederländischen Zuchtformen folgte ab dem 18. Jahrhundert der definitive Durchbruch der Karotte und diese löste nun die Pastinake als wichtigstes Wurzelgemüse ab. Genetische Untersuchungen zeigen, dass sich die Zuchtformen auch mit dem Genmaterial von mitteleuropäischen Wilden Möhren rückgekreuzt haben. Dies erfolgte nicht nur spontan, sondern wurde auch gezielt in der Züchtung eingesetzt, um die Karotten resistenter gegen Krankheiten und Schädlinge zu machen.
mögliche Verwechslungen
Hundspetersilie (Aethusa cynapium) - hochgiftig!
Die Hundspetersilie gilt als hochgiftige Pflanzenart. Dafür verantwortlich ist ein Gemisch aus verschiedenen Polyinen (v.a. Aethusin). Ein Verzehr der Pflanzenteile führt nicht nur zu einem Brennen im Mundraum, sondern auch zu Übelkeit, Durchfall, Sehstörungen, erweiterten Pupillen, schnellem Puls, Krämpfen, Bewusstseinstrübungen und Lähmungen. Im schlimmsten Fall treten Atemlähmungen und schliesslich der Tod ein. Frühere Quellen erwähnen oft tödliche Vergiftungen durch Verwechslungen mit der sehr ähnlich aussehenden Petersilie aus dem Garten. Aus den letzten Jahrzehnten sind jedoch keine tödlichen Vergiftungen bekannt. Vielleicht liegt dies auch daran, dass bei der Petersilie mittlerweile nur noch die Zuchtform „Krause Petersilie“ angebaut wird, welche sich im Aussehen (im Gegensatz zur Wildform) deutlich von der Hundspetersilie unterscheidet (man vermutet, dass die Züchtung genau aus diesem Grund erfolgt ist). In einigen archäologischen Funden aus dem Neollithikum wurden Samen der Hundspetersilie in Topfresten gefunden. Ob diese paradoxerweise aber tatsächlich kulinarisch verwendet worden sind (nur in kleinen Mengen? evtl. Gifstoffgehalt durch Kochen reduziert?, …) oder andere Grunde dafür vorliegen (medizinische oder rituelle Nutzung, Verwechslung mit anderen Samen, Abfall…), bleibt offen.
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blattform und Blattfiederung praktisch identisch
gehört zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae), deshalb auch Doppeldolden als Blüten/-Fruchtstand
ähnliche Standorte (wobei eher nährstoffreicher Boden bevorzugt wird)
Unterschiede (u.a.)
Blätter kahl; jeweils mit langen Endzipfeln; OS mit bläulichem Schimmer; US glänzend
Stängel kahl, fein gerillt und oft bläulich bereift
meist keine Hüllblätter; mit linealischen, nach aussen weisenden und zurückgeschlagenen Hüllblättchen (meist je 3 Stück)
kein nestartiges Zusammenziehen des Blütenstandes; keine mittige Schwarzblüte
Frucht kahl und mit breiten / runden Längsrippen
Duft eher nach Knoblauch

Gefleckter Schierling (Conium maculatum) - hochgiftig!
Der Gefleckte Schierling hat deutlich breitere Fiederabschnitte und auch deutlich breitere Blätter. Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zur Hundspetersilie gelten auch für den Gefleckten Schierling (Pflanze kahl, Blattunterseite glänzend, keine Mohrenblüte, keine fiederlanzettlichen Hüllblätter/-blättchen,…)
Kümmel (Carum carvi) - ungiftig / essbar, ähnliche kulinarische Verwendung
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blattform und Blattfiederung ähnlich
gehört zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae), deshalb auch Doppeldolden als Blüten/-Fruchtstand
Unterschiede (u.a.)
Blätter und Stängel kahl
Fiederpaare der 1. Ordnung bilden am Grund ein Kreuz
Blütenstand viel kleiner; Kronblätter teils rötlich; meist keine H üllblätter; z.T. mit Hüllblättchen
Frucht länglich, resp. dabei etwas gebogen, kahl und mit zerrieben mit typischem Kümmelduft
Vorkommen auf Fettwiesen (eher in erhöhten Lagen, in den tiefen Lagen vom Mittelland selten)


zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus
Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.
< zur Startseite des erdflow-Phytikons
Grundlagen zum Sammeln - Botanische Grundlagen - Wildkräuterküche - Heilpflanzen / Phytotherapie - Mythologie - Pflanzenbeschreibungen
das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen
teile diesen wertvollen Content:




