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das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

Wilde Möhre (Daucus carota)

Illustration der WIlden Möhre (Daucus carota). Die Bestimmungsmerkmale sind graphisch darübergezeichnet. Das Bild ist gut für die Bestimmung der Art geeignet.

Seite erstellt von David Büsser - Wildkräuterexperte

Familie: Doldenblütler (Apiaceae), Gattung: Möhren (Daucus)

"Es handelt sich um die Wildform der Karotte. Man kann nicht nur die Pfahlwurzeln als Gemüse nutzen, sondern auch die übrigen würzigen Pflanzenteile (Blätter, Blüten und "Samen") sind kulinarisch verwertbar."

 

Bestimmungsmerkmale und Lebensraum

> wie bestimme / erkenne ich die Wilde Möhre und wo kommt sie vor?


Lebenszyklus / Blattanordnung: Pflanze 2-jährig. Beim Austrieb im ersten Jahr bilden die Pflanzen eine Grundrosette (ohne Stängel und ohne Blüte). Ab dem Frühling des 2. Jahres erfolgt dann der Austrieb der aufrechten Stängel mit wechselständigen Stängelblättern.


Blätter: länglich-3-eckig, meist 8 bis 20 cm lang; 2-3-fach fiederlanzettlich (Fiederung 1. Ordnung meist gefiedert); Zipfel linsenförmig und am Ende spitz; borstig behaart (v.a. unten) bis selten fast kahl


Stängel: 30 bis 100 cm hoch; gefurcht; borstig behaart


Blüten: in endständigen, flachen bis leicht gewölbten Doppeldolden angeordnet; Kronblätter weiss bis gelblich; in der Mitte der Doppeldolde oft eine (sterile) schwarzen Blüte (zur Anlockung von Insekten); mit fiederlinealischen Hüllblättern und Hüllblättchen; blüht Juni bis August


Früchte: in 4 Reihen bestachelte Doppelachäne


Zeigerwerte: hell, nährstoffarm, frisch, neutral bis basisch, salztolerant


typische Standorte: Wiesen, Weg- und Strassenränder, Waldweg-Ränder. Waldränder, Ruderalflächen

Fotos

Verwendung​

> Wilde Möhre in der Wildkräuterküche verwenden


wichtige Inhaltsstoffe: Ätherische Öle, Flavonoide; v.a. in den Wurzeln auch Carotinoide, Polyine (v.a. Falcarinol), Vitamin B1 und B2


Giftigkeit: Die Wilde Möhre ist ungiftig / essbar.


mögliche gefährliche Verwechslungen: Hundspetersilie (Aethusa cynapium), teils auch mit dem Gefleckten Schierling (Conium maculatum) < die Unterscheidungsmerkmale finden sich weiter unten im Abschnitt «mögliche Verwechslungen»


Kulinarische Verwendung

zu den Grundrezepten



  • Blüten (würzig > mehr dazu): essbare Dekoration, Gewürz


  • Früchte (würzig > mehr dazu): Gewürz


  • Wurzel (aromatisch, herb > mehr dazu): vom Herbst des 1. Jahres bis zur Stängelbildung im Frühling des 2. Jahres roh als Snack oder Beigabe, Wildgemüse (ab dem Zeitpunkt Stängelbildung verholzt die Wurzel und kann dann nicht mehr gekaut werden); Streckmehl oder Wurzelkaffee ist auch nach der Stängelbildung noch möglich.


kulinarische Verwendung der Wilden Möhre: Wildgemüse, Wurzelgemüse, Gewürz, usw.

Verwendung in der Phytotherapie zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben: In der modernen Pflanzenheilkunde hat die Wilde Möhre keine grosse Bedeutung. Die Wurzel wurde traditionell in der Volksheilkunde als «Entwurmungsmittel» eingesetzt. Dessen Nutzen ist nach den heutigen medizinischen Kenntnissen jedoch fraglich. Oft wird im Zusammenhang mit der Wilde Möhre erwähnt, dass aus den in den Wurzeln enthaltenen Alpha- und Beta-Carotinoiden der Körper Vitamin A herstellen könne und dies demnach die Sehschärfe «boostern» würde. Tatsächlich kann ein Vitamin A-Mangel zu Sehproblem führen und damit die Behebung des Mangels damit zu einer Verbesserung. Doch das heisst nicht, dass im Umkehrschluss ein Überschuss an Vitamin A automatisch zu einer Verbesserung der Sehschäfte führt. Im Vergleich zur Zuchtkarotte sind die Carotidoid-Gehalte bei der Wilde Möhre ausserdem um ein Vielfaches geringer.

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Sammelkalender​


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Spannendes über die Art



Die Wilde Möhre ist die Wildform der Karotte


Die Wilde Möhre ist die wilde «Ur-Karotte». Bei den Karotten handelt es sich nämlich um eine durch Züchtung entstandene Unterart (subsp. sativus) der Wilden Möhre. Während deren orangen Pfahlwurzeln in den Supermarkt-Regalen prominent vertreten sind, ist ihr wilder Vertreter im Alltag nicht minder präsent: Die Wilde Möhre besiedelt oft in grosser Anzahl Strassenränder, Wegränder, trockene Wiesen und sonstige Ruderalflächen. Ich verspreche dir: Wenn du weisst, wie die Wilde Möhre aussieht, wird sie dir draussen von Sommer bis Herbst ständig begegnen!


Die lange Geschichte von der Wilden Möhre zur kultivierten orangen Karotte


Auch wenn die Wilde Möhre im antiken Rom und Griechenland gesammelt und genutzt wurde, spielte sie damals in der Ernährung noch keine wichtige Rolle. Vielmehr wurde sie als Heilpflanze genutzt und wird hierzu 60 n Chr. auch von Dioskurides erwähnt.


Die Züchtung der Wilden Möhre zur heutigen orangen Karotte, begann etwas später (vor ca. 1'500 Jahren) und auch nicht in Europa, sondern in Zentralasien (ungefähr im Raum Afghanistan). Dies indem systematisch die Exemplare mit besonders grossen und fleischigen Wurzeln selektiert wurden. Das Ganze wurde in dieser Region auch dadurch begünstigt, indem die dortigen Populationen an Wilden Möhren eine viel grössere genetische Diversität aufweisen als in Europa und so «Extremformen» natürlicherweise häufiger vorkommen. Die ersten Kulturformen waren in der Farbe gelblich oder auch dunkelviolett bis schwarz (d.h. mit hohen Anthocyan-Gehalt).


Diese «orientalischen Züchtungen», welche noch heute in Zentralasien (nebst den modernen orangen Karotten) weit verbreitet sind, gelangten dann schliesslich nach Europa. Deren Bedeutung war im europäischen Hoch- bis Spätmittelalter jedoch vergleichsweise bescheiden, waren doch andere Wurzelgemüse, wie z.B. Pastinaken oder auch Rüben viel dominanter.


In der frühen Neuzeit erfolgte dann schliesslich die Zucht zu den heutigen bekannten orangen Formen (mit höherem Gehalt an Carotinoiden) und zwar durch niederländische Gärtner. Die orange Zuchtfarbe wird teilweise mit patriotischen Motiven erklärt, wonach eine gezielte farbliche Selektion zu Ehren des Königs Willhelm I. von Oranien (der ungefähr in dieser Zeit den Aufstand gegen die spanische Herrschaft anführte) durchgeführt worden sei. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei jedoch um eine Legende und vielmehr waren diese neuen orangen Formen einfach robuster, lagerfähiger, besser im Geschmack (süsser, weniger bitter) und auch visuell attraktiver (niederländischer Patriotismus hin oder her).


Mit diesen neuen niederländischen Zuchtformen folgte ab dem 18. Jahrhundert der definitive Durchbruch der Karotte und diese löste nun in Europa die Pastinake als wichtigstes Wurzelgemüse ab. Genetische Untersuchungen zeigen, dass sich die Zuchtformen auch mit dem Genmaterial von mitteleuropäischen Wilden Möhren rückgekreuzt haben. Dies erfolgte nicht nur spontan, sondern wurde auch gezielt in der Züchtung eingesetzt, um die Karotten resistenter gegen Krankheiten und Schädlinge zu machen.


Die Ernte der Wurzel lohnt sich nur im Grundrosetten-Stadium


Während der Blütezeit im 2. Lebensjahr ist die Unterscheidung zu den giftigen Doppelgängern deutlich einfacher, jedoch lohnt sich dann eine Ernte der Wurzel als Snack oder Gemüse nicht mehr. Denn die Wurzel verholzt ab dem Zeitpunkt der Stängelbildung und ist dann auch deutlich weniger ergiebig («ausgelaugt»). Die Wurzel wird daher nur zum Zeitpunkt geerntet, wenn sich die Pflanzen im Grundrosettenstadium befinden und zwar ab dem Herbst des 1. Jahres (wenn langsam genügend Nährstoffe eingelagert sind) bis in den Frühling des 2. Jahres. Viele der Grundrosetten trifft man auch im Winter (zwischen dem Herbst des 1. Jahres und dem Frühling des 2. Jahres) an und damit können die Wurzeln der Wilden Möhre auch in der kalten Jahreszeit geerntet werden.


Wichtige Unterscheidungsmerkmale der Grundrosetten von der Wilden Möhre gegenüber den hochgiftigen Doppelgängern sind die borstige Blattbehaarung (v.a. unten), die matte Blattunterseite und der typische Karotten-Geruch beim Zerreiben. Im Blüten-/Fruchtstadium machen dann der borstig behaarte Stängel, die fiederlinealischen Hüllblätter und Hüllblättchen, die mittige sterile Schwarzblüte und das nestartige Zusammenziehen des Blütenstandes die Unterscheidung zu den hochgiftigen Doppelgängern viel einfacher. Zu diesem Zeitpunkt stellen dann sowohl die Blüten, als auch die Früchte (die ersten reifen Früchte findet man ca. ab August) ein angenehm würziges Gewürz dar.


Möhrenblüte in der Mitte der Doppeldolde als charakteristisches Merkmal


Die mittige Schwarzblüte der Doppeldolden wird auch «Mohrenblüte» genannt und gab der Art so ihren Namen. Ihre Funktion liegt in der Anlockung von bestäubenden Insekten. Wie genau dies jedoch vonstatten geht, darüber liest man mehrere Hypothesen. So könnte die Mohrenblüte z.B. ein Insekt imitieren, welches sich gerade Nektar holt, was anderen Insekten das Signal gibt, «dass es hier auch für sie etwas zu holen gibt». Dann gibt es aber auch die These, dass die Mohrenblüte ein totes Insekt darstellen würde, welches potenzielle Aas-fressende Bestäuber anlockt. Die Anlockung der Bestäuber könnte sich aber auch nur aus dem schwarz-weissen Kontrast ergebe. Gelegentlich kann die Mohrenblüte auch fehlen.


Der Fruchstand zieht sich zu einem "Vogelnest" zusammen


Nicht nur die Mohrenblüte, sondern auch das nestartige Zusammenziehen des Fruchtstandes ist ein Alleinstellungsmerkmal der Wilden Möhre. So ein «Vogelnest» findet man typischerweise ab dem Ende der Blütezeit und äussert sich in einer dauerhaften Krümmen, sowohl der Doldenstrahlen, als auch der Döldchen, nach innen. Bei trockener Witterung kann sich das Nest periodisch leicht öffnen, bleibt jedoch nach wie vor gekrümmt.


Durch die Krümmung werden die noch unreifen Früchte vor Regen, Feuchtigkeit und evtl. auch Fressfeinden geschützt. Die Früchte verbreiten sich später dank ihrer Klettwirkung (Früchte sind borstig behaart) mit den vorbeistreifenden Tieren. Teilweise liest man auch, dass die nestartige Form die Windverbreitung unterstützen soll, indem durch die rundliche Form des Blütenstandes ein Rollen am Boden ermöglicht wird.


Youtube-Video über die Wilde Möhre



 

mögliche Verwechslungen

Hundspetersilie (Aethusa cynapium) - hochgiftig!


Die Hundspetersilie gilt als hochgiftige Pflanzenart. Dafür verantwortlich ist ein Gemisch aus verschiedenen Polyinen (v.a. Aethusin). Ein Verzehr der Pflanzenteile führt nicht nur zu einem Brennen im Mundraum, sondern auch zu Übelkeit, Durchfall, Sehstörungen, erweiterten Pupillen, schnellem Puls, Krämpfen, Bewusstseinstrübungen und Lähmungen. Im schlimmsten Fall treten Atemlähmungen und schliesslich der Tod ein. Frühere Quellen erwähnen oft tödliche Vergiftungen durch Verwechslungen mit der sehr ähnlich aussehenden Petersilie aus dem Garten. Aus den letzten Jahrzehnten sind jedoch keine tödlichen Vergiftungen bekannt. Vielleicht liegt dies auch daran, dass bei der Petersilie mittlerweile nur noch die Zuchtform „Krause Petersilie“ angebaut wird, welche sich im Aussehen (im Gegensatz zur Wildform) deutlich von der Hundspetersilie unterscheidet (man vermutet, dass die Züchtung genau aus diesem Grund erfolgt ist). In einigen archäologischen Funden aus dem Neollithikum wurden Samen der Hundspetersilie in Topfresten gefunden. Ob diese paradoxerweise aber tatsächlich kulinarisch verwendet worden sind (nur in kleinen Mengen? evtl. Gifstoffgehalt durch Kochen reduziert?, …) oder andere Grunde dafür vorliegen (medizinische oder rituelle Nutzung, Verwechslung mit anderen Samen, Abfall…), bleibt offen.


Gemeinsamkeiten (u.a.)

  • Blattform und Blattfiederung praktisch identisch

  • gehört zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae), deshalb auch Doppeldolden als Blüten/-Fruchtstand

  • ähnliche Standorte (wobei eher nährstoffreicher Boden bevorzugt wird)


Unterschiede (u.a.)

  • Blätter kahl; jeweils mit langen Endzipfeln; OS mit bläulichem Schimmer; US glänzend

  • Stängel kahl, fein gerillt und oft bläulich bereift

  • meist keine Hüllblätter; mit linealischen, nach aussen weisenden und zurückgeschlagenen Hüllblättchen (meist je 3 Stück)

  • kein nestartiges Zusammenziehen des Blütenstandes; keine mittige Schwarzblüte

  • Frucht kahl und mit breiten / runden Längsrippen

  • Duft eher nach Knoblauch

 

Verwechslung / Unterscheidungsmerkmale der hochgiftigen Hundspetersilie (Aethusa cynapium) gegenüber der essbaren / ungiftigen Wilden Möhre (Daucus carota). Merkmale graphsich übersichtlich dargestellt.


Gefleckter Schierling (Conium maculatum) - hochgiftig!


Der Gefleckte Schierling hat deutlich breitere Fiederabschnitte und auch deutlich breitere Blätter. Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zur Hundspetersilie gelten auch für den Gefleckten Schierling (Pflanze kahl, Blattunterseite glänzend, keine Mohrenblüte, keine fiederlanzettlichen Hüllblätter/-blättchen,…)


>>> mehr zum Gefleckten Schierling bei der entsprechenden Pflanzenbeschreibung im erdflow-Phytikon <<<


Kümmel (Carum carvi) - ungiftig / essbar, ähnliche kulinarische Verwendung


>>> Mehr zum Kümmel in der entsprechenden Pflanzenbeschreibung <<<


Gemeinsamkeiten (u.a.)

  • Blattform und Blattfiederung ähnlich

  • gehört zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae), deshalb auch Doppeldolden als Blüten/-Fruchtstand


Unterschiede (u.a.)

  • Blätter und Stängel kahl

  • Fiederpaare der 1. Ordnung bilden am Grund ein Kreuz

  • Blütenstand viel kleiner; Kronblätter teils rötlich; meist keine Hüllblätter; z.T. mit Hüllblättchen

  • Frucht länglich, resp. dabei etwas gebogen, kahl und mit zerrieben mit typischem Kümmelduft

  • Vorkommen auf Fettwiesen (eher in erhöhten Lagen, in den tiefen Lagen vom Mittelland selten)


Verwechslung / Unterscheidungsmerkmale des Kümmels gegenüber der Wilden Möhre.

zum Autor vom Phytikon: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Dabei gebe ich mein Wissen auch in Kursen weiter. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus.

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Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.

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Verwendung Kulinarik und Phytotherapie
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