das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen
Wiesen-Kerbel (Anthriscus sylvestris)

Familie: Doldenblütler (Apiaceae), Gattung: Kerbel (Anthriscus)
"ein sehr aromatisch-würziges Kraut, jedoch mit sehr ähnlichen hochgiftigen Verwechslungspartner - sauber bestimmt steht einer kulinarischen Nutzung jedoch nichts im Wege"
Bestimmung
Lebenszyklus: bildet früh im Jahr (ab Februar / März) eine Grundrosette; später im Frühling erscheinen dann die Stängel (mit wechselständigen Blättern) und endständigen Blütenständen
Blätter: breit-eiförmig, 10 bis 30 cm lang; 2-4-fach fiederlanzettlich (1. und 2. Ordnung meist gefiedert, 3. und 4. Ordnung meist fiederförmig eingeschnitten), mit schmalen Buchten zwischen den Abschnitten; untere Fiedern der 1. Ord. kleiner als der Rest des Blattes; OS glänzend und kahl (selten behaart); US matt; Rand bewimpert, an den Fiederverzweigungen oft büschelig behaart
Stängel: 50 bis 150 cm hoch; stark gefurcht; steifhaarig, ungefleckt; unter den Knotenpunkten nicht oder nur leicht verdickt; hohl
Blüten: in endständigen Doppeldolden angeordnet; ohne (oder bis 2) Hüllblätter; pro Doppeldolde 7-16 Döldchen; 4-8 länglich-ovale, lang zugespitzte und bewimperte Hüllblättchen; blüht April bis August
Einzelblüten: Kronblätter weiss; ohne Kelchblätter
Doldenblüter (Apiaceae) allgemein: Einzelblüten klein, 5 Kronblätter, unscheinbare Kelchblätter, 5 Staubblätter, 2 zusammengewachsene Fruchtblätter mit unterständigem, synkarpem Fruchtknoten, in der Mitte der Blüten ein flaches nektarabsonderndes Polster (= «Diskus», zum Anlocken von Insekten für die Bestäubung)
Früchte: längliche Doppelachäne; 0.7 bis 1 cm lang (länger als der Stiel); glatt; kahl; am Ende ein kegelförmiger Diskusrest; zwischen Frucht und Diskusrest ein 1 bis 2 mm langer und gerippter "Schnabel" (mit ca. 10 Rippen)
Zeigerwerte: halbschattig, mässig feucht, nährstoffreich; schwach sauer bis neutral
typische Standorte: Fettwiesen, Wald-Wegrand, Waldrand, Ruderalflächen
gefährliche Verwechslungen: Gefleckter Schierling (Conium maculatum), diverse giftige Kälberkropf-Arten (Gattung Chaerophyllum) < die Unterscheidungsmerkmale finden sich weiter unten im Abschnitt «mögliche Verwechslungen»
Fotos

massenhaftes Vorkommen in erhöhten Lagen auf nährstoffreichen Wiesen






stark gefurcht, v.a. unten steifhaarig


mit geripptem Schnabel am oberen Ende (zwischen Frucht und Diskusrest)
Verwendung
wichtige Inhaltsstoffe: Ätherische Öle, (Beta-Phellandren, Beta-Myrcen, Sabinen, usw.), Lignane, Phenolsäuren, Flavonoide, Furocumarine, Falcarinol (v.a. Wurzel)
Giftigkeit: durch Furocumarine bei Berührung und Konsum leicht phototoxisch
mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten
Blätter (aromatisch bis würzig > mehr dazu): Salat, Beigabe im Salat, Gewürz, Kräutersalz, Kräuterbutter, Kräuterquark, Aufstriche, Suppe, Pesto, Sauce
Blüten (würzig > mehr dazu): essbare Dekoration, Gewürz
Früchte (würzig > mehr dazu): Gewürz

Beschreibung
Der Wiesen-Kerbel blüht, für Doldenblütler eher untypisch, bereits früh im Jahr (meist ab April) und wird oft als "der bei uns am frühesten blühenden Doldenblütler" bezeichnet. Die Blätter erscheinen noch früher, meist im März, teils sogar auch Ende Februar. Dies wird durch die kräftige Speicherwurzel und die nährstoffreichen Standorten ermöglicht, wodurch bereits im Früh-Frühling eine grosse Blattmasse gebildet werden kann. Auf feuchten Fettwiesen kann der Wiesen-Kerbel im Frühling teils auch massenweise und dominant auftreten, sofern diese nicht zu früh im Jahr bzw. zu oft gemäht werden (sonst übernehmen schnittfeste Arten wie z.B. Löwenzahn). Da vor allem in etwas erhöhten Lagen die ersten Wiesenschnitte eher spät im Jahr erfolgen und dort die Wiesen durch die kühleren Temperaturen und erhöhten Niederschläge generell etwas feuchter sind, trifft man v.a. dort den Wiesen-Kerbel teils massenhaft an. Verbiss auf Weiden oder auch wiederholter Tritt verträgt der Wiesen-Kerbel hingegen nicht gut.
Als essbare Wildpflanze eignen sich die würzigen Blätter ideal für Salat, Pesto oder Kräuterbutter. Kulinarisch viel bekannter ist jedoch der verwandte Gartenkerbel (Anthriscus cerefolium), bei dem es sich um eine westasiatische, bzw. mediterrane Art handelt und die in Mitteleuropa nicht wild vorkommt, bzw. Zuchtformen davon in den Gärten kultiviert werden.
Für die kulinarische Nutzung des Wiesen-Kerbels ist eine absolut saubere Bestimmung unerlässlich, denn die Art hat mehrere giftige Doppelgänger. Die Unterscheidung zum tödlich-giftigen Gefleckten Schierling (Conium maculatum) ist jedoch keine Hexerei, man muss einfach nur seriös auf einige Details achten (siehe weiter unten im Abschnitt «mögliche Verwechslungen»). So sind z.B. die Blätter beim Gefleckten Schierling kahl, während sie beim Wiesen-Kerbel am Rand fein bewimpert sind bzw. bei ihm teils auch auf den Blattflächen einzelne Haare vorfindet oder an den Fiederverzweigungen feine Haarbüschel vorhanden sind. Auch am Stängel, der beim Gefleckten Schierling kahl und gefleckt ist, lassen sich Unterschiede erkennen, denn dieser ist beim Wiesen-Kerbel ungefleckt, hat steife Haare und ist stark gefurcht.
Bei den schwach giftigen Arten der Kälberkröpfe (Gattung Chaerophyllum) ist die Unterscheidung etwas schwieriger, da diese auch an Blatt und Stängel behaart sein können (siehe weiter unten im Abschnitt «mögliche Verwechslungen»). Innerhalb der ähnlich aussehenden Gattung der Kälberkröpfe (Chaerophyllum) tritt bei uns vor allem der Gebirgs-Kälberkropf (Chaerophyllum hirsutum aggr.) und der Hecken-Kälberkropf (Chaerophyllum temulum) auf. Die Kälberkröpfe unterscheiden sich generell vom Wiesen-Kerbel dadurch, dass die Früchte keinen (gerippten) Schnabel aufweisen. Sie können ausserdem flache Längswülste aufweisen (auf der ganzen Länge der Frucht).
Wichtige Details des Wiesen-Kerbels sind z.B.
Blattumriss: Dieser ist breit-eiförmig (im Gegensatz zum Hecken-Kälberkropf, bei dem dieser schmal-dreieckig ist)
Stängel: Dieser ist v.a. unten kurz und steif behaart und immer ungefleckt (im Gegensatz zum kahl-gefleckten «Gefleckten Schierling» und dem gefleckten «Hecken-Kälberkropf»)
Knoten: An den Knotenpunkten (= Bereiche des Stängels wo die Blätter abzweigen) ist der Stängel nicht oder nur wenig verdickt (im Gegensatz zu Hecken-Kälberkropf, der an den Knoten deutlich verdickt ist)
Blütezeitpunkt: Der Wiesenkerbel blüht bereits ab April. Dies während der Geflelcjte Schierling erst ab Sommer blüht, bzw. auch die Kälberkröpfe blühen erst ab Spätfrühling und Sommer.
fehlende Hüllblätter: Es können zwar teils bis zu 2 Hüllblätter vorkommen, doch in der Regel fehlen diese (im Gegensatz zu Gefleckten Schierling mit 5-6 Hüllblätter)
Schnabel und Diskus der Fr üchte: Wie so oft bei den Doldenblütlern, findet man auch bei den Früchten des Wiesen-Kerbels am Ende die Reste des Diskus (flächiges Polster in der Mitte der Blüte) und des Griffels. Der Diskusrest ist beim Wiesen-Kerbel kegelförmig ausgebildet. Weiter findet man zwischen der Frucht und dem Diskusrest ein 1-2mm Bereich (= Schnabel), der im Gegensatz zur nahezu glatten Frucht 10 Längsrippen aufweist (bei uns heimische Kälberkropf-Arten haben keinen Schnabel)
mögliche Verwechslungen
Gefleckter Schierling (Conium maculatum) - hochgiftig! / tödlich !!!
Hecken-Kälberkropf (Chaerophyllum temulum) – leicht giftig
Gebirgs-Kälberkropf (Chaerophyllum hirsutum) – vermutlich leicht giftig
Villars-Gebirgs-Kälberkropf / Alpen-Kälberkropf (Chaerophyllum villarsii) – vermutlich leicht giftig
Gelbfrüchtiger Kälberkropf / Gold-Kälberkropf (Chaerophyllum aureum) – vermutlich leicht giftig
Gewöhnlicher Klettenkerbel / Wald-Borstendolde (Torilis japonica) - ungiftig / essbar
Gefleckter Schierling (Conium maculatum) - hochgiftig! / tödlich
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blattform und Blattfiederung sehr ähnlich
Einzelblüten in Doppeldolden angeordnet (Familie der Doldenblütler); jeweils 8-15 Döldchen
Unterschiede (u.a.)
generell unangenehmer Duft (nach Mäuse-Urin)
Blätter kahl, OS dunkelgrün, US graugrün
Stängel kahl, nur leicht gefurcht, mit blauem Reif (dieser abwischbar), unten mit roten bis violetten Flecken / Streifen
mit 5-6 abwärts gerichteten Hüllblätter, schmal-lanzettliche abstehende Hüllblättchen; blüht erst ab Juni
Früchte nur bis 3.5mm lang, eiförmig und stark wellig gerippt
Vorkommen v.a. auf sehr nährstoffreichen Ruderalflächen, in der Schweiz eher selten

Hecken-Kälberkropf (Chaerophyllum temulum) – leicht giftig
>>> mehr zum Hecken-Kälberkropf bei der entsprechenden Pflanzenbeschreibung im erdflow-Phytikon <<<
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blattform und Blattfiederung sehr ähnlich
Stängel v.a. unten borstig behaart
Einzelblüten in Doppeldolden angeordnet (Familie der Doldenblütler), jeweils 6-12 Döldchen, meist keine Hüllblätter, 4-8 bewimperte Hüllblättchen
· Frucht länglich und kahl
Unterschiede (u.a.)
Blatt im Umriss schmal-dreieckig, bei der Fiederung 1. Ordn. eine grosse Lücke zwischen den unteren zwei Abschnitten und dem Rest des Blattes, Blattflächen behaart, OS trübgrün,
Stängel rötlich /violett gefleckt, unterhalb der Knotenpunkte (Blattansätze) deutlich verdickt
Blüten können auch rosa oder gelblich sein, Doldenstrahlen behaart, blüht ab Mai
Frucht nur bis 7mm lang und ohne (gerippten) Schnabel, Griffel nicht länger als Diskus
gehört zur Gattung der Kälberkröpfe (Chaerophyllum)

Gebirgs-Kälberkropf (Chaerophyllum hirsutum) – vermutlich leicht giftig
Die Art ist in erhöhten Lagen (Jura, Mittelland-Hügel, Voralpen, Alpen) über Kalk-Untergrund ist an halbschattigen, feuchten («Nordseitigen») Standorten (lichter Wald, Waldrand, Hochstaudenfluren, usw.) sehr oft anzutreffen. Man findet ihn teils aber auch im Tiefland. Der lateinische Name «hirsutum» (lateinisch für "behaart") kommt von den bewimperten Kronblättern.
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blattform und Blattfiederung sehr ähnlich, Blatt im Umriss breit-dreieckig
Stängel unter den Knoten nicht verdickt
Einzelblüten in Doppeldolden angeordnet (Familie der Doldenblütler); jeweils 8-20 Döldchen; keine (oder teils wenig) Hüllblätter, 5-10 bewimperte Hüllblättchen
Frucht länglich und kahl, 8-20mm lang
Unterschiede (u.a.)
unterste Fiedern 1. Ordnung gleich gross wie der restliche Blattabschnitt; Blätter und Blattstiel können auch behaart sein
Kronblätter bewimpert; Kronblätter können auch rötlich sein; Hüllblättchen lanzettlich
Blüten mit intensivem «Parfum»-artigem Duft; blüht ab Mai bis August
Frucht ohne Schnabel und mit flachen Längswulsten (auf der ganzen Länge)
gehört zur Gattung der Kälberkröpfe (Chaerophyllum)

Villars-Gebirgs-Kälberkropf / Alpen-Kälberkropf (Chaerophyllum villarsii) – vermutlich leicht giftig
Die Art tritt in den Alpen (selten auch im Jura) in erhöhten Lagen ab ca. 1'200 bis 1'400 m ü. M. auf und kann bis auf die nivale Stufe hochsteigen. Dort besiedelt es Bergwiesen und Hochstaudenfluren.
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blattform und Blattfiederung sehr ähnlich; Blatt im Umriss breit-dreieckig
Stängel unter den Knoten nicht verdickt
Einzelblüten in Doppeldolden angeordnet (Familie der Doldenblütler); jeweils 8-20 Döldchen; keine (oder teils wenig) Hüllblätter; 5-10 bewimperte Hüllblättchen
Frucht länglich und kahl; 8-20mm lang
Unterschiede (u.a.)
Blattoberseite oft dunkel- bis blaugrün; Abschnitte letzter Ordnung sehr schmal; Blatt meist behaart (v.a. an den Nerven der Blatt-US borstig)
Stängel kann rötlich /violett gefleckt sein
Kronblätter bewimpert; Hüllblättchen lanzettlich
Frucht ohne Schnabel und mit flachen Längswulsten (auf der ganzen Länge)

Gelbfrüchtiger Kälberkropf / Gold-Kälberkropf (Chaerophyllum aureum) – vermutlich leicht giftig
Der Gelbfrüchtige Kälberkropf tritt vor allem ab den etwas erhöhten Lagen (Mittelgebirge, Alpen) auf und kann bis zur Baumgrenze hochsteigen. Er kommt selten aber auch im Tiefland vor. Besiedelt werden v.a. feuchte, nährstoffreiche Standorte an Hecken, Wald-Wegränder und Ufer.
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blattform und Blattfiederung sehr ähnlich; Blatt im Umriss breit-dreieckig; Duft beim Zerreiben ähnlich
Stängel behaart
Einzelblüten in Doppeldolden angeordnet (Familie der Doldenblütler); jeweils 8-20 Döldchen; keine (oder teils wenig) Hüllblätter; 5-10 bewimperte Hüllblättchen
Frucht länglich und kahl
Unterschiede (u.a.)
Blatt meist deutlich behaart (auch auf den Flächen); Endfiedern der Blätter lang zugespitzt; Blattstiel dicht behaart; Blatt etwas matt / gräulich-grün erscheinend
Stängel rötlich /violett gefleckt, unterhalb der Knotenpunkte (Blattansätze) deutlich verdickt; Behaarung eher flaumig statt steif (Haare unter den Knoten sehr lang)
Hüllblättchen schmal-lanzettlich
Frucht ohne Schnabel; gelbbraun; langer Griffelrest (ca. 2x so lang wie Diskusrest)

Gewöhnlicher Klettenkerbel / Wald-Borstendolde (Torilis japonica) - ungiftig / essbar, ähnliche Verwendung
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blatt mehrfach fiederlanzettlich; Einschnitte der Blätter
Stängel (rau) behaart
Einzelblüten in Doppeldolden angeordnet (Familie der Doldenblütler), jeweils 4-12 Döldchen
ähnliche Standorte (wobei Wiesen eher gemieden und halbschattige Standorte wie Hecken, Waldränder, lichte Wälder oder Waldwegränder bevorzugt werden)
Unterschiede (u.a.)
Blatt im Umriss schmal-dreieckig, nur bis ca. 15 cm lang; Blattstiel und Blattspreite (rau und anliegend) behaart; Fiedern am Ende «in die Länge gezogen»; OS trübgrün
Stängelbehaarung abwärts-anliegend
4-12 schmale anliegende Hüllblätter, die den Doldenstrahlen anliegen; Blüten können auch rosa sein; blüht erst ab Juli
Früchte nur 2-3mm lang; mit nach oben gebogenen Stacheln
Pflanze einjährig
gehört zur Gattung der Borstendolden (Torilis)


zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus
Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.
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