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das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis aggr.)
Illustration der Gemeinen Nachtkerze (Oenothera biennis aggr.). Graphisch sehr übersichtlich sind Bestimmungsmerkmalen darübergezeichnet. Das Bild ist gut für die Bestimmung der Art geeignet.

Familie: Nachtkerzengewächse (Onagraceae), Gattung: Nachtkerze (Oenothera)

"Die Nachtkerze ist ein Neophyt, der sich wunderbar in unser Ökosystem intergriert hat und es bereichert. Die Art ist aber auch kulinarisch genial und vielseitig verwendbar."

 

Bestimmung

Lebenszyklus: Pflanze 2-jährig; bildet im ersten Jahr nur eine Grundrosette; Im 2. Jahr treibt sie wiederum als Grundrosette aus und bildet ab Spätfrühling den Stängel mit wechselständigen Stängelblättern


Blätter: sitzend; lanzettlich, Grundblätter 10 bis 30 cm lang, Stängelblätter 6 bis 20 cm lang; am Grund ausdünnend; OS oft blaugrün-glänzend; Blattrand ganzrandig bis gesägt

  • Blattmuster: gegen den Grund breiter werdender weisser Mittelnerv; Seitennerven zweigen meist im stumpfen Winkel ab und biegen sich dann längs zur Blattachse um; Nerven z.T. rötlich


Stängel: bis 1.5 m hoch; dicht drüsenhaarig


Blüten: Einzelblüten in endständigen Trauben oder Rispen angeordnet; Blütendurchmesser 4 bis 5 cm; 4 leuchtend gelbe Kronblätter, die sich überlappen; Kelchblätter zurückgeschlagen; 4 zusammengewachsene Fruchtblätter verzweigen sich in der kreuzförmig ausbreitenden Narbe; blüht Juni bis September


Früchte: braune (unreif grüne), längliche (bis 3 cm lange) Kapselfrucht; öffnet sich durch Spreizen


Wurzel: fleischige Pfahlwurzel, rötlich überlaufen


typische Standorte: Ruderalflächen, Strassenränder, Wegränder, Ufer

Fotos

Verwendung

wichtige Inhaltsstoffe: Flavonoide, Schleimstoffe, Gerbstoffe; In dem Samen Gamma-Linolensäure


mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten


kulinarische Verwendung der Wurzel der Nachtkerze als Gemüse

Verwendung in der Phytotherapie: zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben


  • Neurodermitis: Ausgangsstoff ist das aus den Samen gepresste «Nachtkerzenöl» mit seinen ungesättigten Fettsäuren «Linolsäure» (Gehalt: 65 bis 85%) und «Gammalinolensäure» (Gehalt: 7 bis 14%). Bei Neurodermitis wird vermutet, dass durch eine verminderte Aktivität von Enzymen die körpereigene Produktion von Gamma-Linolensäure aus der Linolsäure vermindert ist, was u.a. die Bildung von entzündungshemmenden Prostaglandinen hemmt. Das Ziel ist nun, diese fehlende Gamma-Lineolsäure mit dem Nachtkerzenöl von aussen direkt dem Körper zuzuführen. Es gibt mehrere kleinere klinische Studien, welche diese Anwendung mit Nachtkerzenöl untersucht haben und bei Neurdermitis Verbesserung beobachtet haben, bei anderen wurde hingegen kein Effekt gegenüber der Placebogruppe festgestellt. Auch HMPC hat das Nachtkerzenöl bearbeitet und anerkennt trotz der vorhandenen Studien die Anwendung aber lediglich «bei Juckreiz und trockener Haut» als «traditional use». Sie verweisen im assessment report darauf, dass die Qualität der Studien (u.a. mit nur geringer Probandenzahl) nicht für ein «well established use» ausreicht. Nach HMPC sind nur feste Darrreichformen in Kapseln erlaubt (womöglich damit das Öl vor Oxidation geschützt ist). Er spricht an sich aber nichts dagegen, das Nachtkerzenöl direkt als rohes Speiseöl (z.B. in der Salatsauce) einzunehmen. Es sollte jedoch an einem dunklen, kühlen Ort aufbewahrt und rasch aufgebraucht werden. Es wird 2 bis 3x pro Tag eingenommen, mit einer Tagesdosis von 4 bis 6g. Nachtkerzelöl ist im Handel als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich (Wichtig: Nur explizit für die innere Anwendung angebotene Nachtkerzenöle verwenden! Denn es gibt auch Produkte zur äusseren Anwendung, die als Kosmetikprodukte gelten und möglicherweise keine Lebensmittelqualität aufweisen!). Man findet teils auch Berichte, wonach das Nachtkerzenöl selbst hergestellt werden kann, indem die Nachtkerzensamen erst in einem Mixer pulverisiert werden und nach im Olivenöl mittels eines Heissauszuges bei 55° ausgezogen werden (ca. 6g Samen für 20ml Olivenöl). Dabei wird jedoch nur ein kleiner Teil des Gamma-Linolensäure herausgelöst und durch die Hitze dürfte auch ein Teil davon oxidieren, so dass bei der Qualität solcher Zubereitungen ein grosses Fragezeichen besteht. Man findet auch Empfehlungen wonach das Nachtkerzenöl direkt auf die Haut aufgetragen werden kann. In der Tat ist ein bei trockener und juckender Haut auch ein generelles wertvolles Pflegeöl und so findet man es auch in zahlreichen Hautkosmetikprodukten. Allerdings entfaltet sich dabei keine systemische Wirkung so wie bei der innerlichen Einnahme, sondern es stärkt einfach die Hautbarriere (wie bei vielen anderen Pflegeölen auch).

    Keine Anwendung bei Kindern unter 12 Jahren! Auf die Einnahme bei Schwangerschaft, Stillzeit oder gleichzeitiger Einnahme von Blutgerinnungshemmer ist zu verzichten !

Beschreibung

Die Gemeine Nachtkerze stammt ursprünglich aus dem östlichen Nordamerika und gelangte im 17. Jahrhundert als Neophyt nach Europa. In ihrem ursprüngliche Hauptverbreitungsgebiet besiedelt die Art vor allem Küstendünen, Flussufer, Auenwälder und Waldlichtungen. Es handelt sich also um eine Pionierpflanze, die gut mit sandigen Rohböden klarkommt und sich gerne dort ansiedelt, wo der Bodenaufbau und die Vegetation durch Störungen (Feuer, Erosion, Ablagerung von Flusssedimente,..) beeinträchtigt ist. Bei den amerikanischen Ureinwohnern war die Nachtkerze sowohl eine wichtige essbare, als auch medizinische Wildpflanze. So wurde die Wurzel, aber auch junge Blätter, gekocht als Gemüse verwendet. Es wurden auch Breiumschläge aus den Blättern zur Wundheilung auf die Haut aufgetragen und ein Sud aus den Wurzeln wurde bei Magenbeschwerden eingenommen. Weiter wurden die zerquetschten Samen bei Hautproblemen auf die Haut aufgetragen.


In England wurde die Art ab dem 17. Jahrhundert in botanischen Gärten angebaut und bald gelangte sie auch nach Kontinentaleuropa. Von den Gärten verwilderte sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmends und besiedelte dabei vor allem die zahlreichen menschlich neu geschaffenen Ruderalflächen dieser Zeit (wie z.B. Bahndämme, Industrieareale,…). Die Art ist mittlerweile zwar in Europa weit verbreitet, doch sie wird dabei nicht als «invasiv» eingestuft, nicht zuletzt, weil sich ihre Ausbreitung praktisch nur auf ruderale Standorte beschränkt und sie im Verlaufe der Sukzession rasch wieder von anderen heimischen Arten verdrängt wird: Sie erscheint zwar oft massenhaft, verschwindet dann aber ebenso schnell (meist nach 2 bis 4 Jahren) wieder von der Bildfläche. Weiter gilt sie hier als wertvolle Nektarquelle für die heimischen Insekten, insbesondere Nachtfalter und teils auch Wildbienen.


Die Gemeine Nachtkerze blüht den ganzen Sommer lang indem sie den Blütenstand Schritt für Schritt nach oben verlängert: Während sich im unteren Bereich bereits Früchte gebildet haben, findet man oben meist noch frische Blüten, bzw. Blütenknospen. Weil die Nachtkerze bei der Bestäubung auf Nachtfalter setzt, sind ihre Blüten v.a. in der Nacht aktiv. Eine Besonderheit ist, dass die Blütezeit einer einzelnen Blüte meist nur eine Nacht dauert. Die Blütenknospen öffnen sich dabei in den Abendstunden sehr rasch, d.h. innerhalb von wenigen Minuten. Wann genau sich jeweils eine Blüte öffnet ist von den Witterungsbedingungen abhängig. Die anschliessende Bestäubung läuft sehr geordnet ab: Erst wenn die Pollen von den Insekten abgestreift wurden, breiten sich die Narben der Fruchtblätter aus. Die Blütezeit erstreckt sich dann meistens bis am nächsten Tag um die Mittagzeit (in den Morgensunden werden sie auch von Wildbienen besucht). Nach dem Ende der Blütezeit machen die Blüten nur noch einen verwelkten Eindruck, während sich weiter oben neue Blütenknospen für die kommenden Nächte in Stellung bringen. Dabei werden über den Sommer viele Blüten, bzw. später Früchte gebildet. Eine Frucht enthält bis zu 200 Samen. Sobald die Samen reif sind, öffnet sich die Kapselfrucht auf der Oberseite, womit die Samen jeweils bei Windvibrationen herausgeschleudert werden. Oft werden sie durch Erdbewegungen oder an Reifen von Transport- und Baufahrzeugen sekundär an neue Pionierpflanze sekundär weiterverschleppt. Die Samen sind im Boden bis zu 20 Jahre lang keimfähig.


Fast alle Pflanzenteile der Nachtkerze sind irgendwie kulinarisch verwendbar und schmackhaft. Früh im Jahr sind es vor allem die Blätter und Wurzeln der Rosetten, danach über den Sommer Blütenknospen und Blüten, bzw. ab Ende Sommer und im Herbst die unreifen Früchte, die reifen Samen und wiederum die Wurzeln der im Frühling davor ausgetriebenen Grundrosetten. Vor allem im 18. und 19. Jahrhundert war in Europa die Nutzung der Wurzel als Gemüse bei der ländlichen Landbevölkerung weit verbreitet. Da die Wurzeln meist etwas rötlich überlaufen sind, hat sich für die Nachtkerze im deutschsprachigen Raum auch der Name «Schinkenwurz» ausgebreitet.


Die Gemeine Nachtkerze stellt eigentlich eine Gruppe von Arten mit ähnlichen Eigenschaften dar. Die häufigsten sind dabei die «Gewöhnliche Zweijährige Nachtkerze» (Oenothera biennis) und die «Lamarcks Nachtkerze» (Oenothera glazioviana). Dessen wichtigsten Unterschiede sind:


  • Oenothera biennis: Stängel, Kelchblätter und Früchte meist ohne roten Flecken; Narben kürzer als Staubblätter; Kronblätter 2 bis 3cm lang


  • Oenothera glazioviana: Stängel, Kelchblätter und Früchte meist mit roten Flecken; Narben länger als Staubblätter; Kronblätter 3 bis 6cm lang

 

mögliche Verwechslungen

Kleinblütige Nachtkerze (Oenothera parviflora aggr.) - ungiftig/essbar, ähnliche Verwendung


Gemeinsamkeiten (u.a.)

  • sehr ähnlich

  • ähnliche Standorte


Unterschiede (u.a.)

  • Blätter lanzettlicher (5-10x so lang wie breit)

  • Kronblätter nur 0.5-1.5cm lang


Verwechslung / Unterscheidungsmerkmale der Kleinblütigen Nachtkerze gegenüber der Gewöhnlichen Nachtkerze.

zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus

Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.

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Verwendung Kulinarik und Phytotherapie
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