das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen
Grosse Brennnessel (Urtica dioica)

Familie: Brennnesselgewächse (Urticaceae), Gattung: Brennnesseln (Urtica)
"zwar bekannt für schlechte Erfahrungen aus der Kindheit (Stiche), ist es dennoch eine tolles Essbare Wildpflanze und auch eine Heilpflanze"
Bestimmungsmerkmale
Blätter: kreuzgegenständig; herzförmig-zugespitzt, gegen weiter oben am Stängel immer länglicher werdend, meist >5cm lang; grob gesägt; Endzahn deutlich länger; mit Brennhaaren; dunkelgrün; eingefurchte und verzweigte Blattnerven
Stängel: 0.3 bis 2 m hoch; meist 4-kantig; mit Brennhaaren; aufrecht; unverzweigt
Blüten: zweihäusig (auf einem Pflanzenexemplar finden sich entweder nur männliche oder nur weibliche Blüten); Einzelblüten unscheinbar und in Rispen angeordnet, die aus den Blattachseln abzweigen; blüht ab ca. Juni bis in den Herbst hinein
männliche Blüten: mit 4 Staubblättern; Staubfäden beige und nach innen gebogen; Staubbeutel weiss; Blütenstand meist abstehend; Die männlichen Blüten platzen bei Reife an sonnigen Tagen durch den Aufbau eines Druckes in den Zellen, womit der Pollen herausgeschleudert wird. Danach verwelken sie rasch.
weibliche Blüten: ein oberständiges Fruchtblatt mit weisser, pinselartig verzweigter Narbe; Blütenstand abstehend bis hängend
Früchte: grüne eiförmige Nussfrucht
Zeigerwerte: halbschattig, nährstoffreich, feucht (Feuchtigkeit wechselnd), schwach sauer bis neutral
typische Standorte: Wegränder, Strassenränder, auf überdüngten Wiesen unter Hecken oder Bäumen, Ruderalflächen, Ufer, Auenwälder
Fotos

©johndwilliams – stock.adobe.com

©Alfonsodetomas – stock.adobe.com




Verwendung
wichtige Inhaltsstoffe: Flavonoide, Phenolsäuren, Carotinoide, Kieselsäure, hoher Vitamin-C-Gehalt, hoher Kalium-, Calcium- und Magnesium-Gehalt, in den Wurzeln Phytosterole, Lignane, Lektine, usw.
mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten
Blätter (leicht nussig, herb) (bei roher Verwendung vorher Brennhaare unschädlich machen, siehe Text!): Salat, Kräuterbutter, Kräuterquark, Aufstriche, Blätterchips, Gemüse / Wildspinat, Suppe, Sauce, Tee, Limonade, Smoothie, Oxymel, Streckmehl; Feingehackt als Beigabe verleihen die Brennnesselblätter den Gerichten meist eine starke dunkelgrüne Färbung.
Blütenstände (nussig): sowohl im Knospenstadium als auch reif als essbare Dekoration, Salatbeigabe, Tee
Früchte (aromatisch, nussig): roher Snack vor Ort, Salatbeigabe, Müslibeigabe, Gemüsebeigabe,… Ab ca. Ende Juli können die unreifen (grünen) Früchte gesammelt und direkt verzehrt werden. Die Fruchtstände werden dazu wegen den Brennhaaren am Stängel des Blütenstandes von innen nach aussen (resp. oben nach unten) abgestreift (evtl. vorher Blätter in der Nähe entfernen, damit man nicht von diesen gestochen wird). Im Herbst werden dann die reifen (braunen) Früchte geerntet. Die Früchte können auch getrocknet werden und dabei mehrere Monate aufbewahrt werden. Achtung: Die Fruchtstände sind rasch mit den beigen Blütenständen der männlichen Pflanzen zu verwechseln!
Rhizom (leicht nussig, herb): Die beste Zeit, um die Rhizome zu ernten, ist von Herbst bis Frühling und zwar weil diese dann am nahrhaftesten sind. Im Spätherbst / Frühwinter können die entsprechenden Standorte gut durch die ausgestorbenen, oberirdischen Pflanzenteile erkannt werden. Für eine Nutzung als Gemüse sind die Rhizome jedoch zu hart. Sie können aber zerkleinert und dann für ca. 30 Minuten ausgekocht werden. Der daraus entstehende (aromatische) Sud wird danach getrunken. Aus nicht all zu harten Rhizomen kann auch ein Streckmehl hergestellt werden (Rhizome zerkleinern, trocknen und anschliessend vermahlen).
Verwendung in der Phytotherapie: zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben Die Brennnessel gilt generell als abführend und harntreibend
Blätter: In den Blättern befinden sich Inhaltsstoffe, welche die Bildung von Entzündungsbotenstoffen hemmen können (vermutlich die enthaltenen Phenolsäuren und Flavonoide). Studien zeigen, dass bei Rheuma-Patienten durch die Einnahme von Presssaft oder Fertigpräparaten aus den Brennnesselblättern, die Dosis an Schmerzmitteln leicht reduziert werden kann. HMPC anerkennt die Anwendung zur Linderung leichter Gelenkschmerzen als «traditional use» an. Zur Anwendung in Form von Tee werden pro Dosis 2 bis 4g (3 bis 6 TL) der getrockneten und zerkleinerten Blätter verwendet, mit Anwendung 3 bis 6x täglich.
Wurzel und Rhizome: Können zur Linderung der Symptome bei Prostatavergrösserungen im Stadium I bis III verwendet werden. Dabei wird die Restharnmenge verringert und dadurch der Harnfluss verbessert. Welche Wirkstoffe wie daran beteiligt sind, ist noch nicht geklärt. HMPC anerkennt die Anwendung zur Linderung von Symptomen der ableitenden Harnwege, die mit einer Prostatavergrösserung zusammenhängen und nachdem ernsthafte Erkrankungen ärztlich ausgeschlossen wurden, als «traditional use» an. Verwendet werden in der Regel Fertigpräparate. Möglich ist auch die Einnahme von Rhizom-/Wurzelsud. Hierfür werden 2g (ca. 1.5 TL) zerkleinerter Wurzeln- und Rhizome für 10min in 150ml kochend-heissem Wasser ausgezogen. Nach einer anderen Zubereitungsempfehlung werden 1,5 g der pulverisierten Wurzeln mit 150ml kaltem Wasser aufgekocht, dann für ca. 1min ausgekocht und schliesslich für 10min ausgezogen. Das Trinken dieser «Dekokte» erfolgt 2 bis 3x täglich.

Beschreibung
Die Grosse Brennnessel ist nicht nur eine in Mitteleuropa sehr dominierende Art, sondern ist auch ein absoluter Superklassiker unter den essbaren Wildpflanzen. Ursprünglich v.a. in Auenwäldern zuhause, ist sie heute ein Kulturfolger, der v.a. auf den von Menschen stark beeinflussten Flächen auftritt. Da die Brennnessel v.a. an überdüngten Standorten wächst, ist sie eine Zeigerpflanze, die auf einen übermässigen Nährstoff-Eintrag hinweist. Die Pflanze tritt Horst-artig auf, d.h. die einzelnen Stängel sind unterirdisch durch ein Rhizom miteinander verbunden. Über diese Rhizome kann sich eine Pflanze seitlich ausbreitet, wodurch Brennnesseln rasch grössere Flächen besiedeln können.
Die Pflanzenteile können vielfältig genutzt werden. Die Pflanze weist nicht nur hohe Werte an Vitaminen und Mineralstoffen auf, sondern gilt auch als reich an Protein. Der Eisengehalt scheint jedoch nicht so hoch zu sein, wie immer wieder behauptet wird. Verwechslungen mit giftigen Pflanzen sind bei den Brennnesseln u.a. aufgrund der Brennhaare nahezu unmöglich. Wird bei der Berührung dieser Brennhaare der Spitz abgebrochen, entsteht ein Stachel, der Histamin in die Haut injiziert, was dann wiederum Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle verursacht. Um solche schmerzhaften Stiche während dem Sammeln und dem Verzehr zu verhindern, gibt es mehrere Möglichkeiten:
Da die Brennhaare am Stängel immer leicht nach oben, bzw. an den Blättern nach aussen, geneigt sind, können diese einfach und schmerzlos abgeknickt werden, indem die Pflanze mehrmals mit genügend Druck von unten nach oben abgestreift wird. Die Pflanzenteile können danach problemlos roh verzehrt werden (solch präparierte Blätter verwelken dann allerdings auch rasch)
Die Brennnesseln können auch mit Handschuhen gesammelt werden. Dabei sind jedoch dicke Handschuhe nötig (Laborhandschuhe reichen nicht!).
Auch das Trocknen, Kochen, ein starker Wasserstrahl beim Waschen oder das Abrollen der Blätter mit einem Wallholz macht die Brennhaare unschädlich.
Die Brennnessel ist nicht nur kulinarisch interessant, sondern wurde auch früher von der ärmeren Bevölkerung für vielfältige technische Verwendungen genutzt. Die Stängel liefern nämlich robuste Fasern, die sich durch hohe Reissfestigkeit, Witterungsbeständigkeit und Langlebigkeit auszeichnen. So wurden früher im Spätsommer oder Herbst die stark durchfaserten Stängel geerntet, um über diverse Verarbeitungsschritte die Fasern zu gewinnen. Aus diesen Brennnesselfasern wurden dann Seile, Säcke, Netze und teils auch Textilien hergestellt. Die zerkleinerten Pflanzen wurden aber auch vergoren, um daraus ein Düngemittel («Brennnesseljauche») herzustellen. Diese ist bei Nutzpflanzen darüber hinaus auch ein gutes natürliches Mittel gegen Läuse oder Pilzkrankheiten. Die Nutzung der Brennnesseljauche wird heutzutage gerade bei naturnahen Garten- und Landwirtschaftsformen wiederentdeckt.
mögliche Verwechslungen
Kleine Brennnessel (Urtica urens) - ungiftig / essbar, ähnliche Verwendung
Die Kleine Brennnessel tritt wie die Grosse Brennnessel an nährstoffreichen bis überdüngten Standorten auf, ist dabei jedoch als ein- bis zweijährige Art vor allem eine Pionierpflanze auf Äckern und Ruderalflächen. Sie kommt weltweit vor, tritt in der Schweiz aber nur selten auf. Generell sind ihre Bestände in Mitteleuropa rückläufig. Auch die Kleine Brennnessel hat Brennhaare und diese gelten sogar als schmerzhafter als bei der Grossen Schwester. In der Phytotherapie hat die Art ähnliche Wirkungen.
Unterschiede (u.a.):
Blätter deutlich kleiner (1-4 cm) und eiförmig (Blattgrund meist nicht herzförmig); OS glänzend; durchscheinend punktiert; Endzahn gleich lang (oder nur gering länger) als die anderen Zähne
Stängel nur 10 bis 60 cm hoch; Kein Horst, d.h. die aufrechten Stängel stellen Einzelpflanzen dar.
Blüten aufrecht und kurz (kürzer als Blattstiele); einhäusig, d.h. Blütenstände mit männlichen und weiblichen Blüten

< zur Startseite des erdflow-Phytikons
Grundlagen zum Sammeln - Botanische Grundlagen - Wildkräuterküche - Heilpflanzen / Phytotherapie - Mythologie - Pflanzenbeschreibungen
das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen
teile diesen wertvollen Content:
folge erdflow auf Social-Media:




