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das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

Echter Beinwell / Wallwurz (Symphytum officinale)
Illustration des Echten Beinwell / Wallwurz (Symphytum officinale) für die Bestimmung der Art. Graphisch sehr übersichtlich sind Bestimmungsmerkmalen darübergezeichnet. Das Bild ist gut für die Bestimmung der Art geeignet. Begriffe sind u.a. borstig behaart, Blattstiel geflügelt, usw.

Familie: Raubblattgewächse (Boraginaceae), Gattung: Beinwell (Symphytum)

"Eine Heilpflanze für den Bereich Verstauchungen und Zerrungen, die auch aromatische Blätter hat. Alles perfekt, wären da nicht die enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide, welche bei einem langfristigen Konsum gesundheitsschädlich sein könnten."

 

Bestimmungsmerkmale

Fotos

Verwendung

Beschreibung

mögliche Verwechslungen

Bestimmungsmerkmale

Synonyme: Echte Wallwurz, Schmalwurz, Schwarzwurz


Blattanordnung: im jungen Stadium (früh im Jahr) nur Grundrosette; kurz darauf Bildung eines Stängels mit wechselständigen Stängelblättern


Blätter: Blattstiel geflügelt; Flügel am Stängel herablaufend; untere Blätter gestielt, obere Blätter «sitzend»; eilanzettlich, am Ende zugespitzt; untere Blätter bis 25cm lang; ganzrandig; rauhaarig und klebrig; schuppiges Blattmuster


Stängel: bis 120cm hoch; kantig; borstig behaart; geflügelt (mit den oben erwähnten herablaufenden Blattstiel-Flügel); innen markig gefüllt


Blüten: mehrere Einzelblüten zusammen in hängenden Blütenständen (Doppelwickeln) angeordnet; blüht Mai bis August

  • Einzelblüten: Kronblätter röhrenförmig verwachsen, gelblich-weiss, violett oder rotviolett und am Ende mit kleinen Kronzipfeln; 1 bis 2cm lang; pro Kronblatt ungefähr in der Mitte eine Einstülpung (Schlundschuppen); Staubblätter in der Kronröhre versteckt; Fruchtblatt daraus hinausragend


Früchte: 4-teilige Klausenfrucht (4 Nüsschen, die unreif zusammengewachsen sind und sich danach voneinander lösen), die in der Kelchröhre eingebettet sind; die einzelnen Nüsschen sind schief-eiförmig und ca. 3-4mm lang


gefährliche Verwechslungen: Roter Fingerhut (Digitalis purpurea)


Zeigerwerte: halbschattig, feucht (Feuchtigkeit stark wechselnd), nährstoffreich, schwach sauer bis neutral


typische Standorte: Feuchtwiesen, Ufer, Auenwälder, feuchte Gräben

Fotos

Verwendung

wichtige Inhaltsstoffe: Gerbstoffe (bis 6%), Schleimstoffe, Allantoin, Cholin, Ätherische Öle, Flavonoide, Kieselsäure, Pyrrolizoidinalkaloide (PA)


Giftigkeit*: Trotzt den enthaltenen Pyrrolizoidinalkaloiden (PA) sind akute Vergiftungsfälle bei Menschen nicht bekannt. Der Beinwell gilt bei üblichem Gebrauch deshalb als ungiftig (Unmengen sollten aber nicht verzehrt werden!). Allerdings haben die Pyrrolizoidinalkaloide (PA) ein kanzerogenes und leberschädigendes Potential, was bei regelmässigem Verzehr ein Thema wird (mehr zu den Pyrrolizoidinalkaloide (PA) hier). Aus Rücksicht auf seine Gesundheit, sollte der Beinwell deshalb nur sehr selten verzehrt werden. Kinder und Schwangere sollten auf den Konsum verzichten! Auch bei der Äusseren Anwendungen sind die Hinweise zu berücksichtigen (siehe unterer Abschnitt «Verwendung in der Phytotherapie»)


mögliche Kulinarische Verwendung*: zu den Grundrezepten



Kulinarische Verwendung (Beinwell-Küchli aus Blüten und Blätter, sowie Gemüse aus den Rhizomen) des Beinwells (Symphytum officinale)

Verwendung in der Phytotherapie*: zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben


  • Prellung, Verstauchung oder Zerrung (zur Unterstützung des Heilprozesses): Beinwell enthält als Hauptwirkstoff Allantoin. Dieses fördert bei Verletzungen die Zellregeneration und Gewebeneubildung. Möglicherweise sind an dieser Wirkung aber noch weitere Inhaltsstoffe beteiligt und daher müssen die Zubereitungen als Vielstoffgemisch betrachtet werden. In den alten Medizinbüchern wurden vor allem Anwendungen mit Umschlägen empfohlen, indem frische Wurzel ausgekocht (in einem Liter Wasser 100g Wurzel für 10min auskochen) und dann der dabei entstehende warme Sud genutzt wurde. Möglich ist auch ein Breiumschlag aus den getrockneten und vermahlenen Rhizomen. Dabei werden 2-4 EL davon mit wenig heissem Wasser zu einem Brei verrührt, der danach auf das Tuch des Umschläges gestrichen wird. Der Brei kann auch hergeerstellt werden, indem frische Rhizome zerkleinert werden und danach mit etwas Wasser in einem Mörser zerstampft werden. Die Umschläge werden alle 2-4 Stunden erneuert.  In der Volksmedizin werden auch frische Blätter verwendet, die erst zwischen den Händen etwas gerollt und danach auf die Wunde gelegt werden.

    Im Internet und in Heilpflanzenbüchern liest man immer wieder Rezepte für Beinwell-Salben und auf Basis von Ölauszügen des Rhizoms. Dies macht jedoch wenig Sinn. Der vermutete Hauptwirkstoff Allantoin ist nämlich in praktisch fettunlöslich, resp. geht höchstens in Spuren in den Auszug über. Deutlich besser löslich (aber auch nicht perfekt) ist Allantoin im Wasser, resp. v.a. im heissen Wasser. Möglich sind auch Tinkturen (1:5 mit 40 Vol%), die entweder direkt auf die Haut aufgetragen oder grosszügig in die Salbe eingerührt werden. Ein für die Hausapotheke gut geeignetes Endprodukt zur Selbstherstellung ist eine Creme, wo man sich sowohl die wasser-, als auch die fettlöslichen Inhaltsstoffe zunutze machen kann.

    Zu beachten ist, dass die im Beinwell enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide auch über die intakte Haut aufgenommen werden (wenn auch nur mit geringen Absorptionsraten). Deshalb darf die pro Tag auf der Haut aufgetragene Menge an Pyrrolizidinalkaloiden nicht mehr als 100 mg betragen. Im Handel sind mittlerweile auch Extrakte / Salben erhältlich, die nahezu frei von Pyrrolizidinalkaloiden sind. Erreicht wird dies einem speziellen Extraktionsverfahren. Verwendet wird auch eine Kreuzung mit dem Rauen Beinwell (Symphytum asperum), welche Futter-Beinwell (Symphytum × uplandicum) genannt wird und einen besonders hohen Wirkstoffanteil aufweist. Mit Extrakten aus dessen frischen Kraut wird die Traumaplant®-Schmerzcreme herstellt, bei denen die PA-Gehalte unter der Nachweisgrenze liegen. Dies indem aus Ausgangssubstanz PA-freie Züchtungen verwendet werden. Der Effekt vom Beinwell wurde in mehreren klinischen Studien an Beinwellextrakten wissenschaftlich bestätigt. Trotzdem stuft HMPC stuft den Beinwell zur Linderung von Muskel- und Gelenkschmerzen, resp. der Unterstützung von stumpfen Verletzungen nur als «traditional use» ein. Begründet wird dies, dass die Studien jeweils mit spezifischen Extrakten durchgeführt wurden und die Ergebnisse nicht generalisiert werden können. HMPC empfiehlt nur die Anwendung mit Fertigprodukten, da diese kontrolliert (geringe) PA-Gehalte aufweisen. Ausserdem wird von der Anwendung auf offener Haut abgeraten (dann gelangt viel mehr PA in den Körper) und hingewiesen, dass die Anwendung nicht länger als 6 Wochen erfolgen soll. Von selbst gemachten Zubereitungen, wie Umschläge oder Tinkturen rät HMPC ausdrücklich ab. Dies wird damit begründet, dass die Sicherheit vom unbekannten PA-Gehalt her toxikologisch nicht kontrollierbar sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Anwendungen automatisch gefährlich sind, sondern es liegen einfach keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor, welche eine Empfehlung rechtlich rechtfertigen würde. Wie man mit diesen Informationen umgeht, muss jede Person selbst entscheiden, es gilt Selbstverantwortung. Falls man trotzdem (auf eigenes Risiko) eigene Zubereitungen anwendet, muss umso mehr beachtet werden, dass die Haut wirklich intakt ist und die Anwendungszeit sollte immer nur sehr kurz sein.


Herstellung einer Creme des des Beinwells (Symphytum officinale) zur Behandlungen von Prellungen und Zerrungen.

Beschreibung

Der Beinwell ist eine traditionelle Heilpflanze, dessen Heilwirkungen bereits in der Antike bekannt waren. So erwähnt bereits Dioskurides die Art als Wundheilpflanze. Dank der Bedeutung als Heilpflanze ist der Beinwell auch zu seinem Namen gekommen: So kommt die zweite Silbe der deutschen Bezeichnung (-well) von «wellen», bzw. das lateinische Wort «Symphytum» aus dem griechischen Wort «symphyein», was in beiden Fällen so etwas wie «zusammenwachsen» bedeutet. So wurde die Pflanze volksmedizinisch u.a. bei Knochenbrüchen zur Förderung der Heilung angewendet («Bein- -wellen»).


Der Beinwell wächst auf feuchten Wiesen, in Graben und an Bachufer / Flussauen, also Orte, die eine gewisse Bodenfeuchte aufweisen und dabei zwischendurch mal nass sind, bzw. austrocknen. Das Rhizom ist sehr kräftig und regenerationsfähig und nach Überschwemmungen oder nach Mahd auf der Wiese kann dieses rasch wieder austreiben. Mit den Rhizomen breitet sich die Art zur vegetativen Vermehrung seitlich aus. Damit bildet sich im Boden ein reich verzweigtes Netz. Das Rhizom ist fleischig und verholzt nicht. Es ist jedoch reich an Schleimstoffen, die dafür sorgen, dass in Trockenperioden die Austrocknung reduziert wird. Es enthält auch Speicherstoffe (v.a. in Form von Inulin und Fructanen). Bei der Verwendung als Survivalfood muss jedoch das Thema mit den enthaltenen Pyrrolizidinalkaloiden beachtet werden.


Beinwell hat auch eine kulinarische Tradition als Wildgemüse. So wurden in einigen Regionen Europas die Rhizome und Blätter von der Landbevölkerung, v.a. in Notzeiten, als Wildgemüse verwendet. Besonders in der Schweiz waren im Frühling «Beinwell-Küchli» beliebt. Dabei werden die Blätter erst in den Bierteig getaucht und anschliessend im Öl frittiert. Mit der Entdeckung der Gefahren, die von den Pyrrolizidinalkaloide ausgehen, hat die Bedeutung des Beinwells in der Wildkräuterküche in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Er taucht zwar in der Literatur immer noch auf, wird aber zurecht mit Warnhinweisen versehen.


Die glockenförmigen Blüten weisen am Grund der Kronröhre Nektardrüsen auf, die nur von langrüsseligen Hummeln erreicht werden können, wodurch Letztere die Hauptbestäuber darstellen. Beinwellblüten sind jeweils im Sommer sogar regelrechte Hummelmagneten. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass reichlich Nektar produziert wird (inkl. Nachproduktion während des Tages) und der Nektar erst noch einen hohen Zuckergehalt hat. Um zum Nektar zu gelangen, müssen die Hummeln erst die Schlundschuppen (Ausstülpungen der Kronblätter nach innen, zwecks Verengung der Kronröhre) auseinanderdrücken. Sie kriechen tief in die enge Kronröhre, wodurch die Körper mit den Staubbeuteln in Kontakt kommen. Teilweise wird auch «Nektarraub» beobachtet, indem kurzrüsselige Hummeln von aussen ein Loch die Kronröhre reinbeissen, um so von aussen an den Nektar zu gelangen.


Die Nüsschen fallen bei Reife mit der Schwerkraft zu Boden. Später können diese teilweise mit dem Wasser bei Starkregen oder in Gewässernähe auch über grössere Distanzen sekundärverbreitet werden.

 

mögliche Verwechslungen

Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) hochgiftig / tödlich


Die Giftigkeit kommt wegen diversen enthaltenen Herz-Glykosiden (u.a. Digitoxin, Gitoxin, Gitaloxin,…). Bei einem Verzehr der Pflanze können bereits kleinste Mengen zum Tod durch Herzstillstand führen. Nebst Herzrhythmusstörungen, verlangsamten Puls und Verdauungsbeschwerden treten auch Benommenheit, Schwindel, Halluzinationen auf. Im Spital erfolgt die Behandlung u.a. durch die Einleitung von Gegengiften, resp. teils werden gleichzeitig die Herzrhythmusstörungen mit dem Atropin aus der Tollkirsche behandelt (keine Selbstmedikation, sondern bei Vergiftung sofort 144 anrufen!). Auch wenn es eine potente Giftpflanze ist, werden die Herz-Glykoside aus dem Roten Fingerhut als Reinsubstanzen medizinisch bei Herzinsuffizient eingesetzt («die Dosis macht das Gift» > trotzdem bitte keine Selbstmedikation, denn die kann tödlich enden!). Die Herz-Glykoside führen dabei zu einer erhöhten Kontraktionskraft des Herzens und zu einer Erniedrigung der Herzfrequenz. Die wirksame Dosis ist von Person zu Person verschieden und Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Erbrechen können auch bereits bei therapeutischen Dosen auftreten. Auch wenn mal «eine Tablette zu viel eingenommen» wird, können gefährliche Überdosierungen rasch auftreten. Hinzu kommt, dass der Einsatz von Digitoxin bei bestimmen Vorerkrankungen, wie z.B. Niereninsuffizient, nicht möglich ist. Aus diesem Grund werden bei Herzinsuffizient heutzutage bevorzugt andere sicherere Medikamente verwendet, resp. Digitoxin wird v.a. im Stadium III und IV genutzt, wenn andere Arzneimittel nicht mehr die erwünschte Wirkung zeigen.


Der Rote Fingerhut wächst in lichten Wäldern und auf Schlagfluren. Nach Kahlschlägen reichert sich der Waldboden meist stark mit Nährstoffen an (stärkere Zersetzung des Humus durch erhöhte Mikroben-Aktivität im Boden aufgrund der erhöhten Temperatur durch mehr Sonnenlicht), was ihm als nährstoffliebende Art zugutekommt. Weiter wird der Rote Fingerhut im Gegensatz zu anderen Pionierarten vom Wild nicht gefressen, wodurch er sich ungestört ausbreiten kann (währenddem das Wild die Bestände seiner Konkurrenten dezimiert). Je höher der Wildbestand, desto stärker ist dieser Effekt. Der Rote Fingerhut ist jedoch auf saure Böden angewiesen und meidet dadurch Kalk-Standorte. In der Schweiz trifft man ihn nur selten an, doch im Schwarzwald findet man ihn dafür umso mehr massenhaft. Es handelt sich um eine zweijährige Pflanze. Im 1. Jahr wird nur eine Grundrosette gebildet. Auch im 2. Jahr beginnt der Austrieb im Frühling mit der Grundrosette, ehe die Pflanzen später mit einem Stängel in die Höhe wachsen und schliesslich an dessen Ende der imposante Blütenstand gebildet wird. Der Blütenstand folgt während des Tages immer der Orientierung der Sonne.


Gemeinsamkeiten (u.a.)

  • jung eine Grundrosette bildend, später mit wechselständigen Stängelblättern; obere Blätter sitzend

  • Blätter eilanzettlich, am Grund in einen geflügelten Blattstiel übergehend (am Stängel herablaufend); Blätter mit runzligem Blattmuster, US graufilzig


Unterschiede (u.a.)

  • Blätter spiralig um den Stängel angeordnet (jeweils jedes 6. Blatt liegt übereinander)

  • Blattrand unregelmässig gekerbt; Blatt nur weich behaart; Blattpreite verengt sich am Grund rascher

  • Blüten grösser (3.5-5cm lang); unteres Kronblatt innen mit dunkelroten Flecken (und weisser Umrandung); Einzelblüten und in endständiger Traube angeordnet 


Merkmale der Unterschiede / Verwechslung vom hochgiftigen Roten Fingerhut gegenüber dem essbaren Beinwell.

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