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Kleinblütige- und Grossblütige- Königskerze (Verbascum thapsus & densiflorum)

Familie: Braunwurzgewächse (Scrophulariaceae), Gattung: Königskerze (Verbascum)
"Die Pflanzen erreichen im Sommer imposante Wuchshöhen und haben schöne Blüten, die man für einen Tee nutzen kann. Von einem Verzehr der Blätter ist hingegen wegen den übel kratzenden Sternhaaren abzusehen. Ein Juwel ist die Wurzel, die im Grundrosetten-Stadium geerntet wird."
Bestimmung
Blattanordnung / Lebenszyklus: zweijährig; im 1. Jahr nur Grundrosette (welche die folgenden kalten Monate überwintert); ab Sommer des im 2. Jahres Bildung des Stängels mit wechselständigen Blättern und endständigem Blütenstand
Blätter: oval bis lanzettlich, 15 bis 50 cm lang (gegen oben am Stängel kleiner werdend), am Grund ausdünnend und in einem geflügelten Blattstiel den Stängel herablaufend; filzig behaart; graugrün
Kleinblütige-: Blattrand eher fein und meist undeutlich gekerbt
Grossblütige-: Blattrand eher grob gekerbt
Stängel: 0.3 bis 2 m hoch; geflügelt; mit Sternhaaren filzig behaart
Blüten: Einzelblüten in endständigen, dichten, ährenartigen Blütenständen angeordnet und dabei kurz gestielt; 5 gelbe rundliche Kronblätter, die innen punktiert sind; 5 grüne Kelchblätter; 5 Staubblätter (davon 2 lang), die dicht wollig behaart sind; 2 verwachsene (oberständige) Fruchtblätter; blüht Juni bis September
Kleinblütige-: Durchmesser der Einzelblüte 1-2cm
Grossblütige-: Durchmesser der Einzelblüte 3-4cm
Früchte: braune Kapselfrucht; ca. 300 Samen pro Kapsel, die lange keimfähig sind
Gefährliche Verwechslungen: Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) < mehr über die Unterscheidungsmerkmale weiter unten im Abschnitt "mögliche Verwechslungen"
Zeigerwerte: hell, nährstoffreich
Kleinblütige-: frisch, schwach sauer bis neutral
Grossblütige-: mässig trocken, neutral bis basisch
typische Standorte: Ruderalflächen, Unkrautfluren
Fotos

Grundrosette

Grundrosette

Stängelblätter

Stängelblätter (© encierro – stock.adobe.com)





Verwendung
wichtige Inhaltsstoffe: Schleimstoffe, Iridoide (u.a. Aucubin, Catalpol,…), Saponine, Flavonoide
mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten
Blätter (aromatisch-fruchtig, herb > mehr dazu): Tee Achtung: Die Blätter kratzen durch den Filz aus Sternhaaren ziemlich stark, weshalb diese nicht roh verzehrt werden können !
Blüten (leicht duftend, aromatisch > mehr dazu): essbare Dekoration (wegen den Sternhaaren ohne Kelchblätter verwenden!), Tee, Sirup, "Honig", Gelée,
Samen (nussig > mehr dazu): Streckmehl, Gewürz
Wurzeln (aromatisch, herb > mehr dazu) im Grundrosettenstadium ab Herbst des 1. Jahres: Wildgemüse

Verwendung in der Phytotherapie zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben: Für die phytotherapeutischen Anwendung macht man sich die enthaltenen Schleimstoffe zu Nutze. Diese wirken beruhigend auf Schleimhäute. Verwendet werden Teeauszüge aus den Blüten. HMPC fasst die Blüten von der Grossblütigen-, Kleinblütigen und der Windblumen-Königskerze als «Verbasci flos» zusammen. Für einen Tee werden 1-2g (2 bis 4 TL) getrockneter Blüten in 150ml heissem Wasser für 10 bis 15 min ausgezogen.
Entzündungen im Mund-/Rachenraum: Indem die Schleimstoffe auf den Schleimhäuten einen feucht-viskosen und schützenden Film bilden, führt das zu deren Beruhigung und so einer Linderung der Symptome. Dazu wird mehrmals pro Tag eine Tasse des Tees getrunken oder damit gegurgelt.
trockener Husten: Die beruhigende Wirkung auf die Schleimhäute im Rachen, sorgt auch für eine geringere Stimulation der dort befindlichen gereizten Nervenzellen, welche für den Hustenreiz verantwortlich sind. Damit kann die Hustenintensität bei trockenem Husten etwas gelindert werden und dies ohne die Nebenwirkungen von Codein. Dazu Dazu wird mehrmals pro Tag eine Tasse des Tees getrunken oder damit gegurgelt.
akute Bronchitis: Königskerzen gelten durch die enthaltenen Saponine auch als schwach schleimlösend. Allerdings wird diese Anwendung von HMPC, im Gegensatz zum trockenen Husten, nicht anerkannt. ESCOP wiederum erwähnt die Königskerze jedoch als «leichtes expektorans». Für die Anwendung werden mehrere Tassen des Tees über den Tag verteilt eingenommen.
Beschreibung
Die Kleinblütige- und die Grossblütige Königskerze haben mit einer Höhe von bis zu 2 Metern eine imposante Statur. Zusammen mit den gelben Blüten, die in einem endständigen, dichten Blütenstand angeordnet sind, fallen sie in den Sommermonaten ihres 2. (und letzten) Lebensjahres bereits von weit her ins Auge. Die beiden Arten besiedeln als Pionierpflanzen vor allem sonnige Ruderalflächen und sind deshalb auch stark der Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Um sich dabei vor UV-Licht, Überhitzung und hoher Verdunstungsrate zu schützen, sind Blätter und Stängel dicht behaart, u.a. auch mit Sternhaaren. Mit den am Stängel herablaufenden Blattstielen wird das Regenwasser effizient in den Boden geleitet (und später über die Wurzeln aufgenommen).
Im ersten Lebensjahr wird erst eine Grundrosette ausgetrieben, die typischerweise auch überwintert. Der Stängel mit den Blüten bildet sich erst Ende Frühling oder im Frühsommer des 2. Lebensjahres. Die Blüten bilden kein oder wenn, dann nur sehr wenig Nektar, resp. die Bestäuber (Wildbienen, Honigbienen, Hummeln, Käfer, Schwebfliegen) werden vor allem durch reichlich Pollen angelockt. Als Grund warum die Staubblätter wollig behaart sind, gibt es unterschiedliche Erklärungen, wie z.B. das Vortäuschen von massenhaft Pollen, die Bildung einer Leitlinie, welche die Insekten zum Zentrum der Blüten lockt, Dosierung der Pollen oder als Hilfe, wo sich die Insekten festkrallen können. Während der mehrmonatigen Blütezeit, die vom Sommer bis weit in den Herbst hinein dauert, wächst der Stängel kontinuierlich in die Höhe, unter ständiger Bildung neuer Blüten, während weiter unten am Stängel bereits die Kapselfrüchte heranreifen. Eine einzige Pflanze kann weit mehr als 100'000 Samen bilden. Die Samen sind allerdings mit 0.5 bis 1 mm Durchmesser sehr klein. Sobald diese reif sind, öffnen sich die Kapselfrüchte und die Samen fallen mit der Schwerkraft zu Boden oder sie werden mit dem Wind noch ein paar Meter fortgeweht. Sie haften sehr gut an andere Objekte und können deshalb vom Boden aus am Tierfell, Pfoten oder an Reifen / Schuhsohlen über grössere Distanzen sekundär weiterverbreitet werden. Die Samen sind Jahrzehnte lang keimfähig und keimen, sobald die Bedingungen an der Oberfläche optimal sind (z.B. nach Störung des Standortes).
Der Name «Königskerze» kommt daher, dass die imposanten Stängel früher (bereits in der Antike, aber auch im Mittelalter) in den Wachs getaucht worden sind, um sie dann als Fackeln zu verwenden. In Süddeutschland, Schweiz und Österreich wurden diese Fackeln teils auch an Allerseelen (2. November) rituell als «Totenfackeln» verbrannt. Die Verwendung der Königskerze bei Husten war bereits in der Antike gebräuchlich. Gleichzeitig wurde die Pflanze auch bei Verdauungsbeschwerden oder äusserlich zur Wund- und Hautbehandlung eingesetzt. Die Königskerze ist nicht nur eine Heilpflanze, sondern kann auch kulinarisch genutzt werden. So lässt sich aus den Blättern ein angenehm fruchtiger Tee machen. Direkt (z.B. im Salat) können die Blätter (und auch die Kelchblätter) jedoch nicht verwendet werden, da sie durch die Sternhaare übelst im Hals kratzen. Die Wurzeln sind vom Herbst des 1. Jahres bis Ende Frühling des 2. Jahres ein kalorienhaltiger Survivalfood. Allerdings sollte wegen dem hohen Saponin-Gehalt auf den Verzehr allzu hoher Mengen verzichtet werden. Da die Grundrosetten des 1. Jahres überwintern, sind die Wurzeln auch in den kalten Monaten gut auffindbar.
mögliche Verwechslungen
Dunkle Königskerze (Verbascum nigrum) – ungiftig/essbar, ähnliche Verwendung
Auch die Dunkle Königskerze ist eine Pionierpflanze, welche sonnige Ruderalflächen besiedelt, kommt aber auch im Halbschatten (Waldrand, neben Hecken / Gebüschen oder in Hochstaudenfluren) und mit feuchteren / humusreicherem Boden gut zurecht. Die Behaarung der Blätter und Stängel ist deutlich weniger dicht als bei der Kleinblütigen- oder Grossblütigen Königskerze. Auch die Dunkle Königskerze wird traditionell bei Husten verwendet, von HMPC oder ESCOP wurde sie bisher aber nicht bearbeitet.
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Grundblätter sehr gross; Blätter deutlich gekerbt, Blütendurchmesser 1.5 bis 2.5cm
Unterschiede (u.a.)
Blätter eilanzettlich und mit herzförmigem Grund; OS dunkelgrün; US graufilzig; untere Blätter lang gestielt; Blätter nicht herablaufend
Stängel stark kantig, nicht geflügelt; maximal 1 Meter hoch
Kronblätter innen rötlich; Staubfäden wollig violett behaart

Mehlige- / Lampen- Königskerze (Verbascum lychnitis) – ungiftig/essbar, ähnliche Verwendung
Die Lampen-Königskerze ist ein ausgesprochener Trockenspezialist. Sie besiedelt vor allem trockene und magere Böschungen an Südhängen, aber auch Fels-/Schuttfluren und Kalksteinhänge. Dabei findet man sie allerdings nur in tiefen Lagen. In der Schweiz findet man sie vor allem in Jura, in den Inneralpinen Trockentälern (Wallis, Churer Rheintal, Unterengadin) und im Tessin.
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Blätter länglich-eiförmig und am Grund ausdünnend; bis 30cm lang; am Rand gekerbt / stumpf gezähnt bis ganzrandig; mit Sternhaaren; Blatt-US weissfilzig
Stängel 50 bis 150cm hoch und oben verzweigt; dicht filzig behaart
Blüten kurz gestielt, Kronblätter gelb
ähnliche Standorte wie Grossblütige Königskerze
Unterschiede (u.a.)
Blatt-OS eher grün; nur leicht behaart bis kahl; Stängelblätter nicht herablaufend
Stängel nicht geflügelt
Blütenstand besteht jeweils 2-7 Einzelblüten und zweigt aus den Blattachseln ab; Einzelblüten mit kleinen (0.5 bis 1.5cm langen) Tragblättern; Blütendurchmesser 1 bis 2cm (wie Kleinblütige-); Kronblätter können auch weiss sein; alle Staubblätter sehen ungefähr gleich aus, sind weisswollig und haben eine kopfige Narbe

Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) – hochgiftig / tödlich >
Mehr zum Roten Fingerhut im Beitrag über den Beinwell unter "mögliche Verwechslungen"
Gemeinsamkeiten (u.a.)
Im 1. Jahr eine Grundrosette bildend, ab dem 2. Jahr auch mit wechselständigen Stängelblättern; Blätter in den geflügelten Stiel verschmälernd und behaart
Blätter eilanzettlich, am Grund in einen geflügelten Blattstiel übergehend (am Stängel herablaufend); runzliges Blattmuster; US graufilzig; Blattrand gekerbt
Unterschiede (u.a.)
Blätter spiralig um den Stängel angeordnet (jeweils jedes 6. Blatt liegt übereinander); Blattrand unregelmässig gekerbt; keine Sternhaare; Blattpreite verengt sich am Grund rascher
Blüten: unteres Kronblatt innen mit dunkelroten Flecken (und weisser Umrandung)


zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus
Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.
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