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Echte Heidelbeere (Vaccinium myrtillus)

Familie: Heidekrautgewächse (Ericaceae), Gattung: Heidelbeeren (Vaccinium)
"Das Sammeln von Heidelbeeren in den Alpen ist so etwas wie ein Volksport und zwar zurecht: Die Wildformen schmecken 1000x süsser und aromatischer als die faden Dinger aus dem Supermarkt!"
Bestimmungsmerkmale
Habitus: Zwergstrauch bis ca. 50cm Höhe
Blätter: wechselständig; eiförmig, 1-3 cm lang; fein gezähnt; kahl
Äste / Stängel: stark verzweigt; grün; kantig und geflügelt (mit einem «H»-Querschnitt); kahl; ältere Bereiche verholzt und braun
Blüten: einzeln und nickend aus den Blattachseln; 5 rote Kronblätter, die zu einem «Lapion» verwachsen sind; Zipfel am Ende zurückgeschlagen; blüht April bis Juni
Früchte: dunkelblaue (hellblau bereife), kugelige Beeren; 5 bis 8 mm breit; am Ende mit ringartiger Vertiefung; Fruchtfleisch und beim Zerdrücken austretender Fruchtsaft dunkel
Zeigerwerte: schattig, mässig feucht (Feuchtigkeit stark wechselnd), nährstoffarm, stark sauer
typische Standorte: lichte Nadelwälder, Berg-Nadelwälder, Zwergstrauchheiden, Moorränder, Heiden
gefährliche Verwechslungen: Rauschbeere (Vaccinium uliginosum) < mehr zur Rauschbeere und den Unterscheidungsmerkmalen siehe weiter unten bei ""mögliche Verwechslungen"
Fotos


grün und geflügelt

©adamikarl – stock.adobe.com

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Verwendung
wichtige Inhaltsstoffe: Gerbstoffe, in den Früchten zusätzlich Anthocyane
mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten
Blätter: Tee; getrocknet und feingehackt als Streckmehl
Früchte: leckere Nascherei direkt vor Ort, Konfitüre (Früchte direkt und nicht das Mus verwenden > Beeren zerdrücken und ca. 5min mit etwas Wasser weichkochen > weiche Beeren mit Zucker, d.h. pro Kg Beeren ca. 500 bis 700g, und etwas Zitronensaft einkochen), Fruchtsaft, Sirup Tee (am besten aus den getrockneten Beeren), Smoothie, Likör, Beigabe in Müesli, Salat, Joghurts…, Beigabe in diversen Desserts (Kuchen, Torten, usw.)
Verwendung in der Phytotherapie zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben: Durch den hohen Gerbstoffgehalt (v.a. Catechingerbstoffe) eignen sich Blätter und Früchte der Heidelbeere für typische Gerbstoff-Heilanwendungen. Für einen Tee aus den Früchten werden 2 TL zerstossene und getrocknete Früchte in 150ml Wasser aufgekocht und anschliessend 10 bis 15 min ausgezogen.
Wunden (Blutstillung und Desinfektion): Dafür eignen sich Umschläge aus dem Heidelbeer-Teeauszug
Hautentzündungen / Neurodermitis (nasses Ekzem): Umschläge aus dem Heidelbeer-Teeauszug. Die Umschläge werden ca. 3x am Tag für 1-2h aufgelegt und sind dabei alle 10-20min zu erneuern (sobald sie warm und trocken sind). In der Zeit zwischen den Umschlägen werden feuchte Kompressen aufgelegt (resp. locker angebracht). Die Therapie darf jeweils nicht länger als 2-3 Wochen angewendet werden ist. Es ist auch eine Behandlung mittels Hand-, Fuss-, Sitz- oder Vollbäder möglich.
Entzündungen im Mund-Rachenraum: Mehrmals täglich einen Heidelbeer-Aufguss gurgeln. Für den Aufguss werden 2 bis 3 EL Früchte in 500ml Wasser aufgekocht und danach für 3min ausgekocht und schliesslich im Verhältnis 1:10 verdünnt.
Durchfall: Mehrere Tassen des Heidelbeer-Tees (bis 6x am Tag) über den Tag verteilt trinken.
Beschreibung
Egal ob bei einer Wanderung oder beim Urlaub in den Bergen resp. Skandinavien: Das Sammeln und Naschen von Heidelbeeren ist so etwas wie ein Volkssport. Diese wilden Heidelbeeren sind aromatisch und süss im Geschmack und nicht vergleichbar mit den faden Heidelbeeren aus dem Supermarkt, bei denen es sich um Züchtungen der Amerikanischen Heidelbeere handelt. Diese können u.a. daran erkannt werden, dass nebst der deutlich niedrigeren Geschmacksqualität auch deren Fruchtfleisch nicht dunkel, sondern hell ausgebildet ist. Der Grund, dass nicht die Echte Heidelbeere in den Supermärkten verkauft wird, liegt darin, dass die Amerikanische sich deutlich leichter in Plantagen kultivieren lässt, hohe Erträge liefert und mechanisch geerntet werden kann. Eine Kultivierung der Echten Heidelbeere wäre aufgrund der Abhängigkeit von Mykorrhiza-Pilzen, resp. der benötigten Handernte nicht wirtschaftlich, resp. Versuche in der Vergangenheit sind an der mangelnden Rentabilität gescheitert. Die Amerikanische Heidelbeere ist ausserdem dank der dicken Epidermis und einem Wachsfilm an der Oberfläche deutlich lagerfähiger.
Die Echte Heidelbeere ist in Eurasien weit verbreitet, und zwar von Nordeuropa, den Mitteleuropäischen Mittel- bis Hochgebirgen über Sibirien, den Gebirgen Japans und Nordchinas bis Alaska / Yukon. Die Heidelbeere tritt typischerweise dort auf, wo der Boden feucht, sauer und nährstoffarm ist. In der Schweiz ist sie häufig in den Alpen in Nadelwäldern zu finden, oft mit massenhaften Vorkommen. Der Nadelstreu der Nadelbäume und das in den Alpen kühle, oft auch nasse Klima sorgen dabei für den benötigten sauren-nährstoffarmen Boden. In den naturnahen Berg-Nadelwäldern ist meist auch genug Restlicht am Bodenvorhanden. In dichten Monokulturen vom Flachland oder auch bei starker Konkurrenz mit Farnen, fehlt der Heidelbeere hingegen das Licht. Je besser die Lichtverhältnisse, desto mehr Blüten und Früchte werden gebildet und desto mehr Zucker ist enthalten. Zum Sammeln eignen sich deshalb v.a. lichte Wälder.
Im Gebirge ist die Heidelbeere auch ein wichtiger Bestandteil von Zwergstrauchheiden über der Waldgrenze. Zwergstrauchheiden sind Lebensräume, die von niederwüchsigen Zwergsträuchern dominiert werden und kommen natürlicherweise über der Waldgrenze, resp. auch weit über der Krummholzzone, bis auf (je nach Lage) ca. 2'500 bis 2'800 m ü. M. vor. Zwergstrauchheiden sind aber auch unter der Waldgrenze Teil der Übergangsvegetation, die sich nach Ereignissen wie Lawinen, Bränden, usw. bildet, ehe später die Wiederbewaldung einsetzt. Man findet Zwergstrauchheiden aber auch künstlich an Orten, wo der Berg-Nadelwald durch Rodungen, Waldweide, etc. künstlich aufgelichtet wurde. Durch die Alpwirtschaft wird die Heidelbeeren zwar durch den hohen Gerbstoffgehalt (und dem niedrigen Energiegehalt) zwar selten verbissen, doch Triebe werden rasch durch Tritte beschädigt und der Boden mit Nährstoffen angereichert (wodurch Gräser konkurrenzstärker werden). Intensiver Beweidung führt damit zum Verwinden der Zwergstrauchheiden.

Über Kalkgestein (wo sich nicht saure, sondern basische Böden ausbilden) wächst die Heidelbeere nur an Standorten, wo der Kalkanteil bereits vollständig aus dem Boden herausgelöst wurde oder sich über dem kalkhaltigen Oberboden eine dichte Rohhumus-Schicht bildet. Dies ist vor allem in kühlen-niederschlagsreichen Gebieten (wie z.B. Voralpen) in Muldenlagen oder unter Nadelbäumen der Fall. Teils findet man Heidelbeeren auch im Mittelland oder Jura über Untergrund aus kalkarmem Sandstein oder Nagelfluh, resp. im Randbereich von Mooren. Ein weiterer Lebensraum, v.a. in Norddeutschland sind auch Heidelandschaften (wie z.B. die Lüneburger Heide).
Durch den Lebensraum in nährstoffarmen Boden, braucht die Heidelbeere die Symbiose mit Mykorrhiza-Pilzen zwingend, resp. ohne ist sie nicht überlebensfähig. Die Pilze können nämlich durch eine Art «äussere Verdauung» auch Nährstoffe erschliessen, die noch in den organischen Molekülen des Humus (z.B. Eiweissen) gebunden sind. Der Pilz stellt dann den Wurzeln der Heidelbeere diese so erschlossenen Nährstoffe zur Verfügung und kriegt im Austausch dafür Zucker.
Die Blüten bilden am Blütengrund Nektar. Der Pollen können aus den Staubbeuteln durch geeignete Vibration herausgeschleudert werden, diese durch den Besuch von Hummeln entstehen. Durch die nickende Haltung der Blüten erfolgt der Besuch der Hummeln von unten her, was sicherstellt, dass die Tiere eine Pollen-Dusche bekommen, d.h. der Pollen sich auf Brust und Bauch der Tiere ablagern kann. Dort wird der Pollen bei der nächsten Blüte an der leicht hervortretenden Narbe abgestreift. Die nickende Haltung der Blüten ist ausserdem auch ein Schutz vor Auswaschung durch Regen und Tau.
Die Verbreitung der Samen erfolgt hauptsächlich durch den Verzehr der Beeren durch Vögel, welche den Samen im Anschluss an anderer Stelle unverdaut mit dem Kot wieder ausscheiden. Heidelbeeren sind auch eine wichtige Nahrungsquelle für Fuchs, Dachs oder Bären, wo die Samen in der Regel (je nach Tierart) nach dem Ausscheiden ebenfalls keimfähig bleiben. Die Beeren sind ca. ab Juli/August reif und werden dann im Herbst von den Tieren abgefressen. Teils können auch einzelne Beeren unter der Schneedecke überwintern, die dann im nächsten Frühjahr abgeerntet werden.
mögliche Verwechslungen
Rauschbeere (Vaccinium uliginosum) – teilweise «giftig!»
Die Rauschbeere ist ebenfalls ein Zwergstrauch, der mit blauen Beeren bestückt ist. Sie Art kommt sehr oft zusammen mit der Heidelbeere vor, resp. man findet dann meist beide Arten ineinander verwachsen. Nicht zuletzt ist deshalb bei nichtahnenden Heidelbeer-Sammlern von einer grossen Dunkelziffer in der Verwechslung auszugehen. Die Rauschbeeren können gewissen Berichten zufolge nach beim Verzehr teils „rauschartige Zustände“ hervorrufen, wie z.B. Schwindel, Übelkeit, Benommenheit, usw. Gleichzeitig ist die Giftigkeit der Rauschbeere aber auch umstritten, denn man findet bei chemischen Analysen darin keine Giftstoffe. Weiter werden die Beeren in Skandinavien, Sibirien oder auch von den Ureinwohnern Nordamerikas und Grönlands sogar traditionell kulinarisch genutzt und werden dabei auch roh verzehrt. Man vermutet eher, dass Vergiftungen von toxischen Stoffwechselprodukten von Pilzen (genauer gesagt der Art „Monilinia megalospora“) auf faulenden Früchten hervorgerufen werden. Deshalb ist es wichtig bei einem allfälligen Verzehr von Rauschbeeren keine fauligen oder überreife Beeren essen, resp. diese nicht zu lange zu lagern!
Gemeinsamkeiten (u.a.)
ähnliche Erscheinung, insbesondere Farbe der Beeren
ähnliche Standorte, oft zusammen (nebeneinander oder ineinander verwachsen) auftretend
Unterschiede (u.a.)
Blätter blaugrün, ganzrandig, verkehrt-eiförmig und mit runzeligem Muster
Stängel rund und braun
Blüten glockenförmig; Krone weiss (bis rosa)
Beeren leicht länglich, Vertiefung am Ende sternförmig; Fruchtfleisch hell

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