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Gemeine Wegwarte / Zichorie (Cichorium intybus)

Familie: Korbblütler (Asteraceae), Gattung: Wegwarte (Cichorium)
"nicht nur optisch dem Löwenzahn ähnlich, sondern auch in der kulinarischen und heiltechnischen Verwendung der Blätter und Wurzeln"
Bestimmung
Blätter: Grundrosette und wechselständige Stängelblätter; lanzettlich; unten dicht borstig behaart (v.a. am Mittelnerv); Mittelnerv innen fleischig (nicht hohl) und oft rötlich überlaufen
Blätter der Grundrosette / untere Stängelblätter: ca. 8 bis 25cm lang (nach oben am Stängel kleiner werdend); Blattrand «Löwenzahn-ähnlich» (schrottsägenförmig); am Grund verschmälernd; Endabschnitt etwas grösser
obere Stängelblätter: umfassend; schmal-lanzettlich, 3 bis 8 cm lang; je weiter oben am Stängel, desto zunehmend weniger tief eingeschnitten bis ganzrandig
Stängel: 20 bis 120 cm hoch; stark verästelt, kantig; behaart; im Innern mit Milchsaft
Blüten: viele Blütenkörbe aus den Blattachseln der oberen Stängelbereiche; Durchmesser der Blütenkörbe ca. 3 bis 5 cm; mit wenigen (in 2 Reihen angeordneten) hellblauen / violettblauen Zungenblüten, die am Ende in 5 Zipfel enden; keine Röhrenblüten (typisch für Unterfamilie Chichorioideae); Staubblattring und Narbe sehr gross; Hüllblätter ebenfalls in 2 Reihen angeordnet und drüsig behaart; blüht Juni bis September
Früchte: Achäne (ca. 2mm lang) mit sehr kurzem Pappus (eher «Schüppchen»)
Zeigerwerte: hell, frisch (Feuchtigkeit mässig wechselnd); mässig nährstoffarm bis mässig nährstoffreich, neutral bis basisch
typische Standorte: Ruderalflächen, ruderale Wegränder
Fotos


v.a. am Mittelnerv borstig behaart



umfassend und zunehmend kleiner, schmaler und weniger tief eingeschnitten



...sind sehr gross ausgebildet

Verwendung
wichtige Inhaltsstoffe: Bitterstoffe (v.a. Sesquiterpenlactone), Flavonoide, Inulin (Wurzel)
mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten
junge Blätter (sehr bitter > mehr dazu): Ganz frisch ausgetriebene Blätter können für einen Salat verwendet werden. Nach ein paar Wochen sind sie bereits sehr bitter, so dass sie bei Bedarf vor der Verwendung ca. 1 bis 2h in lauwarmem (Salz-)wasser gewässert werden. Sie sind auch als Gemüsebeigabe oder für Suppen geeignet.
Blütenknospen (aromatisch, herb > mehr dazu): Die Blütenknospen können als Wildgemüse leicht angedünstet werden, sind jedoch kleinerer und bitterer als beim Löwenzahn. Möglich sind auch Essig eingelegte "Falsche Kapern".
Blüten: Duften leider nicht so honigartig-süsslich wie beim Löwenzahn, d.h. statt für Sirup sind sie (einzeln vom Hüllkelch ausgezupft) eher als essbare Dekoration geeignet.
Wurzeln (sehr bitter > mehr dazu): Sind leider zu hart / verholzt, um sie wie beim Löwenzahn als Wildgemüse zu verwenden (ausser man hat Glück und trifft ein junges Exemplar von Herbst des 1. Jahres bis zum Frühling des 2. Jahres an). Eine reine Grundrosette bei der Wegwarte als mehrjährige Art (im Gegensatz zu 2-jährigen Arten wie der Wilden Möhre) kein eindeutiger Indikator für unverholzte Wurzeln.
Getrocknet, vermahlt und geröstet kann jedoch auch aus harten, verholzten Wurzeln ein Wurzelkaffee hergestellt werden. Da man Wegwarten-Rosetten oft auch im Winter vorfindet, sind deren Standorte dann auch gut auffindbar.
Verwendung in der Phytotherapie zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben: Die Wurzeln können gemäss HMPC bei allgemeinen Verdauungsbeschwerden verwendet werden, wo die Anwendung zur Linderung von Symptomen, die mit milden Verdauungsproblemen in Verbindung stehen, wie Völlegefühl, Blähungen, langsame Verdauung oder Appetitlosigkeit als «traditional use» anerkannt wird. Für eine Tasse Tee werden 2 bis 4 g (1 bis 2 TL) der getrockneten Wurzeln in 250ml kochend-heissem Wasser ausgezogen (oder als Dekokt ausgekocht), mit Anwendung 1x täglich.
Beschreibung
Die Wegwarte ist mit ihren hell- bis violettblauen Blütenkörben im Sommer und bis in den Frühherbst hinein eine wahre Augenweide. Es handelt sich um eine mehrjährige Pflanze, die als Grundrosette austreibt. In dieser Zeit speichert die Pflanze viele Reservestoffe in die tiefe, kräftige Pfahlwurzel. In milden Wintern findet vielfach eine Überwinterung der Grundrosetten statt, während in eher strengen Winter die meisten davon absterben. Im Frühling treiben diese dann aber wieder neu aus und im Sommer darauf bilden sich dann die Stängel mit den vielen Blütenkörben.
Die einzelnen Blütenkörbe sind jeweils nur ca. einen Vormittag lang geöffnet, eher sie am Mittag bereits wieder verblüht sind (bei kühlen oder bewölktem Wetter bleiben sie auch länger geöffnet). Dabei treiben über den Spätsommer bis Frühherbst aber immer wieder neue Blütenkörbe aus. Die Befruchtung erfolgt durch Wildbienen und Schwebfliegen, welche sich u.a. von der Optik (starke Reflektion im UV-Bereich) und dem bereitgestellten Nektar angezogen fühlen. Selbstbestäubung ist nicht möglich. Die reifen Früchte fallen einfach mit der Schwerkraft zu Boden, können aber auch durch Anhaftung an Pfoten, Tierfell, Schuhsohlen oder Reifen, bzw. Regenwasser über grössere Distanzen sekundär weiterverbreitet werden. Als mehrjährige Art sterben die Exemplare nach der Fruchtreife nicht ab, sondern sie ziehen sich einfach in die Wurzeln zurück und treiben im Herbst oder im nächsten Frühling wieder neu als Grundrosette aus.
Die Wegwarte ist eine ausgeprägte Ruderalpflanze, die sich v.a. an sonnigen Standorten mit gestörtem Bodenaufbau und die periodisch austrocknen, wohl fühlt. Man findet sie deshalb oft an Bahndämmen, Bahnaeralen, auf Schuttplätzen, an Strassenrändern, in Industriebrachen oder entlang von ruderalen Wegrändern. Mit periodischen (nicht jedoch konstanten) Trockenphasen kann die Art gut umgehen, indem Ausläufer der Wurzeln bis fast 3 Meter tief in den Boden reichen können und so tiefere (nicht so stark ausgetrocknete) Schichten erschliessen können. Im Grundrosettenstadium ist die Art bis zu einem gewissen Grad trittfest. Sobald aber die Stängel ausgetrieben sind, wird sie trittempfindlicher. Bei starker Trittbelastung oder wenn die Ruderalstandorte von höher wachsenden Pflanzen eigenommen werden, dann verschwindet die Wegwarte.
Ähnlich wie der ebenfalls bittere Löwenzahn, galt auch die Wurzel der Wegwarte früher als Bitterstoffdroge, die bei Appetitlosigkeit, Völlegefühl, usw. genutzt wurde. Die Blätter wurden in der Antike und im Mittelalter ausserdem auch als Wildgemüse genutzt. Die Blätter sind sehr bitter und werden, um sie als Wildgemüse oder im Salat zu nutzen, am besten vorgängig 1-2 Stunden im lauwarmen Salzwasser gewässert. Wegwarten haben noch heute einen grossen kulinarischen Stellenwert: Denn die Art ist die Stammform diverser gezüchteten Salatsorten, wie Chichorée, Endivien, Zuckerhut, Radiccio, etc. (Kopfsalat, Eisbergsalat und co. stammen hingegen vom Kompass-Lattich). Diese genannte Salatsorten sind jeweils neueren Datums und tauchten v.a. ab dem 19. Jahrhundert auf (Vorläufer davon bereits im Spätmittelalter).
Ebenfalls eine Züchtung der Neuzeit ist die Wurzelzichorie mit ihren besonders ergiebigen Wurzeln. Diese wurden vermahlen und geröstet zum Strecken von Kaffee oder als billigerer heimischer Kaffeeersatz genutzt. Der Kaffee-ähnliche Geschmack entsteht beim Rösten durch eine Reaktion des Inulins und den ebenfalls in den Wurzeln enthaltenen Proteinen zu Karamell- und Röstaromen. Vorläufer von Kaffee-ähnlichen Produkten aus gerösteten Pflanzenteilen sollen bereits im alten Ägypten genutzt wurden sein. Christian von Heine und Gottlieb Förster aus dem 18. Jahrhundert gelten als Erfinder des modernen Zichorienkaffees und waren zugleich die ersten wichtigen industriellen Produzenten. Die Wurzeln wurden landwirtschaftlich angebaut und jeweils im Herbst des 1. Jahres geerntet. Die Produktion zum Zichorienkaffee erfolgte dann in den sogenannten «Zichorienfabriken», wo im 18. Jahrhundert v.a. Braunschweig das Zentrum der Herstellung war. Das Ganze war durch den damaligen König von Preussen staatlich gefördert, bzw. eine Reaktion auf das Verbot des Importes und Handels mit Bohnenkaffee (um «Trump-like» die Aussenhandelsbilanz zu verbessern). Als dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts Napoleon die Einfuhr von britischen Waren bzw. von Waren über britischen Schifftransport verbot (darunter gehörte auch der erhebliche Teil des Bohnenkaffees aus den Überseegebieten), gab dies dem Zichorienkaffee nochmals einen entscheidenden Boom, dessen Produktion und Nutzung sich nun auch in Frankreich und den Beneluxländern stark verbreitete. Nebst dem Zichorienkaffee gab es auch andere Kaffee-Alternativen, wie z.B. Malzkaffee oder Getreidekaffee. Sie alle (bzw. Mischungen davon oder auch mit Kaffeealternativen gestreckter Bohnenkaffee) werden teils unter dem Begriff «Muckefuck» zusammengefasst.
mögliche Verwechslungen
Es gibt in Europa keine Art mit Löwenzahn-ähnlichen Blättern, die gifitg wäre. Eine Verwechslung ist am ehesten bei den Wegwarten-Grundrosetten mit dem Löwenzahn möglich. Beim Löwenzahn sind die Blätter aber kahl bis höchstens leicht behaart (Wegwarte rau behaart) und der Mittelnerv ist innen hohl (bei der Wegwarte fleischig).

zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus
Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.
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