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das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

Gemeine Wegwarte / Zichorie (Cichorium intybus)

Illustration der Gemeinen Wegwarte (Cichorium intybus). Die Bestimmungsmerkmale sind graphisch übersichtlich darübergezeichnet. Das Bild ist gut für die Bestimmung der Art geeignet. Begriffe sind u.a.: Blätter schrottsägenförmig und in Grundrosette angeordnet, grösserer Endabschnitt, Mittelnerv innen fleischig, Stängelblätter kleiner, umfassend und zunehmend ganzrandiger, Blütenkorb hellblau, usw.

Seite erstellt von David Büsser - Wildkräuterexperte

Familie: Korbblütler (Asteraceae), Gattung: Wegwarte (Cichorium)

"nicht nur optisch dem Löwenzahn ähnlich, sondern auch in der kulinarischen und heiltechnischen Verwendung von Blätter und Wurzeln"

 

Bestimmungsmerkmale und Lebensraum

> wie bestimme / erkenne ich die Wegwarte und wo kommt sie vor?


Blätter: Grundrosette und wechselständige Stängelblätter; lanzettlich; unten dicht borstig behaart (v.a. am Mittelnerv); Mittelnerv innen fleischig (nicht hohl) und oft rötlich überlaufen

  • Blätter der Grundrosette / untere Stängelblätter: ca. 8 bis 25cm lang (nach oben am Stängel kleiner werdend); Blattrand «Löwenzahn-ähnlich» (schrottsägenförmig); am Grund verschmälernd; Endabschnitt etwas grösser

  • obere Stängelblätter: umfassend; schmal-lanzettlich, 3 bis 8 cm lang; je weiter oben am Stängel, desto zunehmend weniger tief am Rand eingeschnitten bis ganzrandig


Stängel: 20 bis 120 cm hoch; stark verästelt, kantig; behaart; im Innern mit Milchsaft


Blüten: viele Blütenkörbe aus den Blattachseln der oberen Stängelbereiche; Durchmesser der Blütenkörbe ca. 3 bis 5 cm; mit wenigen (in 2 Reihen angeordneten) hellblauen / violettblauen Zungenblüten, die am Ende in 5 Zipfel enden; keine Röhrenblüten (typisch für Unterfamilie Chichorioideae); Staubblattring und Narbe sehr gross; Hüllblätter ebenfalls in 2 Reihen angeordnet und drüsig behaart; blüht Juni bis September


Früchte: Achäne (ca. 2mm lang) mit sehr kurzem Pappus (eher «Schüppchen»)


Zeigerwerte: hell, frisch (Feuchtigkeit mässig wechselnd); mässig nährstoffarm bis mässig nährstoffreich, neutral bis basisch


typische Standorte: Ruderalflächen, ruderale Wegränder

Fotos

Verwendung​

> Wegwarte in der Wildkräuterküche und als Heilpflanze verwenden


wichtige Inhaltsstoffe: Bitterstoffe (v.a. Sesquiterpenlactone), Flavonoide, Inulin (Wurzel)


Giftigkeit: Die Wegwarte ist ungiftig / problemlos essbar.


Kulinarische Verwendung der Wegwarte

zu den Grundrezepten


  • junge Blätter (sehr bitter > mehr dazu): Ganz frisch ausgetriebene Blätter können bzw. im Salat verwendet werden. Nach ein paar Wochen sind sie bereits sehr bitter, so dass sie bei Bedarf vor der Verwendung ca. 1 bis 2h in lauwarmem (Salz-)wasser gewässert werden. Sie sind auch als Gemüsebeigabe oder für Suppen geeignet.


  • Blütenknospen (aromatisch, herb > mehr dazu): Die Blütenknospen können als Wildgemüse leicht angedünstet werden, sind jedoch kleiner und bitterer als beim Löwenzahn. Möglich sind auch in Essig eingelegte "Falsche Kapern".


  • Blüten: Duften leider nicht so honigartig-süsslich wie beim Löwenzahn, d.h. statt für Sirup sind sie (einzeln vom Hüllkelch ausgezupft) eher als essbare Dekoration geeignet.


  • Wurzeln (sehr bitter > mehr dazu): Sind leider zu hart / verholzt, um sie (wie die Wurzeln des Löwenzahns) als Wildgemüse zu verwenden (ausser man hat Glück und trifft per Zufall auf ein junges Exemplar, welches sich zwischen dem Herbst des 1. Jahres bis zum Frühling des 2. Jahres befindet). Eine Grundrosette ist bei der Wegwarte (als mehrjährige Art, im Gegensatz zu 2-jährigen Arten wie der Wilden Möhre) kein eindeutiger Indikator für unverholzte Wurzeln. Getrocknet, vermahlt und geröstet kann man jedoch aus harten, verholzten Wurzeln ein Wurzelkaffee herstellen. Da man Wegwarten-Rosetten oft auch im Winter vorfindet, sind deren Standorte dann auch gut auffindbar.



Wegwarte als Heilpflanze / Heilwirkung der Wegwarte / Verwendung in der evidenzbasierten Phytotherapie 

zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben


Die Wurzeln können gemäss HMPC bei allgemeinen Verdauungsbeschwerden verwendet werden, wo die Anwendung zur Linderung von Symptomen, die mit milden Verdauungsproblemen in Verbindung stehen, wie Völlegefühl, Blähungen, langsame Verdauung oder Appetitlosigkeit als «traditional use» anerkannt wird. Für eine Tasse Tee werden 2 bis 4 g (1 bis 2 TL) der getrockneten Wurzeln in 250ml kochend-heissem Wasser ausgezogen (oder als Dekokt ausgekocht), mit Anwendung 1x täglich.

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Sammelkalender​


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Spannendes über die Art



Jahres- und Lebenszyklus der Wegwarte


Die Wegwarte ist (mit ihren hell- bis violett-blauen Blütenkörben) im Sommer und bis in den Frühherbst hinein eine wahre Augenweide. Es handelt sich um eine mehrjährige Pflanze, die als Grundrosette austreibt. In diesem Grundrosetten-Stadium speichert die Pflanze viele Reservestoffe in die tiefe, kräftige Pfahlwurzel. In milden Wintern findet vielfach eine Überwinterung der Grundrosetten statt, während in eher strengen Winter die meisten davon absterben. Im Frühling treiben diese dann aber wieder neu aus und im Sommer darauf bilden sich dann die Stängel mit den vielen Blütenkörben.


Die einzelnen Blütenkörbe sind jeweils nur ca. einen Vormittag lang geöffnet, ehe sie am Mittag bereits wieder verblüht sind (bei kühlem oder bewölktem Wetter bleiben sie auch länger geöffnet). Dabei treiben während der Blütezeit von Spätsommer bis Frühherbst aber immer wieder neue Blütenkörbe aus. Die Bestäubung erfolgt durch Wildbienen und Schwebfliegen, welche sich u.a. von der Optik (starke Reflexion im UV-Bereich) und dem bereitgestellten Nektar angezogen fühlen. Selbstbestäubung ist nicht möglich.


Die reifen Früchte fallen einfach mit der Schwerkraft zu Boden, können aber auch durch Anhaftung an Pfoten, Tierfell, Schuhsohlen oder Reifen, bzw. Regenwasser über grössere Distanzen sekundär weiterverbreitet werden. Als mehrjährige Art sterben die Exemplare nach der Fruchtreife nicht ab, sondern sie ziehen sich einfach wieder in die Wurzeln zurück und treiben dann im Herbst oder im nächsten Frühling wieder neu als Grundrosette aus.


Lebensraum der Wegwarte


Die Wegwarte ist eine ausgeprägte Ruderalpflanze, die sich v.a. an sonnigen Standorten mit gestörtem Bodenaufbau wohl fühlt, die periodisch Austrocknen. Man findet die Art deshalb oft an Bahndämmen, Bahnarealen, auf Schuttplätzen, an Strassenrändern, in Industriebrachen, entlang von ruderalen Wegrändern oder in der Mitte von Kiessträsschen.


Mit periodischen (nicht jedoch konstanten) Trockenphasen kann die Wegwarte gut umgehen, indem Ausläufer der Wurzeln bis fast 3 Meter tief in den Boden reichen und so tiefere (nicht so stark ausgetrocknete) Schichten erschliessen können. Im Grundrosetten-Stadium ist die Art bis zu einem gewissen Grad trittfest. Sobald aber die Stängel ausgetrieben sind, wird sie trittempfindlicher. Bei starker Trittbelastung oder wenn die Ruderalstandorte von höher wachsenden Pflanzen eigenommen werden, dann verschwindet die Wegwarte.


Nutzung der Wegwarte als traditionelles Wildgemüse


Ähnlich wie der ebenfalls bittere Löwenzahn, galt auch die Wurzel der Wegwarte früher als Bitterstoffdroge, die bei Appetitlosigkeit, Völlegefühl, usw. genutzt wurde. Die Blätter wurden in der Antike und im Mittelalter ausserdem auch als Wildgemüse genutzt. Die Blätter sind sehr bitter und werden, um sie als Wildgemüse oder im Salat zu nutzen, am besten vorgängig 1-2 Stunden im lauwarmen Salzwasser gewässert.


Die Wegwarte ist die Wildform von Salatsorten wie Chichorée, Endivien, Zuckerhut und co.


Wegwarten haben noch heute einen grossen kulinarischen Stellenwert: Denn die Art ist die Stammform diverser gezüchteten Salatsorten, wie Chichorée, Endivien, Zuckerhut, Radiccio, etc. (Kopfsalat, Eisbergsalat und co. stammen hingegen vom Kompass-Lattich). Die genannten Salatsorten sind jeweils Züchtungen neueren Datums und tauchten v.a. ab dem 19. Jahrhundert auf (Vorläufer davon bereits im Spätmittelalter).


Kaffee-Ersatz aus den Wurzeln der Wegwarte

war früher auch Teil eines Wirtschaftskrieges


Ebenfalls eine Züchtung der Neuzeit ist die Wurzelzichorie mit ihren besonders ergiebigen Wurzeln. Diese wurden vermahlen und geröstet zum Strecken von Kaffee oder als billigerer heimischer Kaffeeersatz genutzt. Der Kaffee-ähnliche Geschmack entsteht beim Rösten durch eine Reaktion des enthaltenen Inulins und den ebenfalls in den Wurzeln enthaltenen Proteinen zu Karamell- und Röstaromen.


Vorläufer von Kaffee-ähnlichen Produkten aus gerösteten Pflanzenteilen sollen bereits im alten Ägypten genutzt wurden sein. Christian von Heine und Gottlieb Förster aus dem 18. Jahrhundert gelten als Erfinder des modernen Zichorienkaffees und waren zugleich die ersten wichtigen industriellen Produzenten. Die Wurzeln wurden landwirtschaftlich angebaut und jeweils im Herbst des 1. Jahres geerntet. Die Produktion zum Zichorienkaffee erfolgte dann in den sogenannten «Zichorienfabriken», wo im 18. Jahrhundert v.a. Braunschweig das Zentrum der Herstellung war.


Das Ganze wurde durch den damaligen König von Preussen staatlich gefördert und zwar im Rahmen eines Import- und Handelverbotes von Bohnenkaffee (um «Trump-like» die Aussenhandelsbilanz zu verbessern). Als dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts Napoleon die Einfuhr von britischen Waren bzw. von Waren über britischen Schifftransport verbot (darunter gehörte auch der erhebliche Teil des Bohnenkaffees aus den Überseegebieten), gab dies dem Zichorienkaffee nochmals einen entscheidenden Boom, dessen Produktion und Nutzung sich nun auch in Frankreich und den Beneluxländern stark verbreitete.


Nebst dem Zichorienkaffee gab es auch andere Kaffee-Alternativen, wie z.B. Malzkaffee oder Getreidekaffee. Sie alle (bzw. Mischungen davon oder auch mit Kaffeealternativen gestreckter Bohnenkaffee) werden teils unter dem Begriff «Muckefuck» zusammengefasst.

 

mögliche Verwechslungen

Es gibt in Europa keine Art mit Löwenzahn-ähnlichen Blättern, die giftig wäre. Eine Verwechslung ist bei den Wegwarten-Grundrosetten am ehesten mit dem Löwenzahn möglich. Beim Löwenzahn sind die Blätter aber kahl bis höchstens leicht behaart (Wegwarte rau behaart) und der Mittelnerv ist innen hohl (bei der Wegwarte fleischig).



zum Autor vom Phytikon: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Dabei gebe ich mein Wissen auch in Kursen weiter. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus.

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Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.

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Verwendung Kulinarik und Phytotherapie
Beschreibung
mögliche Verwechlungen
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