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das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

Gemeiner Frauenmantel (Alchemilla vulgaris aggr.)
Illustration des Gemeinen Frauenmantels (Alchemilla vulgaris) für die Bestimmung der Art. Graphisch sehr übersichtlich sind Bestimmungsmerkmalen darübergezeichnet. Das Bild ist gut für die Bestimmung der Art geeignet. Begriffe sind u.a. Blätter rund und gelappt, Lappen rund und gesägt, Blüten klein und unscheinbar

Familie: Rosengewächse (Rosaceae), Gattung: Frauenmantel (Alchemilla)

"Das Kraut wurde vor allem im New Age des 20. Jahrhundert extrem mystisch aufgeladen. In der evidenzbasierten Phytotherapie müssen gewisse Heilangaben sehr kritisch betrachtet werden."

 

Bestimmung

Blattanordnung: Grundrosette und wechselständige Stängelblätter


Blätter:  rund; handförmig-gelappt, 5-11 Lappen; Lappen 3-eckig bis halbkreisförmig und gesägt; kahl bis behaart

  • Grundblätter: lang gestielt, Blattstiel abstehend behaart; 5-12cm Durchmesser

  • Stängelblätter: sitzend bis umfassend; weniger dicht behaart als untere Blätter; 3-5 cm Durchmesser


Stängel:  30 bis 60 cm hoch; aufrecht; behaart


Blüten: in endständigen dichten Blütenständen angeordnet; Einzelblüten unscheinbar, gelbgrün, ohne Kronblätter, 4-5 spitze Kelchblätter, inkl. Aussenkelch; Blütenstiele kahl; blüht Mai bis September


Früchte: Nussfrüchte, die in den Kelch eingehüllt sind


typische Standorte: feuchte bis nasse Wiesen, nasse Ruderalflächen, Gebirgsrase, Ufer (vom Tiefland bis auf 3'000 m ü. M.)

Fotos

Verwendung

wichtige Inhaltsstoffe Gerbstoffe, Flavonoide, Bitterstoffe


mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten



Verwendung in der Phytotherapie: zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben  Für einen Tee werden 2-4 TL des zerkleinerten Krautes (Blätter / Blüten) in einer Tasse heissem Wasser für 10 bis 15 min ausgezogen. Durch den hohen Gerbstoffgehalt eignen sich die Blätter / Blüten für typische Gerbstoff-Heilanwendungen.



In der Frauenheilkunde sind aus evidenzbasierter Sicht die zahlreichenden kursierenden Angaben aus New-Age-Strömungen sehr kritisch zu betrachten. Studien, welche erforderliche Qualitätkriterien erfüllen und auch plausible Wirkmechanismen gibt es weder für die Zyklusregulierung, noch für Geburtshilfe oder Förderung der Fruchtbarkeit. Eine Bearbeitung von HMPC liegt bisher nicht vor. Von ESCOP exisiert hingegen eine Monographie, wo das Kraut als traditionelles Arzneimittel nebst für Verdauungsbeschwerden und Durchfällen als als unterstützend zur Behandlung von Menstruationsschmerzen (ohne jedoch in der Monographie einen Wirkmechanismus, mögliche krampflösende Inhaltstoffe oder in-vitro bzw in-vivo Evidenzen zu nennen). Mehr zur Geschichte und Evidenz vom Frauenmantel in der Frauenheilkunde weiter unten auf dieser Seite bei "Beschreibung".

Beschreibung

Der Name «Mantel» ist hier Programm, denn Blätter weisen tatsächlich auf der Oberfläche eine ausgeprägte wasserabweisende Schicht auf, die aus ganz feinen Deckhaaren besteht. Diese verhindern eine Benetzung von Wasser auf der Blattfläche. Damit formt sich ein Wasserkörper auf der Blattoberfläche aufgrund der internen Oberflächenspannung zu einer Kugel und scheint dabei dabei auf der Blattfläche zu schweben bzw. abzuperlen. Durch diesen Effekt (der ähnlich ist wie der Lotuseffekt, bei dem statt Haare feine Wachskristalle die Benetzung vom Wasser verhindern) sind auf der Oberseite der Blätter oft zur Mitte hin perlende Wassertropfen zu beobachten, die sich dort durch Tau oder auch Regen dort ansammeln. In der Mitte können sie sich dann zu einem grossen Tropfen vereinigen und schliesslich am Stängel herabfliessen.


©perfidni1 – stock.adobe.com
©perfidni1 – stock.adobe.com

Doch es kommt noch besser: am Blattrand (genauer gesagt den Buchten zwischen den Zähnen) befinden sich Spaltöffnungen, wo aktiv Wasser aus dem Blatt herausgeschieden wird. Dieses Wasser bildet um die Blattzähne anschliessend kleine Tropfen, die «Gutationstropfen» genannt werden. Diese können teils wie die Tau- oder Regentropfen ebenfalls zur Blattmitte abfliessen und sich dort zu grösseren Tropfen vereinigen. Der Prozess des aktiven Wasserausscheidens («Gutation») erfolgt jeweils bei hoher Bodenfeuchte und wenn die Verdunstungsrate sehr gering ist. Die Pflanze macht dies um die Wasser-Zirkulation zur Aufnahme von Mineralstoffen aus dem Boden anzukurbeln. Denn damit die Mineralstoffe, die von den Wurzeln der Pflanze aus dem Boden aufgenommen werden, in den Spross transportiert werden können, braucht es eine ständige Wasserverdunstung an den Blattoberflächen, so dass unten in der Wurzel eine Art «Sogwirkung» entsteht. Ist die Luft um das Blatt jedoch gerade sehr feucht, dann nimmt die Verdunstung und somit auch der Transport von Mineralstoffen ab. Damit nun der Mineralstoffnachschub trotzdem gewährleistet wird, wird die Gutation aktiviert, so dass der «Sog» aus den Wurzeln trotz geringer Verdunstungsrate aufrechterhalten werden kann.


Gutationstropfen am Blattrand (©Karin Jähne – stock.adobe.com)
Gutationstropfen am Blattrand (©Karin Jähne – stock.adobe.com)

Die magisch anmutenden Perltropfen in der Mitte des Frauenmantels, die sich vor allem am Morgen aufgrund von Tau ansammeln können und möglicherweise auch die Gutationstropfen haben Menschen zu mystischen Interpretationen verleitet. Diese sind jedoch vor allem neueren Datums, d.h. eine besondere mythologische Bedeutung bei den Kelten, Germanen oder auch im antiken Rom ist nicht überliefert. Auch noch im Hochmittelalter hatte das Kraut keine besondere Bedeutung und wird auch von Hildegard von Bingen nicht erwähnt. Angaben aus dem volksheilkundlichen Buch «Lehrbuch der biologischen Heilmittel» von Gerhard Madaus aus dem Jahr 1938, wonach Hildegard von Bingen den Frauenmantel gegen Kehlgeschwüre empfohlen habe, bzw. die Germanen das Kraut der Göttin Freya zuschrieben, können nicht durch Primärquellen belegt werden (siehe «Tobyn, Denham und Whitelegg 2011 – Alchemilla vulgaris, lady’s mantle»). Auch ältere Angaben, wonach es sich beim von Dioskurides im antiken Rom beschriebenen leontopodium oder pedeleonis um den Frauenmantel gehandelt hätte, werden als Fehlinterpretation gesehen.


Erst im späten Mittelalter kommt der Frauenmantel unter dem Namen «synaw» langsam als wichtiger Mystik-Player in Erscheinung. Dies erst vor allem mit alchemistischer Interpretation, wo man glaubte, dass man mit dem Perlwasser Quecksilber «fixieren» könne. «Fixierung» ist dabei ein Arbeitsprozess in alchemistischen Vorstellungen und vermutlich experimentierte damit, um damit dem «Stein der Weisen» näher zu kommen (mit dem man angeblich unedle Metalle zu Silber oder Gold verwandeln können). Auch ist die christliche Deutung, zumindest was den Namen betrifft, ist erst ab dem Spätmittelalter schriftlich dokumentiert. Es wird vermutet, dass der schützende runde und gefältete Blattmantel mit Jungfrau Maria in Verbindung gebracht wurde, da dieser optisch den Manteln von Mariadarstellungen glich. Das Kraut selber galt in der damaligen Kräuterheilkunde vor allem als Wundkraut zur Blutstillung, wo es durch den hohen Gerbstoff-Gehalt auch sehr prädestiniert dafür ist.


Im Spätmittelalter und der Renaissance kamen von den akademischen Ärzten, auf Basis humoralpathologischen Schlossfolgerungen, zunehmend frauenheilkundliche Anwendungen mit dem Frauenmantel ins Spiel. So soll der in der humoralpathologischen Primärqualität trocknende Frauenmantel die Gärmutter «trocknen» und dadurch Empfängnis ermöglichen und Fehlgeburten verhindern (man sah damals viele dieser Problem als eine Folge zu feuchter Gebärmutter). Aus der durch Gerbstoffe zusammenziehende Wirkung hat man auch eine Anwendung «zur Straffung der Brüste» hineininterpretiert. Im 18. und 19. Jahrhundert stand dann aber wieder die Anwendung als Wundmittel im Zentrum. Dann im späten 19. und im 20. Jahrhundert kamen in den Kräuterbüchern die frauenheilkundlichen Anwendungen zunehmend wieder in den Fokus und dabei wurde das Anwendungsprofil durch zahlreiche Autoren (u.a. Maria Treben) immer mehr erweitert, bis es schliesslich zum «Allerheils-Frauenkraut» wurde, mit Heilsversprechen, die von Zyklusregulierung, über Behandlung von Unfruchtbarkeit, Endometriose, Wechseljahrbeschwerden, usw. reicht. Für diese Heilsversprechen gibt es weder qualitative Humanstudien, noch plausible Wirkmechanismen. Auch ESCOP erwähnt in der Monographie aus dem Jahr 2013 nebst dem Gerbstoff-bedingten Einsatz bei Verdauungsbeschwerden / Durchfall höchstens eine Behandlung unterstützende Behandlung bei krampfartigen Menstruationsschmerzen und auch das nur auf Basis von langjähriger traditioneller Anwendung und nicht auf wissenschaftlicher Evidenz. Eine neue umfassende Meta-Studie zur Evidenz von Frauenmantel für medizinische Anwendungen, u.a. auch für Frauenheilkunde findet sich in Jakimiuk et al. 2024. Dort werden u.a. in-vitro-Versuche erwähnt die einen entzündungshemmenden, antimikrobiellen und wundheilenden Effekt zeigen. Für die Frauenheilkunde wird eine Tiermodellstudie an Ratten mit Methanolextrakten in Bezug auf Endometriose erwähnt, die jedoch nicht auf den Menschen in-vivo übertragen werden kann. Weiter wird Studie aus den 80er Jahren aufgeführt, wonach sich bei Mädchen im Alter von 11-90 Jahren, die an Menstruationsstörungen litten, durch die regelmässige Verabreichung von Flüssigextrakten sich die Menstrutionsblutungen reduzierten. Allerdings wird dort nicht auf diesse Studie selbst, sondern auf das "British herbal compendium" von P. Bradley aus dem Jahr 2006 als Sekundärquelle verwiesen. Auch in «Tobyn, Denham und Whitelegg 2011 – Alchemilla vulgaris, lady’s mantle» wird die Studie erwähnt. Unklar ist bleibt die methodische Qualität (Placebo-Kontrollgruppe, Verblindung, Randomisieren, usw.) der Studie.

Im New-Age es 20. Jahrhunderts wurde der Frauenmantel auch mythologisch zunehmend zum Symbol des göttlich Weiblichen hochstilisiert. Dies oft auf Hinweis zu angeblichen keltischen / germanischen Traditionen, für die es wie erwähnt keine Quellen gibt !

 

Als Kulinarikpflanze hat der Frauenmantel kaum Bedeutung, zu hoch ist sein Gerbstoffgehalt und damit die Pflanzenteile unangenehm zusammenziehend. Als Tee bzw. im Teemischungen ist es am ehesten denkbar, wobei hierzu die Ziehzeit nicht länger als 5min dauern sollte. Vielmehr ist es nüchtern betrachtet v.a. eine Heilpflanze für die klassischen Gerbstoff-Heilanwendungen und ein Kraut, welches im New-Age stark mythologisch aufgeladen wurde.


Rein vom Botanischen her, ist beim Frauenmantel insofern speziell, dass es sich taxonomisch um eine Artengruppe handelt, d.h. eine Ansammlung zahlreicher sich ähnelnder und nicht eindeutig abgrenzbarer Frauenmantel-Kleinarten. Der Grund hierzu liegt ähnlich wie beim Löwenzahn, der Tatsache zugrunde, dass sich die Blüten selbst befruchten und so die Nachkommen genetische Kopien der Mutterpflanzen darstellen. Eine Besonderheit beim Frauenmantel ist, dass dafür nicht einmal ein eigenes Spermium benötigt wird, d.h. der Embryo entsteht direkt aus der sich teilenden Eizelle. Zufällige genetische Mutationen bleiben durch das Klonen viel länger in Abstammungslinien erhalten, wodurch sich mit der Zeit Kleinarten herausentwickeln. Ähnlich wie beim Löwenzahn spielen auch Plodie-Stufen eine wichtige Rolle, d.h. die meisten Individuen haben nicht wie üblich ein doppelter Chromosomensatz, sondern einen Vielfachen (oft 8 bis 28-fachen). Eine sexuelle Vermehrung findet nicht statt. Trotzdem erfolgt in den Blüten eine Pollen- und Nektarbildung, auch mit entsprechendem Insektenbesuch. Diese an sich unnützen Strukturen werden als noch nicht reduziertes evolutionäres Überbleibsel (aus der Zeit ihrer noch sexuell reproduzierenden Vorfahren) interpretiert.


Der Gemeine Frauenmantel kann mit diversen weiteren Arten / Artengruppen aus der Gattung Frauenmantel (Alchemilla) verwechselt werden, die ebenfalls runde und leicht gelappte Blätter aufweisen. Die Unterscheidung erfolgt dabei meist nur durch kleine Details, wie die Behaarung von Blättern, Blattstiel und Stängel, der Farbe der Blätter, der Lappenlänge, usw. Diese sind jedoch alle ungiftig und können identisch wie der Gemeine Frauenmantel verwendet werden. Von den Standorten her ist die Verbreitung innerhalb der Artengruppe des Gemeinen Frauennmantels (und auch den optisch sehr ähnlichen weiteren Artengruppen) sehr heterogen. Am ehesten lassen sich die Kleinarten als Wiesen- und Ufer- bzw. teils auch Ruderalpflanzen zusammenfassen. Die Arten sind meist trittfest und tolerieren regelmässiger Viehtritt oder auch das Betreten auf Wanderwegen. In der Regel werden frische, nährstoffreiche Standorte bevorzugt, wobei es wiederum auch Vertreter nährstoffarmer, bzw. trockener Wiesen- bzw. Gebirgsrasen und für Felsstandorte gibt. Einige Arten bevorzugen im Untergrund Kalk, andere Kristallingestein oder kommen mit beidem klar.

 

mögliche Verwechslungen

Mit anderen optisch fast identischen weiteren Frauenmantel-Artengruppen, die jedoch alle ungiftig sind und identisch verwendet werden können.

zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus

Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.

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Verwendung Kulinarik und Phytotherapie
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