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Gemeiner Frauenmantel (Alchemilla vulgaris aggr.)

Seite erstellt von David Büsser - Wildkräuterexperte
Familie: Rosengewächse (Rosaceae), Gattung: Frauenmantel (Alchemilla)
"Das Kraut wurde vor allem im New Age des 20. Jahrhundert extrem mythologisch aufgeladen. In der evidenzbasierten Phytotherapie müssen gewisse Heilangaben als Frauenkraut eher kritisch betrachtet werden."
Bestimmungsmerkmale und Lebensraum
> wie bestimme ich den Gemeinen Frauenmantel und wo kommt er vor?
Blattanordnung: Grundrosette und wechselständige Stängelblätter
Blätter: rund; handförmig-gelappt, 5-11 Lappen; Lappen 3-eckig bis halbkreisförmig und gesägt; kahl bis behaart
Grundblätter: lang gestielt, Blattstiel abstehend behaart; 5-12cm Durchmesser
Stängelblätter: sitzend bis umfassend; weniger dicht behaart als untere Blätter; 3-5 cm Durchmesser
Stängel: 30 bis 60 cm hoch; aufrecht; behaart
Blüten: in endständigen dichten Blütenständen angeordnet; Einzelblüten unscheinbar, gelbgrün, ohne Kronblätter, 4-5 spitze Kelchblätter, inkl. Aussenkelch; Blütenstiele kahl; blüht Mai bis September
Früchte: Nussfrüchte, die in den Kelch eingehüllt sind
typische Standorte: feuchte bis nasse Wiesen, nasse Ruderalflächen, Gebirgsrasen, Ufer (vom Tiefland bis auf 3'000 m ü. M.)
Fotos






....sind kleiner als die Grundblätter

Blüten klein und gelbgrün

ohne Kronblätter
Verwendung
> Gemeiner Frauenmantel in der Wildkräuterküche und als Heilpflanze verwenden
wichtige Inhaltsstoffe Gerbstoffe, Flavonoide, Bitterstoffe
Giftigkeit: Der Gemeine Frauenmantel ist ungiftig / essbar.
Kulinarische Verwendung
Blätter (leicht aromatisch, herb, stark adstringiernd > mehr dazu): jung im Salat oder als Blattgemüse / Gemüsebeigabe; Tee
Gemeiner Frauenmantel als Heilpflanze / Heilwirkung von Frauenmantel/ Verwendung in der evidenzbasierten Phytotherapie
zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben
Durch den hohen Gerbstoffgehalt eignen sich die Blätter / Blüten für typische Gerbstoff-Heilanwendungen. Für einen Tee werden 2-4 TL des zerkleinerten Krautes (Blätter / Blüten) in einer Tasse heissem Wasser für 10 bis 15 min ausgezogen.
Wunden (Blutstillung und Desinfektion): Dafür eignen sich Umschläge aus dem Teeauszug
Hautentzündungen / Neurodermitis (nasses Ekzem): Verwendet werden Umschläge aus dem Teeauszug. Die Umschläge werden ca. 3x am Tag für 1-2h aufgelegt und sind alle 10-20min zu erneuern (sobald sie warm und trocken sind). In der Zeit zwischen zwei Umschlägen werden feuchte Kompressen aufgelegt (resp. locker angebracht). Die Therapie darf jeweils nicht länger als 2-3 Wochen angewendet werden ist. Es ist auch eine Behandlung mittels Hand-, Fuss-, Sitz- oder Vollbäder möglich.
Entzündungen im Mund-Rachenraum: Mehrmals täglich den Teeauszug gurgeln.
Durchfall: Mehrere Tassen des Teeauszug über den Tag verteilt trinken.
Entzündung von Zähnen und Zahnfleisch: Blätter kauen
In der Frauenheilkunde sind aus evidenzbasierter Sicht die zahlreichenden kursierenden Angaben aus den New-Age-Strömungen eher kritisch zu betrachten. Studien, welche erforderliche Qualitätskriterien erfüllen oder auch plausible Wirkmechanismen, gibt es weder für die Zyklusregulierung, noch für Geburtshilfe oder Förderung der Fruchtbarkeit. Eine Bearbeitung von HMPC liegt bisher nicht vor. Von ESCOP exisiert hingegen eine Monographie, wo das Kraut als traditionelles Arzneimittel nebst für Verdauungsbeschwerden und Durchfällen als als "unterstützend zur Behandlung von Menstruationsschmerzen" (ohne jedoch in der Monographie einen Wirkmechanismus, mögliche krampflösende Inhaltsstoffe oder in-vitro- bzw in-vivo-Evidenzen zu nennen). Mehr zur Geschichte und Evidenz vom Frauenmantel in der Frauenheilkunde weiter unten auf dieser Seite.
Sammelkalender


Spannendes über die Art
Wasserabweisende Blattoberfläche
wie ein Regenmantel
Der Name «Mantel» ist hier Programm, denn die Blätter weisen tatsächlich auf der Oberfläche eine ausgeprägte wasserabweisende Schicht auf, die aus ganz feinen Deckhaaren besteht. Diese verhindern eine Benetzung von Wasser auf der Blattfläche. Aufgrund der internen Oberflächenspannung zwischen Wassermolekülen formt sich damit ein Wasserkörper auf der Blattoberfläche zu einer Kugel und schwebt dabei auf der Blattfläche. Durch diesen Effekt (ähnlich ist wie der Lotuseffekt, bei dem statt Haare feine Wachskristalle die Benetzung vom Wasser verhindern) sind auf der Oberseite der Blätter oft zur Mitte hin perlende Wassertropfen zu beobachten, die sich durch Tau oder auch Regen dort ansammeln. In der Mitte können sie sich dann zu einem grossen Tropfen vereinigen und schliesslich am Stängel herabfliessen.

Gutationstropfen
die scheinbar aus dem Nichts kommen
Doch es kommt noch besser: am Blattrand (genauer gesagt den Buchten zwischen den Zähnen) befinden sich Spaltöffnungen, wo aktiv Wasser aus dem Blatt herausgeschieden wird. Dieses Wasser bildet um die Blattzähne anschliessend kleine Tropfen, die «Gutationstropfen» genannt werden. Diese können teils wie die Tau- oder Regentropfen ebenfalls zur Blattmitte abfliessen und sich dort zu grösseren Tropfen vereinigen. Der Prozess des aktiven Wasserausscheidens («Gutation») erfolgt jeweils bei hoher Bodenfeuchte, bzw. wenn die Verdunstungsrate sehr gering ist. Die Pflanze macht dies um die Wasser-Zirkulation zur Aufnahme von Mineralstoffen aus dem Boden anzukurbeln. Denn damit die Mineralstoffe von den Wurzeln der Pflanze aus dem Boden aufgenommen werden können, braucht es für die "Sogwirkung" eine ständige Wasserverdunstung an den Blattoberflächen. Ist die Luft um das Blatt jedoch gerade sehr feucht, dann nimmt die Verdunstung und somit auch die Aufnahme und der Transport von Mineralstoffen ab. Damit nun der Mineralstoffnachschub in den Spross trotzdem gewährleistet wird, wird die Gutation aktiviert, so dass der «Sog» auf die Wurzeln trotz geringer Verdunstungsrate aufrechterhalten werden kann.

Mythologie des Frauenmantels
die erst ab dem späten Mittelalter schriftlich dokumentiert ist
Die magisch anmutenden Perltropfen in der Mitte des Frauenmantels, die sich vor allem am Morgen aufgrund von Tau ansammeln können und möglicherweise auch die Gutationstropfen, haben die Menschen zu mystischen Interpretationen verleitet. Diese sind jedoch vor allem neueren Datums, d.h. eine besondere mythologische Bedeutung bei den Kelten, Germanen oder auch im antiken Rom ist nicht überliefert. Auch noch im Hochmittelalter hatte das Kraut keine besondere Bedeutung und wird auch von Hildegard von Bingen nicht erwähnt. Angaben aus dem volksheilkundlichen Buch «Lehrbuch der biologischen Heilmittel» von Gerhard Madaus aus dem Jahr 1938, wonach Hildegard von Bingen den Frauenmantel gegen Kehlgeschwüre empfohlen habe, bzw. die Germanen das Kraut der Göttin Freya zuschrieben, können nicht durch Primärquellen belegt werden (siehe «Tobyn, Denham und Whitelegg 2011 – Alchemilla vulgaris, lady’s mantle»). Auch ältere Angaben, wonach es sich beim von Dioskurides im antiken Rom beschriebenen leontopodium oder pedeleonis um den Frauenmantel gehandelt hätte, werden als Fehlinterpretation angesehen.
Erst im späten Mittelalter kommt der Frauenmantel unter dem Namen «synaw» langsam als wichtiger Mystik-Player in Erscheinung. Dies erst mit alchemistischer Interpretation, nach der man glaubte, dass man mit dem Perlwasser des Frauenmantels Quecksilber «fixieren» könne. «Fixierung» ist dabei ein Arbeitsprozess in alchemistischen Vorstellungen und vermutlich experimentierte man damit, um dem «Stein der Weisen» näher zu kommen (mit dem man angeblich unedle Metalle zu Silber oder Gold verwandeln könne). Auch ist die christliche Deutung, zumindest was den Namen betrifft, erst ab dem Spätmittelalter schriftlich dokumentiert. Es wird vermutet, dass der schützende runde und gefältete Blattmantel mit der Jungfrau Maria in Verbindung gebracht wurde, da dieser optisch den Manteln von Mariadarstellungen glich. Das Kraut selber galt in der damaligen Kräuterheilkunde vor allem als Wundkraut zur Blutstillung, wo es durch den hohen Gerbstoff-Gehalt auch sehr prädestiniert dafür ist.
Von der Gerbstoff-Heilpflanze zum vermeintlichen Allerheilskraut
Im Spätmittelalter und der Renaissance kamen von den akademischen Ärzten, auf Basis humoralpathologischen Schlossfolgerungen, zunehmend frauenheilkundliche Anwendungen mit dem Frauenmantel ins Spiel. So soll der (in der humoralpathologischen Primärqualität "trocknende") Frauenmantel die Gebärmutter «trocknen» und dadurch Empfängnis ermögliche, bzw. Fehlgeburten verhindern (man sah damals viele dieser Probleme als eine Folge von "zu feuchter Gebärmutter"). Aus der durch Gerbstoffe zusammenziehende Wirkung hat man auch eine Anwendung «zur Straffung der Brüste» hineininterpretiert. Im 18. und 19. Jahrhundert stand dann aber wieder die Anwendung als Wundmittel im Zentrum. Im späten 19. und im 20. Jahrhundert kamen in den Kräuterbüchern die frauenheilkundlichen Anwendungen zunehmend wieder in den Fokus und dabei wurde das Anwendungsprofil durch zahlreiche Autoren (u.a. Maria Treben) immer mehr erweitert, bis es schliesslich zum «Allerheils-Frauenkraut» wurde, mit Heilsversprechen, die von Zyklusregulierung, über Behandlung von Unfruchtbarkeit, Endometriose, Wechseljahrbeschwerden, usw. reicht.
Für diese Heilsversprechen gibt es weder qualitative Humanstudien, noch plausible Wirkmechanismen. Auch ESCOP erwähnt in der Monographie aus dem Jahr 2013 nebst dem Gerbstoff-bedingten Einsatz bei Verdauungsbeschwerden / Durchfall höchstens eine Behandlung unterstützende Behandlung bei krampfartigen Menstruationsschmerzen und auch dies nur auf Basis von langjähriger traditioneller Anwendung und nicht wissenschaftlicher Evidenz. Eine neue umfassende Meta-Studie zur Evidenz von Frauenmantel für medizinische Anwendungen, u.a. auch für Frauenheilkunde findet sich in "Jakimiuk et al. 2024 - A review of the traditional uses, phytochemistry, pharmacology, and clinical evidence for the use of the genus Alchemilla (Rosaceae)". Dort werden u.a. in-vitro-Versuche erwähnt, die einen entzündungshemmenden, antimikrobiellen und wundheilenden Effekt zeigen würden. Für die Frauenheilkunde wird eine Tiermodellstudie an Ratten mit Methanolextrakten in Bezug auf Endometriose erwähnt, die jedoch nicht auf den Menschen in-vivo übertragen werden kann. Weiter wird eine Studie aus den 80er Jahren aufgeführt, wonach sich bei Mädchen im Alter von 11-90 Jahren, die an Menstruationsstörungen litten, durch die regelmässige Verabreichung von Flüssigextrakten, die Menstrutionsblutungen reduziert hätten. Allerdings wird dort nicht auf diese Studie selbst, sondern auf das "British herbal compendium" von P. Bradley aus dem Jahr 2006 als Sekundärquelle verwiesen. Auch in «Tobyn, Denham und Whitelegg 2011 – Alchemilla vulgaris, lady’s mantle» wird die Studie erwähnt. Unklar bleibt dabei die methodische Qualität (Placebo-Kontrollgruppe, Verblindung, Randomisieren, usw.) der Studie.
Im New-Age es 20. Jahrhunderts wurde der Frauenmantel auch mythologisch zunehmend zum Symbol des göttlich Weiblichen hochstilisiert. Dies oft auf Hinweis zu angeblichen keltischen / germanischen Traditionen, für die es wie erwähnt keine Quellen gibt !
Frauenmantel in der Küche
Als Kulinarikpflanze hat der Frauenmantel kaum Bedeutung, zu hoch ist sein Gerbstoffgehalt und damit die Pflanzenteile unangenehm zusammenziehend. Als Tee bzw. im Teemischungen ist es am ehesten denkbar, wobei hierzu die Ziehzeit nicht länger als 5min dauern sollte. Vielmehr ist es nüchtern betrachtet v.a. eine Heilpflanze für die klassischen Gerbstoff-Heilanwendungen und ein Kraut, welches im New-Age stark mythologisch aufgeladen wurde.
Fortpflanzung des Frauenmantels
durch "Apomixis" wird zur Samenbildung keine Bestäubung benötigt
Rein vom Botanischen her ist beim Frauenmantel insofern speziell, dass es sich taxonomisch um eine "Artengruppe" handelt, d.h. eine Ansammlung zahlreicher sich ähnelnder und nicht eindeutig abgrenzbarer Frauenmantel-Kleinarten. Der Grund hierzu liegt (ähnlich wie beim Löwenzahn) der Tatsache zugrunde, dass sich die Blüten selbst befruchten und es sich so bei den Nachkommen um genetische Kopien der Mutterpflanzen handelt. Eine weitere Besonderheit beim Frauenmantel ist ausserdem, dass hierzu nicht einmal ein eigenes Spermium benötigt wird, d.h. der Embryo entsteht direkt aus einer sich teilenden Eizelle.
Zufällige genetische Mutationen bleiben durch das Klonen viel länger in Abstammungslinien erhalten, wodurch sich mit der Zeit Kleinarten herausentwickeln. Ähnlich wie beim Löwenzahn spielen auch Plodie-Stufen eine wichtige Rolle, d.h. die meisten Individuen haben nicht wie üblich einen doppelten Chromosomensatz, sondern einen Vielfachen (oft 8 bis 28-fachen). Eine sexuelle Vermehrung findet nicht statt. Trotzdem erfolgt in den Blüten eine Pollen- und Nektarbildung, die auch mit entsprechendem Insektenbesuch einhergeht. Diese an sich "unnützen" Strukturen werden als noch nicht reduziertes evolutionäres Überbleibsel (aus der Zeit ihrer sexuell reproduzierenden Vorfahren) interpretiert.
Komplexe Taxonomie beim Frauenmantel
Der Gemeine Frauenmantel kann mit diversen weiteren Arten / Artengruppen aus der Gattung Frauenmantel (Alchemilla) verwechselt werden, die ebenfalls runde und leicht gelappte Blätter aufweisen. Die Unterscheidung erfolgt dabei meist nur durch kleine Details, wie die Behaarung der Blättern, Blattstiele und Stängel, der Farbe der Blätter, der Lappenlänge, usw. Die Arten sind aber alle ungiftig und können identisch wie der Gemeine Frauenmantel verwendet werden.
Lebensraum der Frauenmantel-Arten
Von den Standorten her ist die Verbreitung innerhalb der Artengruppe des Gemeinen Frauennmantels (und auch optisch sehr ähnlichen weiteren Frauenmantel-Artengruppen) sehr heterogen. Am ehesten lassen sich die Kleinarten als Wiesen- und Ufer- bzw. teils auch Ruderalpflanzen zusammenfassen. Die Arten sind meist trittfest und tolerieren regelmässiger Viehtritt oder auch das Betreten auf Wanderwegen. In der Regel werden frische, nährstoffreiche Standorte bevorzugt, wobei es wiederum auch Vertreter nährstoffarmer, bzw. trockener Wiesen- bzw. Gebirgsrasen und für Felsstandorte gibt. Einige Arten bevorzugen im Untergrund Kalk, andere Kristallingestein oder kommen mit beidem klar.
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mögliche Verwechslungen
Mit anderen optisch fast identischen weiteren Frauenmantel-Artengruppen, die jedoch alle ungiftig sind und identisch verwendet werden können.

zum Autor vom Phytikon: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Dabei gebe ich mein Wissen auch in Kursen weiter. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus.
Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.
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