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das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

Schmalblättriges- / Wald- Weidenrösschen (Epilobium angustifolium)
Illustration des Wald-Weidenrösschen (Epilobium angustifolium). Graphisch sehr übersichtlich sind Bestimmungsmerkmalen darübergezeichnet. Das Bild ist gut für die Bestimmung der Art geeignet.

Familie: Nachtkerzengewächse (Onagraceae), Gattung: Weidenrösschen (Epilobium)

"Die Art ist in den Alpen und den Höhen der Mittelgebirge sehr weit verbreitet. Aus den Blättern lässt sich leckerer Schwarztee-Ersatz herstellen."

 

Bestimmung

Blätter: wechselständig; sitzend bis sehr kurz gestielt; schmal-lanzettlich, 5 bis 20cm lang am Ende spitz; kahl; ganzrandig, Blattrand nach unten umgebogen oder eingerollt; fast horizontale Seitennerven, US blaugrün


Stängel: 50 bis 150 cm hoch; aufrecht; meist unverzweigt; rund bis leicht kantig; kahl


Blüten: 4 rosa bis purpurne und meist leicht ausgerandete Kronblätter (bis 1.5 cm lang); 4 länglich-ovale dunkelrosa Kelchblätter; 8 freie lange weisse Staublätter; weisser Griffel verzweigt sich in einer 4-teiligen Narbe; Einzelblüten in langen, endständigen Trauben angeordnet; blüht Juni bis August


Früchte: längliche, leicht 4-kantige Kapselfrucht mit hundertausenden von Samen; Samen mit Pappus


Zeigerwerte: halbschattig, mässig feucht, mässig nährstoffarm bis mässig nährstoffreich, schwach sauer bis neutral


typische Standorte: lichte Wälder, Ruderalflächen, Felsschutt, Ufer (bis auf ca. 3'000 m ü. M.)

Fotos

Verwendung

wichtige Inhaltsstoffe: Gerbstoffe, Flavonoide (Quercetin, Myricetin,..), Phenolsäuren, b-Sitosterol


mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten


  • Blätter / Triebspitzen (fade bis aromatisch, herb, adstringierend > mehr dazu): junge Blätter als Salat, resp. Beigabe im Salat, Wildgemüse, fermentierter Tee (siehe Text)



  • Blüten (leicht aromatisch, herb > mehr dazu): essbare Dekoration



Tee aus fermentierten Blätter des Wald-Weidenrösschens


Verwendung in der Phytotherapie: zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben


  • Prostatavergrösserung: In der Volksheilkunde wird das Schmalblättrige Weidenrösschen (resp. auch das Kleinblütige Weidenrösschen) in Sachen Prostatavergrösserung zur Vorbeugung und Behandlung eingesetzt. Das Ganze wurde auch in Tier- und Zellstudien untersucht. So könnte möglicherweise das enthaltene Oenothein B (ein Gerbstoff-Molekül) in den hormonelle Balance des Körpers eingreifen, so dass der Wachstumsreiz auf die Prostata geringer wird. Klinische Studien wurden bisher aber nie durchgeführt. Auch zur Bioverfügbarkeit von Oenothein B gibt’s keine Daten und gerade bei dieser Frage muss ein grosses Fragezeichen gesetzt werden, da Gerbstoffe generell kaum vom Körper aufgenommen werden (möglicherweise aber die im Darm entstehenden Abbauprodukte davon?). HMPC hat das Weidenrösschen-Kraut aufgearbeitet und im Jahr 2016 eine Monographie herausgegeben. Es anerkennt die Anwendung «zu Linderung von Symptomen der ableitenden Harnwege, die in Verbindung mit einer beginnenden Prostatavergrösserung stehen und nachdem ernsthafte Umstände ärztlich ausgeschlossen wurden» als «traditional use». Die Einnahme erfolgt in Form von Tee zweimal am Tag. Für eine Tasse Krautes in 250ml Wasser ausgezogen.

    Keine Anwendung bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren !

Beschreibung

Das Wald-Weidenrösschen mit seinen schönen rosa Blütenständen ist auf der gesamten Nordhalbkugel verbreitet. In Europa kommt es am häufigsten in den Hoch- und Mittelgebirgen vor, doch man findet es aber auch im Tiefland. Das Wald-Weidenrösschen ist weiter in Skandinavien, Alaska und Kanada sehr prägend in der Landschaft. Es handelt sich um eine Pionierpflanze, welche insbesondere gestörte Flächen, wie z.B. Kahlschlägen oder auch Flächen nach Waldbränden rasch besiedeln kann. Eine Pflanze produziert 50'000 bis 80'000 Samen pro Jahr, grössere Exemplare teils auch weit über 100'000 Stück. Die Samen sind sehr klein und dank dem Haarschopf können diese bei starkem Wind bis zu mehreren Kilometern weit verbreitet werden. Die Samen überdauern auch problemlos mehrere Jahrzehnte und können in der Samenbank des Bodens ruhen, während die nach Störungen in der Vegetation (wie Kahlschlag, Waldbrand, Rutschung…) sofort keimen können. Durch vegetative Ausbreitung mittels unterirdischer Rhizome kann das Wald-Weidenrösschen rasch grössere Flächen vereinnahmen und Massenbestände bilden.


In Nordamerika nennt man die Art auch «fireweed», weil sie sich insbesondere nach Waldbränden, wie aus dem Nichts, explosionsartig ausbreitet. Stark ausgebreitet hat sich die Pflanze ebenfalls auf den Trümmern des 2. Weltkrieges, was ihm den Namen «Trümmerblume» eingebracht hat. Sobald sich nach ein paar Jahren an den Pionierstandorten andere, konkurrenzstärkere Arten ansiedeln, verschwindet das Wald-Weidenrösschen. An einem Standort dauerhaft durchsetzen kann sich die Art nur bei Dauerstörung, was z.B. im an Hängen mit regelmässigen Rutschungen oder Steinschlag oder auch Schotterbänken von Flüssen der Fall ist. Auf Wiesen ist die Art gegen Gräser oder andere Kräuter generell nicht konkurrenzfähig, ausser auf blockigen Wiesen, wo es immer wieder Lücken in der Humusschicht hat. Das Rhizom-Geflecht im Boden hat einen guten Nebeneffekt, dass dadurch der Boden stabilisiert und vor Erosion geschützt wird. Innerhalb der mehrmonatigen Blütezeit im Sommer wächst das Stängelende kontinuierlich in die Höhe und es werden dabei immer wieder neue Blüten bildet, während etwas tiefer am Stängel bereits Früchte heranreifen. Die häufigsten Blütenbesucher und damit Bestäuber sind Hummeln, nicht zuletzt weil der Nektar sehr tief in den Blüten steckt.


Traditionell hatte die kulinarische Nutzung des Wald-Weidenrösschen vor allem in Skandinavien und Osteuropa bei der Landbevölkerung einen gewissen Stellenwert. So wurden die jungen Triebe (Stängel und Blätter) wie Spargel als Gemüse gekocht. Die Blätter an sich haben jedoch nur wenig Geschmack. Die Nutzung der Wurzel ist nur selten dokumentiert, womöglich auch wegen der Tatsache, dass diese in der Regel faserig-verholzt sind. In Russland, Finnland oder dem Baltikum war auch Tee aus den «fermentierten» Blätter sehr beliebt. Dies zu Zeiten, wo Schwarztee aus Asien noch nicht zur Verfügung stand. Die «fermentierten» Blätter duften nämlich, im Gegensatz zu den frischen Blättern, sehr angenehm aromatisch fruchtig-süsslich-malzig. Bei der Fermentation handelt es sich jedoch nicht um einen mikrobiellen Prozess, sondern um eine rein chemische Reaktion zwischen den enthaltenen Polyphenolen (Gerbstoffe, Flavonoide, Phenolsäuren,..) und pflanzeneigenen Enzymen (u.a. Polyphenoloxidase). Im Grunde ist es derselbe Prozess wie bei der Herstellung von Schwarztee, allerdings scheinen beim Wald-Weidenrösschen andere Ausgangs-Polyphenole und auch andere Endprodukte beteiligt zu sein.  Der Tee wurde vom 17. bis 19. Jahrhundert von Russland aus nach Mitteleuropa exportiert (v.a. unter dem Namen „Koporsky-tee“), als billigere Alternative zum Schwarztee. In den beiden Weltkriegen war er beim sowjetischen Heer sehr beliebt. Der heute bekannte Begriff Ivan-Chai („Ivan-Tee“) hat sich erst seit den 90er Jahren als Marketing-Begriff durchgesetzt. In dieser Zeit, nach dem Zerfall der Sowjetunion erlebt dieser nämlich so etwas wie eine Renaissance. Vorher war der Tee im Handel nämlich für den Verkauf verboten und generell als „nicht kontrollierbares Produkt des einfachen Volkes“ beim sowjetischen Staatsapparat nicht gern gesehen. „Ivan“ so etwas wie der russische Standart-Männervorname, was die Bedeutung als traditioneller Tee für das einfache Volk und die Rückbesinnung auf die russische Volkskultur unterstreicht. Dass der Name des Tees etwas mit dem russischen Zar Ivan IV. aus dem 16. Jahrhundert zu tun hat, gilt als Mythos.


Um Ivan Chai herzustellen, werden die Blätter erst etwas angewelkt, so dass diese schlaff werden, aber noch genug Restfeuchtigkeit vorhanden ist. Die welken Blätter werden danach intensiv geknetet und angerissen, bis die Blätter beginnen matschig zu werden. Dieses Zerstören der Zellstruktur hat das Ziel, die für die Fermentation benötigten Enzyme zu aktivieren. Nun werden die Blätter in einer Schüssel, die oben mit einem nassen Tuch bedeckt wird, für 24 bis 48h gelagert. In diesem feucht-warmen Milieu findet nun die „Fermentation“ statt, wo die Enzyme mit den Inhaltsstoffen der Blätter reagieren und zur Bildung von angenehmen Aromastoffen führen. Am Ende werden die Blätter möglichst rasch getrocknet, um Schimmelbildung zu vermeiden. Dies geht am besten im Backofen bei 40 Grad Umluft bei geöffnetem Spalt oder im Dörrgerät. Zur Lagerung werden die trockenen Blätter in ein geschlossenes Gefäss gefüllt. Für den Tee werden die Blätter zerkleinert und 1-2TL davon in 250ml heissem Wasser ausgezogen.

 

mögliche Verwechslungen

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zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus

Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.

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