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Kompass-Lattich / Wilder Lattich (Lactuca serriola)

Familie: Korbblütler (Asteraceae), Gattung: Lattich (Lactuca)
"Es handelt sich um die Wildform des Kopfsalates und man kann ihn ebenso als Salat nutzen - ist allerdings deutlich herber. Die Blätter richten sich meist nach Norden-Süden aus und sind so auch etwas wie ein Survival-Kompass."
Bestimmung
Blattanordnung / Lebenszyklus: Austrieb als Grundrosette (im Herbst > dann überwindert, oder Frühling), ab Spätfrühling / Frühsommer Stängelbildung mit wechselständigen Stängelblättern; untere Blätter mit geflügeltem Stiel; obere Blätter den Stängel umfassend
Blätter: lanzettlich, 5 bis 20 cm lang; schrottsägenförmig (grobe, zum Blattgrund weisende Abschnitte) und mit breiten Buchten (selten kaum eingeschnitten); Abschnitte fein stachelig gezähnt; OS blau- bis graugrün; schuppiges Blattmuster mit breiten weissen Blattnerven; Blattrand und Mittelnerv unten bestachelt; Blätter senkrecht verdreht und meist Nord-Süd ausgerichtet; Blätter eher hart / steif ausgebildet
Stängel: 50 bis 150cm hoch; weisslich; in den unteren Bereichen unten mit einzelnen Stachelhaaren (sonst kahl); innen mit Milchsaft (kann Kontaktallergien auslösen)
Blüten: endständige Rispen mit Blütenkörben; Blütenkörbe jeweils mit 12-20 (eher grossen) gelben Zungenblüten (ohne Röhrenblüten, typisch für Unterfamilie Chichorioideae); blüht Juli bis September
Früchte: graubraune (am Ende kurzborstig behaarte) Achäne; 3-4mm lang; mit geschnäbeltem Pappus
Zeigerwerte: hell, mässig trocken, nährstoffreich, neutral bis basisch, salztolerant
typische Standorte: Wegrand, Ruderalflächen
gefährliche Verwechslungen: Gift-Lattich (Lactuca virosa) < die Unterscheidungsmerkmale finden sich weiter unten im Abschnitt «mögliche Verwechslungen»
Fotos

wechselständig und gedreht N-S ausrichtend

am Rand und Nerven unten stachelig behaart

können teils auch randlich kaum buchtig eingeschnitten sein


Verwendung
wichtige Inhaltsstoffe: Bitterstoffe (v.a. Sesquiterpenlactone), Flavonoide
mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten
Blätter (Grundrosetten / Triebspitzen) (aromatisch, herb > mehr dazu): Salat / Salatbeigabe, Blätterchips, "Küchle", Wildgemüse, Suppe
Blüten (herb > mehr dazu): essbare Dekoration

Beschreibung
Der Kompass-Lattich hat ein weites Verbreitungsgebiet, dass sich vom mediterranen Raum, über Nordafrika bis über die Steppengebieten Eurasiens erstreckt. Sie ist trockenverträglich (kräftige, tiefe Pfahlwurzel) und wärmeliebend. In Mitteleuropa tritt sie deshalb nur im Tiefland an warmen, trockenen Standorten auf. Es handelt sich um eine Pionierpflanze, die vor allem gestörte offene Flächen rasch besiedeln kann.
Der Austrieb erfolgt oft bereits im Herbst, indem sich eine Grundrosette bildet, welche anschliessend überwintert. Der Austrieb der Grundrosetten kann aber auch erst im Frühling erfolgen. Ab Spätfrühling / Frühsommer erscheinen dann die Stängel mit den Blütenständen am Ende (Blütezeit beginnt dann ca. Mitte Sommer). Die Bestäubung der Blüten erfolgt hauptsächlich durch Selbstbestäubung, Die Fremdbestäubungsrate liegt bei lediglich ca. 1%. Eine grosse Pflanze kann bis zu 200'000 Früchte ausbilden. Diese können dank dem Pappus («Fallschirm») effizient mit dem Wind verbreitet werden. Damit kann die Art als Pionierpflanze immer wieder rasch neue offene Standorte besiedeln. Die Samen sind dabei nur ca. 1 bis 3 Jahre lang keimfähig. Nach der Fruchtausbreitung sterben die Exemplare ab. Sobald Gräser oder höher wachsende Pflanzenarten der Pionierstandort einnehmen, wird der Kompass-Lattich rasch verdrängt. Ein einmaliger Schnitt verträgt die Art jedoch erstaunlich gut, v.a. wenn dieser noch im Rosettenstadium, bzw. frühen Stängelstadium erfolgt.
Eine Besonderheit bzw. Anpassung an die warmen, sonnig-trockenen Standorte, ist, dass sich die Stängelblätter senkrecht umbiegen und sich dabei Nord-Süd ausrichten. Dies macht sie um eine Überhitzung in der Mittagssonne zu vermeiden. Denn so erreicht das Sonnenlicht um die Mittagszeit vor allem die Kanten der Blätter und nicht die Blattspreite. Damit hält sich die Erwärmung (und damit auch der Wasserverlust) in Grenzen. Photosynthese wird dann vor allem am (kühleren) Vormittag und Abend betrieben, wenn das Sonnenlicht auf die West-Ost exponierten Blattflächen trifft. Durch diese Eigenschaft ist der Kompass-Lattich auch eine Kompasspflanze, welcher beim Orientieren (Bestimmung Himmelsrichtungen) helfen kann. Dabei ist jedoch zu beachten, dass an weniger sonnigen Stellen die Einregelung zufälliger ist bzw. weniger deutlich ausgebildet ist.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass neue generische Untersuchungen zeigen, dass es sich beim Kompass-Lattich um die Urform des heutigen Garten-Salates (Lactuca sativa) handelt (möglicherweise waren dabei auch Kreuzungen mit anderen Lattich-Arten beteiligt). Aus dem Garten-Salat gingen heutige Sorten wie Kopfsalat, Eisbergsalat, usw. hervor. Man vermutet, dass die Domestikation vor ca. 6'000 Jahren im Raum Kaukasus / Naher Osten begann. Die Daten beruhen wie erwähnt auf genetische Modelle, bzw. der Beginn der Domestikation lässt sich nicht aus historischen Quellen zurückverfolgen. Es wird vermutet, dass zu Beginn einfach die Exemplare selektiert wurden, bei denen die Früchte länger im Fruchtstand verblieben (nicht so rasch mit dem Wind verweht werden) und so besser gesammelt und wieder angesäht werden konnten. Historisch belegt ist die Verwendung des Garten-Salates dann ab dem Alten Ägypten, von wo aus sich später in der Antike die Zuchtsorten in die römisch-griechische Welt verbreiteten. Der klassische Kopfsalat entstand dann aber erst viel später in Europa (so ab dem späten Mittelalter).
Auch der Kompass-Lattich enthält wie der Gift-Lattich (siehe unten) möglicherweise giftige, bzw. pharmakologisch wirksame Sesquiterpenlactone wie z.B. das Lactucin. Die Art gilt jedoch nicht als Giftpflanze, bzw. hat in diversen Regionen Eurasiens eine belegte traditionelle Nutzung als Wildgemüse oder roh als Wildsalat. Verwendet wurden dabei v.a. die Blätter im Grundrosettenstadium oder die Triebspitzen. Von Experimenten mit dem Milchsaft sollte man aber trotzdem davon absehen.
mögliche Verwechslungen
Gift-Lattich (Lactuca virosa) - giftig
Beim Gift-Lattich handelt es sich um eine mediterrane Lattich-Art, die in Mitteleuropa nur zerstreut in warmen Tieflandgebieten vorkommt. Die Art besiedelt typischerweise nährstoffreiche Ruderalflächen. In der Antike beschrieb bereits Dioskurides in «De materia medica» einen «wilden Lattich», u.a. mit schlaffördernder und schmerzstillender Wirkung (dem Schlafmohn ähnelnd). Dazu wurden blühenden Triebspitzen abgeschnitten, den weisslichen Milchsaft ausgefangen (verfärbt sich in der Luft bräunlich) und dann in der Sonne getrocknet (und so eingedickt). Ob dabei (und auch in späteren schriftlichen Quellen) der Kompass- oder der Giftlattich gemeint war, lässt sich aus der Beschreibung aber leider nicht eindeutig feststellen.
Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde dann zunehmend mit dem eingedickten Milchsaft vom Garten-Lattich (nicht vom Gift-Lattich!) experimentiert, u.a. durch die Versuche des Amerikanischen Arztes John Redmann Coxe. Er verglich das Wirkspektrum mit demjenigen von Opium (eingedickter Milchsaft unreifer Kapseln des Schlafmohns). Spätere Ärzte sahen dann im 19. Jahrhundert darin eine heimische Alternative zum importierten Opium, das erst noch weniger Nebenwirkungen hätte. Als Name für diese Arznei etablierte sich ungefähr in dieser Zeit der Begriff «Lactucarium». Später wurde dann zunehmend auf den Gift-Lattich als Stammpflanze für das Lactucarium umgestiegen, da dieser deutlich mehr Milchsaft enthält. Die Wirkung des Lactucarium war in der frühen Neuzeit unter Ärzten jedoch umstritten und so verschwand es dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Medizin. In der Hippie-Kultur der 70er-Jahre erlebte es nochmal ein kleines Revival als «lettuce opium» indem Extrakte davon geraucht wurden (nebst dem Gift-Lattich auch aus dem Garten-Lattich). Wirklich durchgesetzt hat es sich bei den Hippies aber nicht, vermutlich weil es keine oder keine befriedigende Wirkung hatte (bzw. wenn dann vermutlich eher sedierend als wirklich «berauschend»).
Der Milchsaft enthält diverse Sesuiterpenlactone, bei denen Lactucin und Lactucopicrin die Hauptbestandteile ausmachen. Isolierend und in hohen Konzentrationen wirken diese Stoffe in Tierversuchen an Mäusen sedierend und schmerzstillend. Dies ist jedoch noch kein medizinischer Wirksamkeitsnachweis an Menschen. Eine direkte Anbindung an die Opiatrezeptoren (wie es bei Opiaten der Fall ist) und damit mögliche berauschende Wirkung, konnte an Versuchen mit Extrakten nicht nachgewiesen werden.
Die Art gilt als giftig, wobei die tatsächliche Giftintensität der Blätter usw. bisher nicht eindeutig geklärt sind. Es gibt jedoch Berichte wonach der Verzehr grösserer Mengen der Blätter bei Menschen auch schon mal Vergiftungssymptome wie Übelkeit, Pupillenerweiterung, Schwindel, usw. ausgelöst hätte.
Gemeinsamkeiten (u.a.)
obere Blätter umfassend
Blätter graugrün, Blattrand stachelig-gezähnt, Mittelnerv unten bestachelt
Stängel weisslich
Blütenkörbe (mit gelben Zungenblätter) in endständigen Rispen
Unterschiede (u.a.)
Blattrand nicht schottsägenförmig (kann selten aber auch schottsägenförmig ausgebildet sein)
Zipfel der oberen, umfassenden Blätter eher breit (beim Kompass-Lattich spitz)
Mittelnerv unten oft rötlich
Blätter nicht vertikal ausgerichtet (sondern normal horizontal)
unangenehmer Geruch
Stängel unten borstig behaart und oft rötlich gefleckt


zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus
Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.
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