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das erdflow-Phytikon - die Enzyklopädie für Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen

Edel-Kastanie (Castanea sativa)
Illustration der Esskastanue / Edel-Kastanie (Castanea sativa) für die Bestimmung der Art. Graphisch sehr übersichtlich sind Bestimmungsmerkmalen darübergezeichnet. Das Bild ist gut für die Bestimmung der Art geeignet.

Familie: Buchengewächse (Fagaceae), Gattung: Kastanien (Castanea)

"Der Klassiker unter den wilden Nüssen im Herbst schlechthin. Vor allem im Tessin gibt es zum Sammeln weitreichende Vorkommen"

 

Bestimmungsmerkmale

Fotos

Verwendung

Beschreibung

mögliche Verwechslungen

Bestimmungsmerkmale

Habitus: Baum bis 35m Höhe


Blätter: wechselständig; lanzettlich, 10-25cm lang; stachelig gezähnt


Äste / Stamm: graubraun; tief-längsrissig (junge Zweige rötlichbraun)


Blüten: klein und unscheinbar; einhäusig, getrennt-geschlechtlich; blüht Juni

  • männliche Blütenstände: bis 20 cm lange, abstehende bis aufrechte Kätzchen

  • weibliche Blütenstände: aus 1-3 Einzelblüten


Früchte: dunkelbraune, glänzende Nussfrucht; am Ende zugespitzt; Spitze fein behaart und mit Resten der Perigonblätter; Endokarp behaart; (meist) 3 Früchte zusammen in einem stacheligen runden Fruchtbecher (Cupula) eingepackt, der sich bei Reife in 4 Klappen öffnet


Zeigerwerte: halbschattig, mässig feucht, nährstoffarm, sauer


typische Standorte: Wald (v.a. in den tieferen Lagen des Tessins)

Fotos

Verwendung

mögliche Kulinarische Verwendung: zu den Grundrezepten


  • Blätter (herb): junge Blätter im Salat; ältere Blätter auch als Streckmehl


  • männliche Blütenkätzchen (intensiv aromatisch duftend): Tee, Sirup, Gelée, Likör


  • Früchte (nussig): über der Glut, im Backofen oder in der Bratpfanne zubereitet, Mus, Kastanienmehl, Marronipüree, Vermicelles – für die genaue Zubereitung dieser Rezepte siehe Text


diverse kulinarische Verwendungen der Esskastanie / Edel-Kastanie

Beschreibung

Die Edel-Kastanie wird auch Esskastanie genannt. ihr natürliches Verbreitungsgebiet ist schwierig zu rekonstruieren. Es dürfte irgendwo zwischen der Mittelmeerregion und dem kaukasischen Raum liegen. Dort wächst sie in den Gebirgen als Pionier- bis Halbschattenbaumart nach Störungen wie Waldbrände, Windwurf, etc.


Wahrscheinlich haben erst die Römer die Edel-Kastanie von Kleinasien nach Südeuropa gebracht. Auf jeden Fall wird sie seit der Antike im Mittelmeerraum grossflächig angebaut. Für grosse Teile der Landbevölkerung in den Bergregionen Südeuropas (wo kein Getreide angebaut werden konnte) waren die Früchte (190kcal / 100g Frischmasse) im Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert sogar das Grundnahrungsmittel (das «Brot der Armen»). Dabei reichen bereits wenige Bäume, um einen Menschen das ganze Jahr über mit Kalorien zu versorgen. Innerhalb der Schweiz liegt das Verbreitungsschwerpunkt der Edel-Kastanie hauptsächlich in den tieferen Lagen der Südtäler (Tessin, Puschlav, Bergell). Sie ist dort zwar nicht ursprünglich heimisch, kommt aber mit dem dortigen Klima sehr gut zurecht. Vor allem an südexponierten Hängen bis auf ca. 900 m ü. M. ist sie die dominante Baumart. Diese Dominanz beruht jedoch nicht auf Durchsetzungskraft gegenüber anderen Baumarten, sondern ist vielmehr das Erbe einer Jahrhundertelangen Kultivierung als Grundnahrungsmittel.


Durch Züchtung sind zahlreiche Sorten entstanden. Teilweise sind dadurch deutlich grössere Früchte entstanden, so dss diese (inkl. Fruchtbecher) auch schon mal einen Durchmesser von bis zu 10cm haben können. Zuchtsorten mit grossen Früchten und die einfach zu schälen sind, werden auch «Marroni» genannt.


Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Kultivierung der Esskastanie dann grösstenteils aufgegeben und aus den ursprünglich lichten Hainen («Selven»), die regelmässig gepflegt wurden, sind durch Verwilderung Wälder entstanden. Allerdings findet keine natürliche Verjüngung mehr statt und die Esskastanien werden zunehmend von heimischen schattentoleranten Baumarten verdrängt (je nach Standort Eichen, Bergahorn, Eschen, Rotbuchen, usw.). Grosse Schäden wurden Mitte des 20. Jahrhunderts durch den Kastanienrindenkrebs verursacht. Dieser stammt aus Ostasien und befällt die dortigen Kastanienarten. Ab den 1980er Jahre ist zusätzlich ein Virus eingewandert, welches wiederum diesen Pilz befällt und dessen Wirken stark abschwächt. Viele der befallenden Bäume konnten sich durch Stockausschlag wieder regenerieren.


Kastanienwald im Tessin
Kastanienwald im Tessin

Auch nördlich der Alpen findet man die Esskastanie. In der Schweiz findet man sie vor allem an den Lagen, wo Spätfröste (auf welche die Esskastanie sehr empfindlich reagiert) weniger ein Thema sind, was vor allem im Bereich von Seeufern (Wärmespeicher) der Fall ist. Weiter hat sie auch Ansprüche an Jahresmitteltemperatur und Vegetationsdauer, weshalb man sie vor allem in den Föhntaler, nahe von Seen (Vierwaldstättersee oder Walensee) an Südexponierten Hängen vorfindet. Mit dem Klimawandel verschieben sich aber gerade die Grenzen des möglichen Anbaus und die Esskastanie wird mittlerweile auch in anderen Regionen der Schweiz in den Wäldern als «Zukunftsbaum» angepflanzt. Das Holz ist dicht und im Ausseneinsatz (aufgrund des hohen Gerbstoffgehaltes im Kernholz) witterungsbeständig.


Die Nüsse sind reich an Kohlenhydraten (ca. 45g pro 100g Frischmasse hauptsächlich Stärke) und dabei liegt ein Teil auch als Zucker vor (ca. 8g), weshalb sie auch leicht süss schmecken. Der Fettgehalt ist (mit 2g pro 100g Frischmasse) im Gegensatz zu anderen Nüssen bei der Edel-Kastanie eher untergeordnet. Wegen dem hohen Wassergehalt verderben die Kastanien rasch. Zur Lagerung müssen die Kastanien müssen diese deshalb tiefgefroren, begast oder fermentiert werden. Bevor man die Kastanien verwertet, taucht man sie ins Wasser und diejenige, die oben aufschwimmen werden entsorgt, da diese von Larven des Kastanienwicklers befallen sind. Weibchen legen die Eier in die jungen Früchte. Die Larven fressen dann nach dem Schlüpfen erst das Nährgewebe auf (was zu Lufteinschluss führt und so die Kastanien schwimmen lässt) und fressen sich am Ende aus der Schale heraus. Deshalb werden auch keine Kastanien gesammelt, die ein Loch in der Schale haben. Teilweise liegt die Befallsrate bei 50% (auf der Alpennordseite ist die Befallsrate jedoch deutlich geringer). Bedarfsweise können die Kastanien vor der Zubereitung 1 bis 2 Stunden in kaltem Wasser gelagert werden. Damit nehmen die Schalen das Wasser auf und springen danach beim Erhitzen (durch den entstehenden Dampfdruck) leichter auf.

Die traditionelle Zubereitung erfolgt in der Röstpfanne (ohne Öl) über der Glut mit gelochten Eisenpfannen («heissi Marroni») und ohne Deckel. Die Löcher in der Pfanne stellen dabei sicher, dass der Rauch in Kontakt mit den Kastanien kommt und sich dadurch das angenehme rauchige Röstaroma entfaltet. Die Röstzeit beträgt ca. 10 bis 15min. Um ein Anbrennen zu verhindern wird regelmässig gerüttelt und geschwenkt.


Man kann die Esskastanien auch im Ofen (ca. 200°C Oben- und Unterhitze oder 180°C Umluft für 25 bis 30min) oder in der Bratpfanne (vorgeheizt mit mittlerer bis hoher Hitze, ca. 20 bis 25min, ohne Öl, alle Kastanien mit Bodenkontakt, ab und zu wenden, ohne Deckel) zubereiten. Am Ende werden die Kastanien ganz leicht gesalzen Kastanien eignen sich ideal als Beigabe zu herbstlichen Wild- Pilz oder Kürbisgerichten. Egal welche Zubereitungsmethode, wichtig ist, dass die frischen Kastanien vorher kreuzweise auf der gewölbten eingeschnitten werden, damit die harten Schalen (die sonst schwierig zu entfernen sind) aufgehen. Im Ofen ist ausserdem wichtig, dass die Kastanien immer etwas befeuchtet werden, ansonsten trocknen sie zu stark aus (und kriegen damit ein unangenehm mehlig-trockene Konsistenz). Dies wird sichergestellt, indem etwas Wasser auf den Ofenboden oder aufs Backblech dazugefügt wird. Nach dem Zubereiten können die Kastanien auch noch für 10min in einem feuchten Küchentuch gelagert werden, wodurch sich das Schälen nochmals erleichtert. In der Bratpfanne wird am Ende der Zubereitung etwas Wasser zugefügt und das Ganze kurz für 1 bis 2min mit Deckel gedämpft. Feuchtigkeit ist bei der Zubereitung zwar notwendig, aber zuviel ist für den Geschmack wiederum nicht zuträglich, denn dann findet lediglich ein «Dämpfen» statt, ohne Bildung von Röstaromen.


Für das Mus werden die Kastanien im kochenden Wasser (ca. 20 bis 25min Kochzeit) zubereitet (dabei findet keine Bildung von Röstaromen statt!), geschält und anschliessend mit dem Stabmixer püriert. Dieses Mus kann dann direkt dem Brot-, Pasta oder Gnocchi-teig zugefügt werden. In dem das Mus in dünnen Schichten im Backofen (bei ca. 40°C Umluft mit leicht geöffnetem Spalt oder Dörrex) getrocknet und anschliessend vermahlen wird, kriegt man Kastanienmehl. Dieses ist süsslich und hält luftdicht verschlossen an einem kühl-dunklen Ort ca. 3 bis 6 Monate. Wegen dem fehlenden Gluten muss man dieses zum Backen mit anderem Mehl vermischen (Anteil Kastanienmehl am Gesamtmehl maximal 50%). Für «Marronipüree» oder Vermicelles werden ebenfalls die im Wasser gekochten Kastanien verwendet und zusammen mit Milch/Rahm, Butter und Zucker eingekocht, ehe sie püriert werden (siehe zahlreiche Rezepte im Internet).


Die männlichen Blütenstände werden zwar hauptsächlich windbestäubt, duften gleichzeitig aber auch intensiv nach Honig, was zahlreiche Insekten anlockt, welche den Pollen sammeln und damit ebenfalls einen Beitrag zur Bestäubung leisten. Dadurch sind die männlichen Blütenstände auch ein kulinarischer Geheimtipp, um daraus Tee, Sirup, Gelee oder Likör herzustellen. Um Selbstbestäubung zu vermeiden, werden die weiblichen Blüten erst empfänglich, wenn Blütezeit der männlichen Blüten zu ihrem Ende kommt.

 

mögliche Verwechslungen

Gewöhnliche Rosskastanie (Aesculus hippocastanum)  giftig


Die Rosskastanie ist nicht mit der Edel-Kastanie verwandt und ist bei uns auch nicht heimisch. Sie stammt ursprünglich aus dem Balkan. Die Osmanen nutzten ihre Samen als Pferdefutter, deshalb wohl der Name. Bei uns in Mitteleuropa wird die Rosskastanie seit dem 16. Jahrhundert vor allem in Gärten und Parks als Zierbaum angepflanzt. Beliebt sind Rosskastanien auch bei der Belaubung von Biergärten als Schattenspender, wodurch sie sich wegen der breiten Krone mit den grossen Blättern ideal eignen. Hinzu verursachen sie sie mit ihren Wurzeln keine Schäden an den Keller (im Gegensatz zu anderen Baumarten). Ursprünglich war die Rosskastanie eigentlich in Bayern als Schattenbaum über dem Gewölbe von Bierkellern gepflanzt worden, damit (vor der Erfindung des Kühlschrankes) das dortige Bier kühl bleibt. In den Biergärten ist die Rosskastanie auch ein guter Wärmereflektor am Abend. Aus den kultivierten Habitaten verwildert die Rosskastanie dann gelegentlich auch in die freie Natur. Was bei der Rosskastanie als «Kastanie» verstanden wird, ist nicht wie bei der Edel-Kastanie die Nuss, sondern der Samen. Die Blüten sind Nektarreich und werden von Insekten bestäubt. Der Fleck in der Mitte ist bei unbestäubten Blüten gelb und sobald die Blüte bestäubt wurde, ändert («schaltet») sie auf rot. Die «Ampel» signalisiert damit den Bestäubern, ob sich der Besuch lohnt oder nicht (kein Nektar mehr). Die Blütezeit Ende Frühling / Frühsommer ist für viele Insekten sehr wertvoll, denn sie fällt damit in eine Zeit, wo viele andere Baum- und Straucharten bereits verblüht sind.


Die kugeligen Samen der Rosskastanie sind reich an Saponinen. Diese in ihrer Gesamtheit als „Aescin“ bezeichneten Stoffe machen einen kulinarischen Verzehr unmöglich, da giftig. Bereits der Verzehr von 1-2 Samen kann zu ersten Beschwerden führen. Doch die Dosis macht das Gift: Rosskastanien werden auch medizinisch genutzt und zwar bei Venenbeschwerden. Dank den enthaltenen Saponinen kann aus den Rosskastanien auch ein natürliches und ökologisches Waschmittel für Hände, Geschirr und Kleider hergestellt werden. Hierzu werden auf den Boden gefallene Exemplare gesammelt, gewaschen und dann in Stücke geschnitten. Diese Stücke werden im Anschluss für 5 bis 10 Stunden im Backofen (ca. 40 Grad, Umluft mit geöffnetem Spalt) getrocknet. Nun hat man einen Vorrat, der auch viele Monate aufbewahrt werden kann. Für 300ml Waschmittel werden 30g getrocknete Rosskastanien (ca. eine Handvoll) für mehrere Stunden in 300ml Wasser gelegt. Alternativ können sie auch kurz im Wasser ausgekocht werden. Der Auszug ist trüb und seifig. Eigene Erfahrung zeigen, dass das beim Handwaschen von Geschirr gut funktioniert, ausser es ist sehr zäher Dreck dran. Auch Selbstversuche in der Waschmaschine mit Kleidern ergaben positive Ergebnisse. Das Waschmittel ist zwar geruchsneutral, enthält allerdings auch Schwebstoffe, die sich auf den Kleidern als Rückstände ablagern können. Bei weissen Kleidern müssen die braunen Schalen der Rosskastanie vor dem Trocknen entfernt werden, ansonsten kommts zu Verfärbungen. Bei funktioneller Sportwäsche würde ich persönlich auf DIY-Kastanienwaschmittel verzichten.


Gemeinsamkeiten (u.a.)

  • die grossen, länglichen Teilblätter der Rosskastanie erinnern an die Blätter der Edel-Kastanie

  • die braun-glänzenden Samen der Rosskastanie sehen ähnlich aus wie die Nüsse der Edel-Kastanie.

  • das stachelige Perikarp der Rosskastanie sieht ähnlich aus wie der Fruchtbecher der Edel-Kastanie


Unterschiede (u.a.)

  • Blätter gegenständig, handförmig gefiedert, 5-7-zählig; Fiedern verkehrt-eilanzettlich und nur fein gezähnt

  • grosse Einzelblüten in kegeligen und aufrechten Trauben; blüht April / Mai

  • Früchte ohne Fruchtbecher; Die «Kastanie» ist lediglich der Samen; Samen nicht zugespitzt und ohne Perigon-Rest; Perigon mit deutlich weniger Stacheln als der Fruchtbecher der Edel-Kastanie.

  • gehört zur Familie der Seifenbaumgewächse (Sapindaceae)


Verwechslung / Unterscheidungsmerkmale der giftigen Rosskastanie gegenüber der ungiftigen/essbaren Edel-Kastanie / Esskastanie. Merkmale graphisch übersichtlich dargestellt.

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Verwendung Kulinarik und Phytotherapie
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