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Silber-Weide (Salix alba)

Familie: Weidengewächse (Salicaceae), Gattung: Weiden (Salix)
"Die Silber-Weide ist eine traditionelle Heilpflanze. Dank dem enthaltenen Salicin wirkt Tee aus der Rinde junger Zweige entzündungshemmend, schmerzlindernd und fiebersenkend."
Bestimmung
Habitus: Baum bis 20m Höhe (selten Strauch), Krone bei jungen Bäumen kegelförmig, im Alter dann formlos und mit weit ausladenden Ästen, die sich spitzwinklig verzweigen
Blätter: wechselständig; lanzettlich (4-6x so lang wie breit), Ende spitz und gegen den Grund verschmälernd, 5-8cm lang; sehr fein gezähnt; OS leicht behaart; helle Mittelscheitel und schwache rundliche Seitennerven; US dicht seidig behaart
Stamm: graubraun, netzrissig
junge Zweige: gelb- bis rotbraun (später grüngrau); an der Triebspitze fein behaart, sonst kahl und glänzend; sehr biegsam
Blüten: zweihäusig (nur entweder männliche oder weibliche Blüten pro Pflanze); Einzelblüten jeweils in zylindrischen, oft aufrechten, ca. 3-6cm langen Kätzchen (Weidenkätzchen) angeordnet; Tragblätter der Einzelblüten nur leicht behaart; blüht April / Mai (erscheinen mit den Blättern)
männliche Blütenstände: gelbe Staubblätter
weibliche Blütenstände: hellgrün, Fruchtknoten kahl
Früchte: Kapselfrucht; kahl; 4-6mm lang; mit sehr kleinen Samen, denen lange Flughaare angehängt sind; ab ca. Juni/Juli reif
Zeigerwerte: halbschattig, nass (im Bereich von fliessendem Bodenwasser, Feuchtigkeit stark wechselnd), nährstoffreich, neutral bis basisch
typische Standorte: Bach- und Flussufer, Auenwälder
Fotos

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Verwendung
wichtige Inhaltsstoffe: Gerbstoffe, Salicin, Flavonoide
*Giftigkeit: Die Pflanzenteile sind durch das enthaltene Salicin pharmakologisch wirksam! Der Verzehr hoher Mengen kann zu Verdauungsbeschwerden führen
mögliche Kulinarische Verwendung* (zusätzlich Schutzstatus beachten!) zu den Grundrezepten
junge Blätter (stark bitter > mehr dazu): als Beigabe im Salat, gekocht als Gemüsebeigabe
Weidenkätzchen (herb > mehr dazu): Beigabe im Salat (sind nicht so bitter wie die Blätter)
Rinde junger Zweige (stark bitter > mehr dazu): Tee, zu Heilzwecken (siehe nächster Abschnitt)
Verwendung in der Phytotherapie* zum Disclaimer über Heilpflanzen-Angaben: Weidenarten enthalten (vor allem in der Rinde) Salicin und zwar vor allem in der Form von Saligenin-b-D-Glykosid, einem Glykosid aus dem Salicylakohol. In der Rinde machen die Konzentrationen dabei bis zu 11% des Trockengewichtes aus. Das «Saligenin-b-D-Glykosid» wird erst im Darm von Bakterien in Salicylalkohol (Saligenin) und später in der Leber zu Salicylsäure umgewandelt. Diese Salicylsäure hat dann schliesslich einen schmerzstillenden, endzündungshemmenden und fiebersenkenden Effekt. Mittlerweile geht man davon aus, dass an der Heilwirkung nicht nur das Salicin, sondern auch noch weitere, in der Rinde enthaltene (Hilfs-)Stoffe, wie z.B. Flavonoide, beteiligt sind. Eine chemisch leicht modifizierte Form von Salicylsäure ist die «o-Acetylsalicylsäure», auch bekannt als Aspirin. Es ist deutlich besser verträglich als isoliertes Salicylsäure. Die Einnahme von Weidenrinden-Tee ist aber wiederum verträglicher als das Aspirin. Dazu werden 1 TL fein zerkleinerte (getrocknete) Rinde für 20min in 150ml kochend-heissem Wasser ausgezogen. Die Anwendung erfolgt dabei 3-5x täglich. Aufgrund der Löslichkeit der Salicin-Wirkstoffe eignen sich vor allem wässrige Auszüge, resp. Tinkturen mit einem mittleren Alkoholgehalt (40-50 Vol%). Im Öl sind diese unlöslich. Es sind in der Apotheke auch Fertigpräparate (in Form von Kapseln) erhältlich, die auf bestimme Salicingehalte standardisiert sind. Die empfohlene Tagesdosis an Salicin liegt bei 120 bis 240 mg (Packungsbeilage beachten). Leute, die auf Aspirin allergisch oder mit Asthma reagieren, werden dies übrigens auch auf den Weidenrinde-Tee tun. Langfristige Nebenwirkungen bei langfristiger Einnahme von Weidenrindentee wurden bisher nicht wissenschaftlich untersucht.
Keine Einnahme bei Personen, die an Asthma, Magen-Darm-Geschwüren oder eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion! Keine Einnahme bei der Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten! Keine Einnahme gleichzeitig mit Alkohol! Nicht bei Kindern unter 12 Jahren anwenden! Anwendung bei Schwangerschaft nur in Rücksprache mit Arzt! Gelegentlich kommt es bei der Anwendung zu Magenbeschwerden oder Überempfindlichkeitsreaktionen auf der Haut!
Fieber: Zur Behandlung von Fieber macht man sich die fiebersenkende Wirkung des Salicins zu Nutze. Wichtig zu erwähnen ist jedoch, dass Fieber eine wichtige Immunreaktion des Körpers ist, um die Erreger zu bekämpfen. Fiebersenkende Medikamente sind deshalb bei Erkältungen nicht zielführend, es sei denn es handelt sich wirklich um hohes Fieber (über 40 Grad), das aber sowieso einer ärztlichen Abklärung bedarf. Die Anwendung folgt in Form von Tee (siehe oben) oder Fertigarzneimitteln.
Schmerzen (z.B. Spannungskopfschmerzen oder Arthritis): Bei Schmerzen macht man sich die schmerzstillende Wirkung des Salicins zu Nutze. Wichtig zu erwähnen ist jedoch, dass die Wirkung im Gegensatz zu synthetischen Schmerzmitteln deutlich später einsetzt (da Salicin erst im Körper aufgespalten werden muss), was bei akuten Schmerzen ein Nachteil ist, die Anwendung bei chronischen Beschwerden jedoch interessant macht,
Je nach dem muss die Ursache akuter Schmerzen muss ärztlich abgeklärt werden! Die Therapie bei chronischen Schmerzen muss ärztlich begleitet erfolgen!
Beschreibung
Innerhalb der Gattung der Weiden (Salix) gibt es in Mitteleuropa ca. 30 Arten. Sie sind jeweils typische Pioniergehölze und bevorzugen oft feuchte bis nasse Standorte. Die Silberweide findet sich vor allem in der Weichholzaue der Auenwälder und an Bachufern. Diese Standorte sind von einer ständigen Landschaftsdynamik (Erosion, Ablagerung durch den Fluss) geprägt und werden periodisch (oft im Frühling) überflutet, dabei teils auch mit hoher Strömungsgeschwindigkeit. Die Silberweide ist dabei als schnellwüchsige Pionierpflanze gut an diese Bedingungen angepasst. Mit den biegsamen Zweigen stellen starke Wasserströmungen für die Silberweide kein Problem dar. Brechen die Äste dennoch mal ab, dann kann sie sich die Silber-Weide rasch wieder durch Stockausschlag regenerieren. Die Äste wurden früher wegen der hohen Biegsamkeit zum Flechten (z.B. von Körben, Zäunen, Gerüst für Lehmhäuser, etc.) genutzt. Abgebrochene Äste selbst können sich am Boden neu bewurzeln und ein neuer Baum bilden. Die Wurzeln sind als Anpassung an die hohe Strömung bei Hochwasser sehr kräftig ausgebildet. Aus regelmässig beschnittenen Exemplaren der Silberweide entwickelt sich eine spezielle Wuchsform, die «Kopfweide» genannt wird. Dessen Hauptstämme, die sich mit der Zeit aushöhlen, bieten dabei Unterschlupf für Fledermäusen oder Eulen.
Eines der wichtigsten Merkmale der Silberweide ist die silbrig schimmernde Blattunterseite. Diese entsteht durch eine dichte Behaarung, bzw. weiter dadurch, dass die Haare eng anliegend angeordnet sind und innen Luftzwischenräume enthalten. Damit wird ein Grossteil des Sonnenlichtes reflektiert (Kiesbänke in den Flussauen reflektieren viel Sonnenlicht), was den Baum vor Überhitzung und Wasserverlust schützt. Denn in Zeit wo die Weichholzaue nicht überflutet ist, herrscht Trockenheit: Auf den kargen Kiesbänken versickert das Niederschlagswasser nämlich rasch im tieferen Untergrund. Die silbrige Blattunterseite steigert weiter die Strahlung auf den darunterliegenden Blättern und damit auch die Photosynthese-Leistung.
Die kleinen Einzelblüten sind in Blütenständen, d.h. den charakteristischen «Weidekätzchen» angeordnet. Praktisch alle Weidenarten sind zweihäusig, d.h. die Individuuen haben entweder nur männliche oder nur weibliche Blüten. Die kleinen Einzelblüten sind sehr unscheinbar und haben weder Kron- noch Kelchblätter. Typisch sind jedoch Tragblätter in deren Achseln. Die männlichen Blütenstände (mit meist 2 gelben Staubblätter pro Blüte) sind meist von gelblicher, bzw. die weiblichen Blütenstände (mit 2 zusammengewachsenen Fruchtblätter pro Blüte) von hellgrüner Farbe. Die Bestäubung erfolgt mehrheitlich durch Insekten. Um diese anzulocken, sind an der Basis der Blüten jeweils Nektardrüsen vorhanden. Die Samen, die sich in Kapselfrüchten befinden, werden schliesslich mit dem Wind verbreitet. Dazu ist ihnen jeweils eine dichte Haarpracht angehängt.
Heilanwendungen mit der Weidenrinde (resp. Tee aus der Rinde von jungen Zweigen) sind bereits in bis zu 5'000 Jahre alten Schriften der alten Hochkulturen Mesopotamiens und bei den Ägyptern dokumentiert. Auch in den europäischen Kulturen der Antike und im Mittelalter, wurden die Wirkungen der Weidenrinde zu Heilzwecken genutzt. Meist wurde dazu die Silber-Weide oder die Purpur-Weide verwendet. Typischerweise wurde die Rinde im Wasser abgekocht, selten auch im Weisswein ausgezogen. Ab dem 18. Jahrhundert wurden dann aus wässrigen oder alkoholischen Auszügen durch schonendes Eindampfen-Extrakte hergestellt. Auch gab es ungefähr zu dieser Zeit, d.h. 1763 durch den englischen Geistlichen Edward Stone, die erste standardisierte Beschreibung zur Herstellung und Anwendung von Weidenrinderpulver (getrocknete Rinde, die in der Mühle vermahlen wurde), welches in Wasser oder Wein aufgelöst eingenommen wurde (jeweils 1 TL Pulver 2 bis 3x täglich). Im Jahr 1838 wurden durch den Chemiker Raffaele Piria erstmals das Salicin isolisiert. Weidenrinde verschwand dann gegen Ende des 19. Jahrhundert aus den Apotheken, indem die reine Salicylsäure nun synthetisch hergestellt werden konnte. Diese industrielle Produktion war deutlich billiger als die bisher aufwändig herzustellenden Weiden-Extrakte. Die reine Salicylsäure ist jedoch sehr bitter und die Einnahme wirkt auf den Magen stark reizend, bzw. kann Brechreit auslösen. Der Firma Bayer entwickelt schliesslich 1897 die aus Salicylsäure chemisch modifizierte Substanz Verbindung namens «o-Acetylsalicylsäure», resp. ein Verfahren, um dieses industriell herzustellen. Dese Substanz ist deutlich verträglicher als die reine Salicylsäure und wurde dann, resp. wird bis heute als Medikament mit dem Namen «Aspirin» vertrieben.
mögliche Verwechslungen
mögliche Verwechslungen
Alle Weidenarten können in ähnlicher Weise kulinarisch oder heiltechnisch verwendet werden, wobei der Salicin-Gehalt von Art zu Art unterschiedlich ist. Ähnlich hohe, meist sogar höhere Werte findet man in der Kornweide und der Purpurweide.
Es gibt mehrere Weidenarten, die wie die Silber-Weide eine längliche Blattform aufweisen. Diese sind jedoch deutlich länger (> 8cm), dünner (>6x so lang wie breit) und ohne die silbrig-glänzender Blattunterseite. Beispiele wären z.B.:
Korbweide (Salix viminalis): Blätter länger (bis 15cm), lanzettlicher (6-20x so lang wie breit), Blattrand nach unten gerollt; meist Strauch; blüht März /April vor dem Blattaustrieb; weibliche Blüten mit langen, dachziegelartig angeordneten Tragblättern (wie bei Lavendel-Weide)
Purpurweide (Salix purpurea): Blätter verkehrt-eilanzettlich (gegen die Spitze am breitesten) z.T. länger (4-12 cm lang), z.T. lanzettlicher (3-10x so lang wie breit), nur vorne gezähnt, US blaugrün, beidseitig kahl!; Strauch (bis 6m hoch); Zweige sehr dünn und z.T. mit purpurner Färbung; blüht März bis Juni, Blüten erscheinen vor dem Blattaustrieb; Kätzchen dicht behaart, Staubblätter und Narben zu Beginn (vor Aufblühen) purpurn.

zum Autor: Hallo, ich bin David und ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Wildpflanzen. Ich betrachte und behandle das ganze Thema Essbare Wildpflanzen und Heilpflanzen rational, evidenzbasiert und mit einer gesunden Portion Realismus
Ich bin leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs, egal ob zum Spazieren, Wandern, Biwaktouren oder Trailrunning.
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